Sonntag, 15. April 2018

Fehldiagnose von Hundeexperten: Der bellende Kleinhund und die Chefrolle


Bei Hunden wurden diverse Eigenschaften verstärkt, um für den Menschen nützlich zu sein. Zum Beispiel müssen, oder besser mussten einige Rassen als Zuchtziel sehr schnell auf Außenreize reagieren können. Spezielle Aufgaben bei der Jagd sind da als Beispiel zu nennen. Diese schnelle Reaktionsfähigkeit hat man bei diversen Rassen erfolgreich über Selektion und Zucht verstärkt.
Unruhe Nebenwirkung der Selektion
Die Nebenwirkung ist aber sehr oft, dass Hunde solcher Rassen häufig von ständiger Unruhe und Nervosität gekennzeichnet sind. Sind die Hunde mit einer angeborenen, inneren Unruhe zusätzlich noch mit einer dauerhaften äußeren Unruhe konfrontiert, verstärkt sich die Unruhe in ungesundem Maß. Hektische Haushalte, nervöse, unruhige Besitzer, Lärm und Hektik in der Nachbarschaft können Gründe sein, dass diese Hunde in ein starkes Stressverhalten fallen. Welches speziell diese Rassen durch viel Bellen und hohe Erregung im Allgemeinen kompensieren. Und unter der hohen Erregung sind die Hunde nicht ansprechbar und auch nicht lernfähig.
Falsche Auslastung verstärkt das Problem
Ein weiteres Problem ist, dass man diese unruhigen Hunde durch „Auslastung“ wie Bälle werfen etc. beschäftigen möchte, um sie „müde“ zu bekommen. Natürlich ist Bewegung und adäquate Beschäftigung für einen Hund wichtig. Aber die Auslastung wird oft maßlos übertrieben, was die innere Unruhe noch verstärkt.
Diverse Gründe für Unruhe
(c) fotolia - jagodka
Hunde, die eine durch Zucht angeborene Unruhe haben, die vielleicht auch noch eine unbekannte oder unschöne Vergangenheit haben. Und die dann in einem hektischen Umfeld leben. Und ggf. noch übermäßig „ausgelastet“ werden. Diese Hunde brauchen Struktur im Leben, sie brauche ein sicheres, ruhiges Umfeld, sie brauchen sehr viel Ruhe mit gezielten Reizen und ruhiger, adäquater Beschäftigung. Sie müssen trotz ihrer „unruhigen“ Voraussetzungen innerlich zur Ruhe kommen. Erst danach kann man an ein Training denken – wenn es überhaupt nötig ist. Zur Ruhe kommen ist in meinen Augen und nach meiner Erfahrung der Punkt, der unheimlich wichtig ist, den Hunde heute aber viel zu selten leben dürfen.
Zur Ruhe kommen und nicht bespritzen
Kläffende Hunde, sehr oft Kleinhunde aufgrund von angeborener Unruhe, brauchen also ein passendes Umfeld. Und Besitzer, die wissen, warum sich die Hunde so verhalten, wie sie sich verhalten. Was sie nicht brauchen sind irgendwelche Aussagen, dass sie klare Grenzen kennen müssten, dass sie nicht den Boss spielen dürfen, dass der Mensch der Rudelführer sein müsse. Und vor allem darf man solche Hunde nicht mit Rappeldosen, Wasserspritzern oder ähnlichem Unfug traktieren. Das macht, selbst wenn der Hund aus Furcht „funktioniert“, die innere Unruhe und den Dauerstress noch viel schlimmer. Und der Hund kompensiert den Stress dadurch nicht mal mehr durch bellen. Und fühlt sich bescheiden. Was sogar zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.
Aufgabe für verantwortungsvollen Hundehalter
Diese Hunde wollen nicht „Boss“ spielen, sie wollen keine Grenzen austesten. Sie sind innerlich aufgrund von diversen Umständen zerrissen und aufgewühlt. Das zu bewältigen und zu verbessern ist die Aufgabe von verantwortungsvollen Hundebesitzern.

Sonntag, 4. März 2018

Die Strafe, die zum Leben gehört


Seit längerer Zeit trage ich mich mit dem Gedanken, etwas über Lerntheorien zu veröffentlichen, weil nach meiner Erfahrung darüber nicht immer aktuelle Ansichten verbreitet werden. Oder teilweise Interpretationen kursieren, die Philosophien rechtfertigen sollen. Darum mal ein Versuch, die Lerntheorien und den Begriff Strafe sachlich näher zu erläutern. Der Text ist etwas lang geworden, was aber aufgrund des Themas nicht anders geht, obwohl ich schon versucht habe, ihn kurz und verständlich zu halten. Und auch wenn er zu Beginn vielleicht etwas verwirrend sein mag, würde ich mich freuen, wenn er komplett gelesen wird, weil er nur so ein rundes Bild ergeben kann.
Die Lerntheorien
Mit der Erklärung von Lernprozessen im Allgemeinen beschäftigen sich drei wichtige Lerntheorien: Der Behaviorismus (Lernen durch Verstärkung), der Kognitivismus (Lernen durch Einsicht und Erkenntnis) sowie der Konstruktivismus (Lernen durch persönliches Erfahren, Erleben und Interpretieren).
Die Theorien liefern, jede für sich betrachtet, eine logische Erläuterung für den Ablauf von Lernprozessen, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Erklärungsansätze erheblich voneinander.
Der Behaviorismus
Kern der behavioristischen Theorie ist die Auseinandersetzung mit dem Verhalten eines Individuums. Das Lebewesen wird als Produkt seiner Umwelt und seiner Instinkte betrachtet. Psychische Aspekte des Lernens werden hier nicht berücksichtigt, das lernende Individuum ist demnach eine Art „Black Box“. Seine Handlungen werden von äußeren Bedingungen (Reizen) gesteuert. Lernen basiert dem Behaviorismus zufolge auf Reiz-Reaktions-Mustern, was bedeutet, dass auf einen bestimmten Reiz unweigerlich eine bestimmte Reaktion folgt. Erwünschte Reaktionen werden verstärkt, also häufiger gezeigt, wenn sie für den Lernenden angenehme Folgen haben, und unerwünschte Reaktionen lassen sich dadurch reduzieren, dass sie für den Lernenden unangenehme Folgen haben. Von zentraler Bedeutung für den Lernerfolg sind also Belohnung und Bestrafung. Die sogenannte operante Konditionierung findet im Bereich der Hundeausbildung häufig Anwendung.
Der Behaviorismus leugnet komplett und bewusst das Vorhandensein innerer Vorgänge, die entgegen der äußeren Reize einen Einfluss auf das Verhalten haben können. An dieser Stelle ein kleines Beispiel für die operante Konditionierung durch äußere Reize – oder auch Lernen durch Versuch und Irrtum. Nehmen wir für das Beispiel ein Wildtier, hier vielleicht einen Wolf. Ein Wolf versucht einen Fluss mit starker Strömung zu überwinden springt hinein. Sein Vorhaben gelingt nicht und ist mit einer unangenehmen, nassen und schmerzhaften Konsequenz verbunden. Er wird operant konditioniert, die äußeren Umstände habe in lernen lassen, dass man nicht in einen reißenden Fluss springt.
Ein weiteres Beispiel ist, wenn der junge Wolf probiert auf einem Baumstamm zu balancieren. Er versucht es, fällt nicht herunter und bekommt aufgrund seines Erfolges ein gutes Gefühl, eine angenehme Konsequenz. Er hat durch Versuch gelernt, auf einem Baum zu balancieren. Er wurde operant konditioniert.
Konditionierung, so definiert, gibt es sicher und ist ein Teil des Lernens.
Trotzdem wird der Behaviorismus heute vor allem kritisiert, weil er Lernprozesse nur mit äußerer Einwirkung erklärt und dabei psychologische Aspekte wie die Fähigkeit, individuelle Problemlösungen zu finden, außer Acht lässt.
Der Kognitivismus
Diese Aspekte berücksichtigt eine weitere Lerntheorie – Der Kognitivismus: Der Kognitivismus stellt die individuelle Verarbeitung von Informationen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in den Mittelpunkt. Er betrachtet das Lernen als aktiven Prozess. Das Individuum speichert demzufolge Informationen aus allen Lebensbereichen als Erkenntnisse (Kognitionen) ab. Diese Erkenntnisse werden auf unterschiedliche Weise verarbeitet. Sie können im Gedächtnis abgespeichert und bei Bedarf wieder hervorgeholt werden, und außerdem können unterschiedliche Erkenntnisse miteinander verknüpft werden, sodass daraus neue Erkenntnisse entstehen. Es geht dabei um das Finden von Problemlösungen. Wichtige Teilgebiete der kognitiven Lerntheorie sind das Lernen am Modell, also das Lernen durch Abschauen bei anderen und das Lernen durch Einsicht, das auf dem Erkennen und Verstehen eines Sachverhalts beruht. Indem  verschiedenes, abgespeichertes Wissen kombiniert wird.
Soziales Lernen ist ein Teilbereich des Kognitivismus und nicht, wie heute teilweise fälschlich behauptet wird, ein Teil des Behaviorismus. Soziales Lernen wird heute allerdings oft dem Behaviorismus ergänzend zugefügt. Weil der Behaviorismus zwar viele gute Erkenntnisse bereithält, jedoch das Lernen insgesamt nicht ausreichend erklären kann.
Aber die Lerntheorie des Kognitivismus besteht nicht nur aus sozialem Lernen, oder auch Beobachtungslernen. Dass man also etwas bei anderen beobachtet und daraufhin probiert, dieses Verhalten selbst zu zeigen. Übrigens, ganz wichtig für das Verständnis und auch die Kritik am Behaviorismus. Laut Behaviorismus kann es kein Konditionieren sein, wenn ein Lebewesen etwas nach dem Beobachten eines anderen Lebewesens nachmacht. Das Beobachten und nachmachen ist ein innerer, ein kognitiver Vorgang, der, selbst bei angenehmer Konsequenz, nicht konditionieren genannt wird.
Ebenso ist es bei einem weiteren Beispiel. Denken wir an den Wolf zurück, der über Versuch und Irrtum, über operante Konditionierung gelernt hat, nicht durch einen reißenden Fluss zu schwimmen. Und, dass man über einen Baumstamm laufen und balancieren kann.
Kommt dieser Wolf jetzt irgendwann wieder an einen reißenden Fluss. Und wenn jetzt zufällig über diesen Fluss ein umgefallener Baum liegt. Wenn er nun sein inneres Wissen nutzt und über den Baum balancierend den Fluss überwindet ohne hineinzuspringen. Wenn er vorher gelerntes Wissen kombiniert und anwendet. Dann ist das kein Konditionieren laut behavioristischer Lerntheorie. Das ist kognitives lernen. Hier wurde die mögliche Konsequenz des Verhaltens schon vorher im Kopf durchgespielt und vorhandenes Wissen kombiniert. Etwas, was laut Behaviorismus nicht möglich ist.
Der Konstruktivismus
Widmen wir uns noch kurz der Lerntheorie des Konstruktivismus: Beim Konstruktivismus spielen die individuelle Wahrnehmung und Interpretation eine übergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht der Lernende selbst, der aus seiner Wahrnehmung der Umwelt eine eigene Sichtweise konstruiert. Das Lernen hängt also stark von persönlichen Erfahrungen ab.
Die richtige Lerntheorie?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Die richtige Lerntheorie gibt es nicht. Zwar gibt es immer noch Anhänger der einzelnen Lerntheorien, die ihre jeweilige Sichtweise als die einzig Wahre ansehen. Der Tenor ist heute allerdings, dass keine dieser Theorien als allein gültig oder als die beste bezeichnet werden kann, sondern alle eine Berechtigung haben. Es kommt auf die richtige Mischung unterschiedlicher Lösungsansätze an.
So ist die dem Behaviorismus entstammende Konditionierung sicher von Bedeutung, wenn es um das Lernverhalten von Hunden geht, aber sie ist eben auch nur ein Teil des großen Ganzen. Man kann ein Rückrufsignal noch so gut konditioniert und mit dem Hund trainiert haben, es besteht immer die Möglichkeit, dass der Hund selbstständig die Erfahrung macht, dass ein anderes Verhalten als das Zurückkommen seine Bedürfnisse eher befriedigt, zum Beispiel das Jagen. Gelernt hat er das durch Erkenntnis – denken wir zurück an den Kognitivismus.
Ein anderer Hund stellt vielleicht fest, dass er sich allein und unsicher fühlt, wenn er sich weit von seinem Besitzer entfernt hat. Er läuft freiwillig zurück, um die sichere Nähe seines Menschen zu suchen – weil er sich innerlich vorgestellt hat, dass es nicht angenehm wäre, allein zu sein. Er hat durch seine Fähigkeit mit der Situation umzugehen eine Lösungsstrategie (zurückkommen) entwickelt – wie es der Konstruktivismus beschreibt.
Wie man sieht, haben alle Lerntheorien ihre Berechtigung und sollten nicht verbissen als „richtig“ oder „falsch“ angesehen werden.
(c) fotolia - Igor Normann
Positive Verstärkung
Eine operante Konditionierung über positive Verstärkung (angenehme Konsequenz, die es wahrscheinlich macht, dass ein Verhalten wiederholt gezeigt wird) ist also gut, wichtig und richtig. Dieses Tool gehört in den „Werkzeugkoffer“ eines jeden professionellen Hundetrainers oder Hundepsychologen und hat auch bei der Ausbildung für verschiedenste Aufgaben, beim Erlernen von Tricks sowie beim Lernen bestimmter nützlicher Signale für den Alltag einen festen Platz.  Allerdings sollte man dem Hund auch genügend Raum lassen, kognitiv erlangtes und genutztes Wissen so zu kombinieren und anzuwenden, dass er selbst herausfindet, wie sich sein Leben insgesamt angenehm leben lässt. Das ist wichtig für das Selbstbewusstsein und das Wohlfühlen allgemein.
Anpassung durch kognitive Fähigkeiten
Neben der Konditionierung in der Hundeausbildung sollte man Hunden also genügend Raum geben, sich anzupassen. Das lernt er am besten im Alltag – ganz ohne komplizierte Anleitung. Anpassungsfähigkeit, als Folge kognitiver Fähigkeiten, ist eine der herausragendsten Eigenschaften des Haushundes – und des Menschen. Wohl ein Grund dafür, warum sich seit vielen tausenden von Jahren gerade diese beiden Spezies so gut aneinander anpassen können.
Strafe
Übrigens. Neben der positiven Verstärkung, also vereinfacht gesagt der Belohnung, ist auch die Strafe ein Teil der Konditionierung und des Behaviorismus. Um es hier nicht zu lang und zu kompliziert werden zu lassen ist Strafe im Zuge der operanten Konditionierung eine unangenehme Konsequenz. Die nasse und schmerzhafte Erfahrung unseres Wolfs beim Versuch den Fluss zu überqueren war streng genommen eine Strafe. Konditioniert, behavioristisch gesehen.
Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben - dosiert
Strafen und unangenehme Erfahrungen gehören also zum Leben. Allerdings, und das weiß man aus Forschungen der Humanpsychologie sehr genau, müssen die positiven Erfahrungen deutlich in der Mehrheit sein, weil dem Individuum andernfalls auch Verluste im Bereich Selbstvertrauen drohen, sowie Ängste und Unsicherheiten die das Leben bestimmen und nicht lebenswert machen.
Wie zum Leben insgesamt gehören unangenehme Konsequenzen, oder im Bereich der behavioristischen Konditionierung „Strafen“ genannt, auch im Zusammenleben Mensch / Hund und Hundeausbildung dazu. So ist es schon eine Strafe, wenn ich den Hund anleine, es ist unangenehm für ihn, eingeschränkt zu sein. Oder wenn ich dem Hund die Aufmerksamkeit entziehe, wenn er mal „überdreht“ – das alles ist im Bereich Versuch / Irrtum eine unangenehme Konsequenz und als Strafe zu bezeichnen. Und lässt sich im normalen Leben, soweit sie selten vorkommt, nicht vermeiden.
Strafen ist konditionieren
Das Wort Strafe im Zusammenhang mit dem Lernen und den Lerntheorien gehört übrigens zur behavioristischen Konditionierung. Das sollte auch allen bewusst sein, die Strafe als Kommunikation und nicht im Zusammenhang mit Konditionierung benutzen. Wenn man die Lerntheorien heranzieht, muss man es auch sinngemäß machen und nicht für die jeweilige Philosophie zurechtinterpretieren.
Strafen oder Einschüchtern?
Also, genauso wie angenehme Konsequenzen zum Leben gehören, sind auch unangenehme Konsequenzen Teil des Lebens und des Lernens und können wohl dosiert auch mal in der Hundeausbildung genutzt werden. Stichwort Aufmerksamkeit entziehen etc. Wohl dosiert endet aber da, wo es mit Schmerz zu tun hat, bzw. es sich zu ernsthafter Einschüchterung ausweitet. Wie vorher erwähnt, weiß man aus der Humanpsychologie sehr genau, dass beim Lernen, egal nach welcher Theorie, unangenehme Konsequenzen selten und in geringem Ausmaß vorkommen dürfen. Weil es sonst zum Verlust von Selbstsicherheit führt, was Ängste, Unsicherheiten, Frustrationen und dauerhaft unangenehme Gefühle mit sich bringt. Einen Verlust von Lebensqualität.
Wenn man ein Lebewesen erzieht oder ausbildet und dabei vornehmlich Strafe oder unangenehme Konsequenzen nutzt, führt das zu Verängstigungen und wird dann Einschüchterung genannt.
Zuckerbrot und Peitsche?
In der Hundeerziehung wird heute gern das Prinzip „von Zuckerbrot und Peitsche“ postuliert, oft angelehnt an den auch in der Humanpädagogik umstrittenen Ansatz der „Autoritativen Erziehung“. Doch in der Humanpädagogik wird Strafe und Kontrolle hier sehr begrenzt eingesetzt – um eben Einschüchterung und Verunsicherung zu vermeiden.
In der Hundeerziehung scheint es mir allerdings so zu sein, dass die Erkenntnisse vom behavioristischen Prinzip der Strafen, die einen Teil des Lebens ausmachen, als Ausrede missbraucht werden. Als Ausrede, Hunde einzuschüchtern und dadurch gefügig zu machen.
Kritik, bzw. kritisches Nachfragen bzgl. der aktuell bekannten Lerntheorien sind gut und wichtig um das Verständnis für Lernen und Verhalten an sich zu erweitern und zu hinterfragen. Daraus allerdings Ausreden und Rechtfertigungen für die Einschüchterung von Lebewesen abzuleiten, ist nun auch wieder kritisierbar…



Literaturhinweise:
Bower G. H. und E. R Hilgard, Stuttgart - Theorien des Lernens
Edelmann, W., Weinheim - Lernpsychologie
Mitchian, Haymo - Vom Behaviorismus zum Kognitivismus
Sämmer, Günther - Die Paradigmen der Psychologie
Reuter, Stephanie – Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus. Lehr- und Lerntheorien

Freitag, 9. Februar 2018

Klartextquickie – Warum das Jagdverhalten kein Trieb ist


Mit der Bezeichnung Triebe ist das so eine Sache. Eigentlich spricht man heute eher von Motivationen. Auch von Motivationen, die von innen kommen und einen gewissen Drang auslösen, etwas zu tun. Also durchaus von inneren Antrieben.
Da ist zum Beispiel im Kindesalter das Spielverhalten. Man hat einen inneren Drang zu spielen. Damit Körper, Geist und Fähigkeiten trainiert werden. Dieser Drang lässt aber nach, je älter man wird - um mit den Kräften zu haushalten. Der Drang zu spielen kommt von innen und wenn man diesen inneren Antrieb als Trieb bezeichnet, ist das sicher kein Weltuntergang.
Jagdtrieb oder Schutztrieb gibt es aber nicht. Jagdverhalten wird nicht von innen ausgelöst. Ein Beutegreifer zeigt es nur nach einem äußeren Reiz.
Das Suchen und Aufspüren von Nahrung kommt allerdings wieder von innen (Hunger). Das nennt man aber nicht Jagdverhalten, sondern die erste und zweite Phase des „Appetenzverhaltens“, welches in diesem Fall die Nahrungssuche und das Erkennen von Nahrung meint.
Der suchende Hund kann seinen Hunger danach nicht nur durch jagen stillen. Wenn er etwas findet, was nicht gejagt werden muss - Aas oder Müll z. B., bevorzugt er das um beim Jagen keine Energie zu verschwenden.
Gejagt wird nur, wenn es durch äußeren Reiz ausgelöst wurde. Und unter natürlichen Umständen auch nur, wenn die Beute mehr Energie liefert als die Jagd Energie kostet. Ein großer Beutegreifer wie ein Wolf würde nie lange hinter einer Maus herlaufen. 
(c) fotolia - rawpixel.com
Jagdverhalten ist kein Trieb, es ist kein Antrieb von innen um ein Bedürfnis zu befriedigen. Es ist eine Fähigkeit, die durch äußere Reize aktiviert werden kann, wenn sie gebraucht wird um als Endhandlung das Bedürfnis Nahrungserwerb zu befriedigen. Wird es nicht gebraucht, wenn die Nahrung so „rumliegt“, wird direkt gefressen und das Nahrungsbedürfnis ohne energieaufwendige Jagd befriedigt.
Ebenso ist es z. B. mit „Schutztrieb“. Das ist eigentlich ein Abwehrverhalten zur Verteidigung, das man nur bei dem äußeren Reiz "angegriffen werden" zeigt. Eine Fähigkeit, die man hat um sich selbst verteidigen zu können.
Bei vielen Hunden sind aber die Reizschwellen, die diese Verhalten auslösen, durch Zucht stark runtergesetzt. Die Hunde reagieren dann schneller auf die äußeren Reize. Jagen schnell und viel oder meinen sich dauernd verteidigen zu müssen.
Sie sind aber nicht "triebig". Sie haben eine heruntergesetzte Reizschwelle und reagieren oft sehr schnell und unangemessen. Durch Zucht und durch Degeneration der natürlichen Fähigkeiten. Um Menschen zu nutzen.
Ob diese „unnatürlich“ veränderten Fähigkeiten für den individuellen Hund oder eine ganze Rasse gut sind, ist eine andere Sache. 



Quellen:
http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/appetenzverhalten/814
Hanna-Maria Zippelius: Die vermessene Theorie. Vieweg 1992
Klaus Immelmann, Klaus R. Scherer, Christian Vogel: Psychobiologie. Grundlagen des Verhaltens. Beltz-Verlag 1988
Wolfgang Wickler: Von der Ethologie zur Soziobiologie. In: Jost Herbig, Rainer Hohlfeld (Hrsg.): Die zweite Schöpfung. München, 1990
W. Müller, S. Frings: Tier- und Humanphysiologie. 4. Auflage, Springer 2009
Gerhard Heldmaier,Gerhard Neuweiler: Vergleichende Tierphysiologie. Springer 2003

Freitag, 2. Februar 2018

Klartextquickie – Hunde bitte niemals auf den Boden drücken


Hunde haben in Situationen, die sie als bedrohlich oder unangenehm empfinden, verschiedene Strategien, damit fertig zu werden. Eine wichtige Strategie ist, der Situation zu entfliehen. Das ist aber nicht immer möglich, weil viele Hundehalter oft nicht mal bemerken, welche Situationen Hunde als unangenehm oder gar bedrohlich empfinden. Und die Hunde an der Leine in die Situation hineinmanövrieren. Wird der Hund dann mangels Fluchtmöglichkeit an der Leine aggressiv um die vermeintliche Bedrohung abzuwehren, der er nicht aus dem Weg gehen kann, wird das von den Hundehaltern vielfach falsch gedeutet. Als Dominanz, Ungehorsam oder ähnliches betitelt. Die Ignoranz, Fehlinterpretation von Hundeverhalten und vor allem auch die Fehlinformationen durch „Hundeflüsterer und Hundeprofis“ führen häufig zu Problemen im Verständnis zwischen Menschen und Hunden.
Auf den Boden drücken?
Zurück zu der Strategie der Hunde, bedrohlichen Situationen aus dem Weg zu gehen. Wenn man in einer Situation, wie zuvor beschrieben, den Hund auf den Boden drückt. Also, Hund an der Leine kann nicht fliehen und zeigt deshalb aggressives Verhalten. Und wird deshalb vom Besitzer auf den Boden gedrückt. Solange, bis er sich nicht mehr wehrt – bis er aufgibt. Mit der Rechtfertigung, ihn zu disziplinieren, ihm zu zeigen, wer der Boss ist etc.
Ruhiger Hund der innerlich stirbt
Wenn man das macht, nimmt man ihm die letzte Möglichkeit, eine Strategie zu finden, mit der für ihn bedrohlichen Situation umzugehen. Bellen oder Aggression an der Leine sind immer noch eine Strategie, die der Hund wählen kann. Er hat noch eine Handlungsalternative. Nimmt man ihm auch das noch und drückt ihn bis zur Aufgabe auf den Boden, nimmt man ihm also auch die letzte Strategiemöglichkeit. Was fatale Folgen haben kann.
(c) fotolia - mila_endo
Ein so behandelter Hund verlernt letztlich selbstständig zu handeln, Strategien in verschiedenen Situationen auszuprobieren und anzuwenden. Der Hund kann komplett Handlungsunfähig in diversen Situationen werden, ängstlich und unsicher. Im Grunde tötet man die Seele und das Wesen eines Hundes. Man schafft einen Hund, der vielleicht „funktioniert“ und ruhig ist. Aber innerlich ruiniert.
Möglichkeit zum Rückzug
Wenn Sie das nicht wollen, „erziehen“ Sie Hunde bitte nie darüber, sie am Boden festzudrücken. Das hat nichts mit Verständnis für Hunde zu tun. Wenn man das hätte, würde man Hunden immer die Möglichkeit geben, Situationen, die sie überfordern, verlassen zu können.

Sonntag, 21. Januar 2018

Klartextquickie - Der Hund muss wissen, was er nicht darf. Und was darf er?

Der Hund muss wissen, was er nicht darf. Macht er etwas, was er nicht darf, erntet er eine unangenehme Konsequenz. Er wird angeschrien, man zwickt ihm in die Seite, man gibt ihm einen Klaps, man zischt ihn an.
Strafe, wenn der Hund etwas macht
Die Kreativität der vom Menschen ausgedachten unangenehmen Konsequenzen ist groß. Um dem Hund deutlich zu zeigen, was er alles nicht darf. Das ist immer noch gängige Realität in der deutschen Hundeerziehung.
Strafe, wenn der Hund etwas nicht macht
Der Hund muss machen was der Mensch von ihm verlangt. Macht er etwas nicht, was von ihm verlangt wird, muss er mit einer unangenehmen Konsequenz rechnen. Setzt er sich nicht auf „Befehl“, wird er angebrüllt, in die Seite gezwickt, er bekommt einen Klaps oder wird angezischt.
Unangenehme Konsequenz, wenn er etwas in Menschenaugen falsch macht oder wenn er etwas nicht macht. Realität. Immer noch.
Was soll er machen?
Wie wäre es, wenn man dem Hund erst einmalmal mittteilt, was er machen soll, anstatt ihn dafür zu strafen, wenn er etwas falsch oder nicht macht. Irgendwie unfair und paradox und fast schon pervers. Ein Lebewesen etwas falsch machen lassen, es dann strafen und wollen, dass es danach etwas anderes macht. Das ist so, als ob man einen Schüler die Matheaufgabe falsch machen lässt, ihm dann auf die Finger haut und ihm nachher sagt, wie es richtig sein sollte. 
(c) fotolia - freehandz
Was will der Mensch? Fairness?
Also, es ist weitaus fairer und auch plausibler, einem Hund mitzuteilen, was man von ihm möchte, als ihn dafür zu bestrafen, dass er etwas falsch macht. Wie man ihm das mitteilt? Nun, die ausführlich seriöse Erläuterung ist für einen Quickie zu lang. Aber trotzdem einfacher als man denkt. Es hat etwas mit angenehmen Konsequenzen für „richtiges“ Verhalten zu tun. Und mit Fairness gegenüber einem Lebewesen, das bereitwillig lernen möchte. Es muss nur wissen, was der Mensch will…

Dienstag, 16. Januar 2018

Klartextquickie - Spielverhalten zeigen heißt nicht immer spielen wollen

Hunde wollen nicht immer mit anderen Hunden spielen. Auch wenn Hunde bei Begegnungen Spielverhalten zeigen, muss dies nicht zwangläufig Freude und Spielbereitschaft ausdrücken.

Spielverhalten wird von Hunden auch gezeigt, wenn sie unsicher sind und einem fremden Gegenüber ihre Friedlichkeit mitteilen möchten.
Sie möchten in erster Linie einen Konflikt vermeiden. Situativ gesehen – das heißt nicht, dass es nicht auch ernsthafte Spielaufforderungen gibt – vor allem bei befreundeten und bekannten Hunden.
(c) fotolia - Mark Stay


Aber auf keinen Fall sollte man Spielverhalten immer als „der will doch nur spielen“ deuten. Es kann eine Übersprungshandlung sein, ein Zeichen von Unsicherheit und/oder der Konfliktvermeidung. Man muss immer den Kontext betrachten und die Hunde situativ und individuell einschätzen.

Montag, 8. Januar 2018

Klartextquickie - Uriniert uns ein Hund aus Protest vor die Füße?

(c) fotolia - Roman Dekan
Nein, ein Hund pinkelt uns nicht aus Protest vor die Füße. Wenn Hunde in Aufregung geraten, ist in solchen Situationen hormonell auch die Steuerung des Wasserhaushaltes und der Blase beteiligt.
Das klassische „aus Angst in die Hose machen“ beruht auf dem Prinzip.

Den Hund dafür zu „maßregeln“, wenn er uns vor Aufregung vor die Füße pinkelt, ist also kontraproduktiv und in hohem Maße ungerecht.

Man sollte eher die Gründe für die Aufregung, für die Ängste ins Visier nehmen und sie so gut es geht abstellen. Oder gesundheitliche Gründe prüfen.

Einen Hund allerdings für ein Malheur zu strafen, welches durch unangenehme Gefühle begründet wurde bringt nicht nur nichts. Es bedeutet für den Hund noch mehr unangenehme Gefühle und noch mehr Stress.

Zusätzlich veranlasst es den Hund auch dazu, das Vertrauen in seinen Menschen zu verlieren…


Mittwoch, 3. Januar 2018

Klartextquickie - Wenn der Hund nicht sitzen will

Nein, wenn ein Hund sich auf einem Weihnachtsmarkt nicht auf Kommando hinsetzt, sondern immer wieder aufsteht und sich bewegen möchte, stellt er nicht die „Rangordnung“ infrage.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass er vom Stress des Marktes den innerlichen Drang hat, durch Bewegung den Stress abzubauen. Das ist sitzend nicht möglich.

Man unterdrückt dadurch die Lösungsstrategie des Hundekörpers, die Stressbelastung zu bewältigen.

Vielleicht möchte der Hund aber auch nicht mit seinem Hintern auf dem nassen und kalten Boden sitzen. Vielleicht plagt ihn aber auch irgendein Schmerz, der ihn am Sitzen hindert. Es gibt viele, individuelle Gründe, warum ein Hund sich nicht setzt, wenn das „Kommando“ ertönt.

Der blödsinnigste, angenommene Grund ist aber der, dass der Hund so etwas wie eine Rudelführung übernehmen will…


(c) fotolia - Igor Zakowski

Klartextquickie - Rangordnung und Führung bei Hundebegegnungen

Nein, wenn ein unsicherer, ängstlicher Hund einen anderen Hund beim Spaziergang anknurrt, will er keine Rangordnung klären. Wozu auch, er lebt mit dem Fremden nicht zusammen und sieht ihn vielleicht nie wieder.

Der knurrende Hund sagt nur, dass er keinen Kontakt wünscht. Die natürlichste, vernünftigste und beste Lösung in dem Fall ist, ihm den Wunsch zu gewähren und ihn aus der unangenehmen Situation herauszuführen.

Das untergräbt auch nicht die menschliche „Führungsrolle“. Im Gegenteil, wir zeigen dem Hund, dass wir ihn verstehen und ernst nehmen. Also jemand sind, dem man gern freiwillig folgt…


(c) fotolia - Igor Zakowski

Fehldiagnose von Hundeexperten: Der bellende Kleinhund und die Chefrolle

Bei Hunden wurden diverse Eigenschaften verstärkt, um für den Menschen nützlich zu sein. Zum Beispiel müssen, oder besser mussten einige R...