Samstag, 1. Oktober 2016

Der Jäger erscheint zur Märchenstunde im Kindergarten

Wenn der Mensch sich das erste Mal mit einem Thema beschäftigt, neigt er dazu, diese erste Information als wahr anzusehen. Selbst wenn diese vermeintliche Wahrheit später von Fakten widerlegt wird, fällt es dem Menschen extrem schwer, eine andere Sichtweise zu etablieren. Das ist bekannt. Sicher kann man erwachsenen Menschen, die in der Lage sind reflektiert zu denken, anhand von Fakten andere Sichtweisen näherbringen. Wie gesagt, wenn sie fähig sind, reflektiert und abstrakt zu denken. Wie sich in Europa gerade besonders zeigt, können das nicht alle Menschen – viele können augenscheinlich nicht einmal denken. Aber das ist ein anderes Thema.

Kinder glauben, was man ihnen sagt

Es ist also bekannt, dass Menschen, auch erwachsene Menschen, „ersten Informationen“ zu einem Thema sehr viel Bedeutung zukommen lassen. Wenn das beim Erwachsenen so ist, wie ist es dann beim Kind? Nun, natürlich wesentlich stärker ausgeprägt. Kinder saugen Informationen praktisch auf, sind aber nicht in der Lage, diese differenziert zu beurteilen. Wenn Eltern oder andere Personen, die in den Augen der Kinder vertrauenswürdig auftreten, Informationen liefern, dann werden diese als korrekt angesehen. Viel einprägender als bei Erwachsenen.

Jäger im Kindergarten

Beim Gespräch mit Bekannten bekam ich jetzt mit, dass im Kindergarten „Naturaufklärung“ durch einen Jäger durchgeführt wurde. Und das Kind seither überzeugt sei, dass Jäger Füchse erschießen müssten, weil diese angeblich sonst viel zu viele würden. Und dadurch andere Tiere ausgerottet würden. Außerdem müsste man sie schießen, weil sie Tollwut übertragen würden.

Fragliche Wahrheiten werden Kindern übermittelt

Das sind Aussagen, über die erwachsene Menschen diskutieren und debattieren können. Aber sie Kindern einfach so als Wahrheit zu verkaufen ist in meinen Augen arg bedenklich.
Erst einmal deuten sämtliche Untersuchungen und Studien der letzten Jahrzehnte (!) eindeutig darauf hin, dass Füchse sich aufgrund diverser natürlicher Mechanismen nicht über ein gewisses Maß hinaus vermehren. Überpopulationen, die andere Tierarten ursächlich gefährden, sind eher unwahrscheinlich. Sicher können z. B. Rebhühner durch ständig fortschreitenden Lebensraumverlust selten werden. Um die Rebhühner zu schützen muss man aber keine Füchse schießen. Die bedienen sich nämlich vornehmlich von der Nahrung in ihrem Revier, die ausreichend vorhanden ist. Seltenen Tieren stellen sie nicht aufwändig nach. In erster Linie ernähren sich Füchse von Mäusen, Regenwürmern und auch Beeren. Man muss den Hühnervögeln wieder zu Lebensraum verhelfen, um ihnen insgesamt zu helfen. Nicht den unschuldigen Fuchs verteufeln.


Jägerlatein und Tollwut

Also, dass Füchse sich unkontrolliert vermehren ist nach Faktenlage sehr unwahrscheinlich, genauso, wie die Tatsache, dass sie andere Arten ausrotten.
Vollkommer Unsinn ist die Geschichte mit der Tollwut. Man hat früher versucht, die Tollwut auszurotten, indem man Füchse radikal in großer Zahl erlegte. Das hat nachweislich nicht funktioniert. Die Tollwut ist inzwischen in Deutschland aber dennoch ausgerottet. Das hat man dadurch erreicht, dass man die Fuchsbestände durch auslegen von Impfködern immunisiert hat. Nicht der Abschuss der Füchse hat die Tollwut erfolgreich bekämpft, sondern die Impfungen.


Vorsicht wenn der Jäger zur Aufklärung kommt

Man sieht, die Aussagen des Jägers, dass Füchse geschossen werden müssten, sind zumindest hochgradig diskussionswürdig.
Diese aber als Wahrheit in einem Kindergarten zu verbreiten ist in meinen Augen höchst bedenklich. Gerade bei Kindern, die wie oben beschrieben solche Aussagen sehr, sehr ernst nehmen. Es scheint, als sollten die Kinder dafür herhalten, Ideologien zu bewahren oder auch zu verbreiten.
Naturaufklärung für Kinder ist sehr gut. Aber bitte neutral und faktisch gut unterfüttert. Kinder für den Ideologietransfer zu benutzen, ist für mich nicht tolerierbar. Eltern sollten sehr genau hinschauen, wenn Kinder ihnen erzählen, dass ein Jäger in den Kindergarten oder die Schule kommt…


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