Freitag, 5. August 2016

Wer den perfekten Hund hat, werfe das erste Leckerchen


Kürzlich wurde irgendwie und irgendwo über die vermeintlich perfekten Hunde von Hundetrainern diskutiert. Beziehungsweise über die Häme, die einem Hundetrainer teilweise entgegenschlug, weil ihm sein Hund entlaufen war. Das wirkte insgesamt für mich sehr befremdlich, weil meine Gedanken bei so etwas immer direkt beim Hund sind – und auch beim Hundehalter, der in diesem Fall zufällig ein Trainer ist. Man muss mit dem Trainer ja nicht einer Meinung in Hundefragen sein, das kann man aber anders artikulieren und diskutieren. Hier hoffe ich, dass der Hund schnell und wohlauf gefunden wird. Punkt.
Aber mal zurück zu der Frage, ob Hundetrainer generell perfekte Hunde haben sollten. Nun, das ist eine interessante Frage, vor allem weil sie mich nicht wirklich betrifft. Zum einen, weil ich kein Hundetrainer, sondern Hundepsychologe bin ;-)
Die perfekten Hunde – aus ihrer Sicht
Aber auch, weil ich perfekte Hunde habe. Naja, das denken die Hunde zumindest. Da ist zum einen meine Samojedin Koka, die es perfekt beherrscht, das, was ich sage, zu ignorieren. Samojeden sind nicht mit einem eng gefassten Zuchtziel selektiert worden. Sie lebten und leben bei dem Rentierzüchtervolk der Samojeden in der sibirischen Taiga. Ohne enges Zuchtziel leben die Hunde dort sehr selbstständig und tragen das bis in die moderne Welt hinein.
Die Mittelkralle der Samojeden
Man könnte es so zusammenfassen und erklären: Es  gibt Hunderassen, die vom Grundcharakter so selektiert wurden, dass sie auf „Kommando“ einen Abhang hinunter springen würden. Ein Samojede würde in solch einer Situation die Mittelkralle in Richtung des Kommandogebers recken und diesem mit verärgerten Blicken deutlich mitteilen, dass er selbst springen solle. Samojeden sind, vermenschlichend und verhaltensbiologisch komplett falsch ausgedrückt, einfach „Dickköppe“. Selbstständig und zu nichts zu zwingen. Und komm mir auch keiner damit, dass man nach behavioristischer Lerntheorie jeden Hund zu jedem Verhalten konditionieren könne. Wer das sagt, hat noch nie einen Samojeden gekannt. Es sind fast immer freundliche Hunde, die man aber schlicht nicht zu allem überreden kann. So ist meine Koka also eine perfekte Samojedin, aber bestimmt kein perfekt „funktionierender“ Hund, der heute von der Gesellschaft verlangt wird. Die Freundlichkeit gegenüber Menschen ist bei ihr stark ausgeprägt, gegenüber Hunden ist ihre Freundlichkeit sehr selektiv. Und wenn sie einen nicht mag, dann bekommt das auch jeder mit – im weiten, hörbaren Umfeld. Und wenn ein Samojede der Meinung ist, sich für einen Ausflug länger zu verabschieden, dann macht ein Samojede das. Aber keine Sorge, pünktlich zum Abendessen ist er wieder daheim ;-)
Perfekt für mich
Also, meine Samojedin Koka ist sicher der Meinung, dass sie perfekt ist. Und da ich selbstständige Lebewesen mag, ist sie auch für mich perfekt. Zudem achte ich darauf, dass sie niemanden belästigt und / oder gefährdet. Was dann andere über ihre vermeintliche notwendige Perfektion in unserer heutigen Zeit denken, ist mir relativ wurscht.
Die Tinnituströte
Achja, und dann habe ich noch Regaliz. Die Rasse ist nicht wirklich bekannt, es ist aber zu vermuten, dass er zu diesen kleinen, lebenden Alarmanlagen spanischer Fincas gehört. Laut Gentest war in grauer Vorzeit irgendwie auch einmal ein Zwergpudel beteiligt. Allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit dieser Hunderasse das „Zwerg“. Und auch Regaliz ist seiner persönlichen Meinung nach perfekt. Er versucht immer seinem Umfeld in lautesten Tönen mitzuteilen, wenn irgendetwas, aus seiner Sicht nicht in Ordnung ist. Wenn er sich bei mir auf dem Sofa aalt und im Nachbarort ein Hund vor die Tür tritt, bellt er in höchsten Tönen los, um den Feind vorzuwarnen, nicht in unsere Nähe zu kommen. Das kommt meist so plötzlich und in wirklich so hohen Tönen, dass mir noch Minuten später die Ohren klingeln. Ich habe beim VDH schon einen Antrag gestellt, ihn als eigene Rasse eintragen zu lassen. Als Tinituströte. Und diesem Namen wird er perfekt gerecht…
Perfekte Samojedin, perfekte Alarmanlage
Wie man also sieht, sind meine Hunde perfekt. Koka ist perfekt darin – eine Samojedin zu sein…
Und Regaliz (Regi) ist die perfekte Alarmanlage mit Tinnitusgarantie. Das mag nicht für jedermann der Vorstellung eines perfekten Hundes entsprechen. Aber, wie gesagt, das juckt mich nicht – ich habe dafür zu sorgen, dass sich meine Hunde wohlfühlen und dass sie niemanden belästigen oder gefährden. Wenn ich es allen Menschen gerecht machen wollte, würde ich vermutlich eines Tages psychologischen Beistand benötigen.
Meine Hunde halten sich selbst für perfekt, für mich sind sie perfekt weil sie genau so, wie sie sind, zu mir passen. Und das Tinnituströten des Zwergs ist nur punktuell, so dass er damit nicht die „erlaubten 30 Minuten pro Tag“ überschreitet ;-)
Wenn die perfekten Leckerchen fliegen
Im Grunde alles perfekt, wenn man geschwätzige Perfektionisten nicht zu ernst nimmt, und sein Leben und das Leben seiner Vierbeiner so gestaltet, dass sich alle so wohl wie möglich fühlen.
Und wer den vollkommen perfekten Hund hat, der nicht bellt, der nicht Jagd, der gar keine Individualität hat. Der werfe das erste Leckerchen. Ich bin mir sicher, dass viele unperfekte Hunde diese perfekt schnappen würden…

Donnerstag, 4. August 2016

Vorsicht! Wenn sich der Hund streckt, ist er dominant…


Au Mann, mal wieder so etwas, wo ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Ich halte es ja seit geraumer Zeit so, dass ich den Verbreitern und Erfindern von Thesen, die der gesunde Menschenverstand und jegliche Plausibilitätsüberprüfung als Blödsinn entlarven, keine Plattform zu geben. Doch einige ihrer Thesen sind so abstrus, dass man sie durchaus der Lächerlichkeit preisgeben sollte. Um Hundehalter zum selbstständigen Nachdenken zu animieren.
So behauptet irgendwo einer der Experten mit gepachtetem und unantastbarem Wahrheitsmonopol, dass Hunde, die sich nach dem Aufstehen recken und strecken, dominant seien. Das Recken eine Dominanzgeste sei.
Himmelherrgott! Was für ein Blödsinn. Die fast schon besessene Suche nach Hinweisen, dass Hunde die Menschheit unterwerfen möchten, nimmt ja schon biblische Ausmaße an.
Der plausible Grund des Streckens
„Das Strecken und Dehnen der Glieder beendet zum einen den "Ruhemodus" der Muskeln, die nun nach einer Phase der Entspannung wieder besser durchblutet und unter Spannung gebracht werden. So gelangen sie in einen aktiven und einsatzfähigen Zustand. Zum anderen wirkt das Dehnen einer Verkürzung der Muskeln und der Gelenkkapseln entgegen.“ (Zitat Dr. Simon, Hamburger Abendblatt vom 15.8.11, Artikel „Warum streckt man nach dem Aufwachen die Glieder?“)
Zu viele „Gläubige“
Recken und Strecken bringt den Hund nach einer Ruhephase schlicht wieder in die körperliche Bereitschaft, sich zu bewegen – so die plausibelste und durchaus belegbare Begründung. Dass es irgendetwas mit vermeintlicher „Dominanz“ zu tun hat ist nicht nur wenig plausibel. Es ist Kontextbezogen auch nicht nachweisbar. Kurz: Unfug…
Das traurigste an dem Märchen dieses Hundeexperten ist für mich nicht mal der Hundeexperte an sich. Merkwürdige Menschen gibt es nun einmal.
Das traurigste ist, wie viele Menschen solchen „Experten“ unreflektiert glauben und am Ende ihren Hunden noch das Strecken und Dehnen verbieten. Als wenn Hunde nicht schon genug Blödsinn ertragen müssten…

Dienstag, 2. August 2016

Von Krauses, Tierschutzuschis, Dogdominas und Resterampenmachos



Irgendwie hört man ja immer wieder von zwei „Lagern“, wenn es um Hundeerziehung geht. Nun, ehrlich gesagt findet man tatsächlich höchst unterschiedliche Sichtweisen, wenn es um den Umgang mit Hunden geht. Allerdings von nur zwei Lagern zu sprechen ist mir persönlich zu pauschal.

Pauschales Lagerdenken

Aber davon mal abgesehen, ist dieses Lagerbeschwören, vor allem in Internetdiskussionen, manchmal recht merkwürdig. Wie gesagt, ich denke, dass von zwei Lagern zu sprechen viel zu einfach ist. Trotzdem gibt es natürlich Gemeinsamkeiten von Menschengruppen, die sich von anderen unterscheiden. Interessant ist immer wieder, dass Menschen, die Ihren Hund nicht mit gern unangenehmen Dingen konfrontieren möchten, auch mal als Wattebäusche, Gutmenschen oder Grünschleifen abgestempelt werden - selbst, wenn man die grüne Schleife noch als "Band der Sympathie" einer Bank im Gedächtnis hat. Und nicht weiß, was mit Grünschleifen gemeint ist. Wenn man als Hundetrainer unfreundliche Dinge gegenüber Hunden ablehnt, wird man auch gern als Krause gemobbt. Und wenn man sich um Tiere aus dem Tierschutz kümmert, schallt einem oft die „Tierschutzuschi“ um die Ohren. Pauschal…

Hardliner? Einfallslos!

Die so betitelten wehren sich dann oft mit ausschweifenden Diskussionen oder nennen diejenigen, die Wattebausch rufen, Tierquäler oder Hardliner. 
Wie einfallslos :-)

Hinter Tierschutzuschi oder Krause steckt ja wenigstens etwas Kreativität. Aber Hardliner? Langweilig…

Dabei liefern doch auch diejenigen, die andere verbal mit Krausezynismus niedermobben möchten, so herrliche Vorlagen für eigene Spitznamen. Zum Beispiel die Dogdominas. Dogdominas? Kennt ihr nicht? Doch kennt ihr.

Die stechenden Augen der Domina

Ab und zu begegnen mir weibliche Hundehalter, die mir, sofern sie mich nicht kennen, folgende Frage stellen: „Nach welcher Methode bilden sie denn Hunde aus?“

Wenn ich dann nur mit „fair“ antworte, verändert sich bei diesem speziellen Typ Hundehalterin direkt die Mimik. Man merkt förmlich, wie das Wort „fair“ einen Denkprozess bei der Dame auslöst, ihr Gehirn Gedanken an Wattebäusche und diese grünen Bankbänder vor ihr inneres Auge liefert. Ihre Stirn runzelt sich, die Augen rücken enger aneinander und werden schmaler – während sie ihren Nacken anhebt, das Kinn dabei senkt und mich etwas schief anschaut. Das Ganze gepaart mit einem Vortrag über irgendwelche Grenzen und Rudelführungen. Ohne, dass ich mehr gesagt hätte, als „fair“.

Kobras und Frauenfeindlichkeit

Der Blick einer Kobra, die kurz davor ist, sich ihre Beute zu schnappen. Gepaart mit der Rechtfertigung für unangenehme Dinge gegenüber Hunden. Wie der Blick einer Domina, kurz bevor sie die Peitsche schwingt (wenn sich jetzt jemand fragt, woher ich diesen Blick kenne. Ich kenne ihn nicht – ich stelle ihn mir so vor :-) ). Eine Dogdomina eben. Festgefahren in Dogmen und auf Schlüsselwörter ihr gesamtes Potenzial an Vorurteilen abrufend.

Und, damit mir keiner mit Frauenfeindlichkeit kommt. Natürlich gibt es die gleichen Typen auch unter Männern. Da würde ich diejenigen, die sofort eine grüne Wattebauschallergie bekommen, nur wenn jemand seinen Hund fair behandeln möchte, allerdings eher ins aussterbende Lager der Machos einreihen. Aber da Machos im gesellschaftlichen Kontext heute eher auf die Resterampe geworfen werden, haben sie wohl nur noch als vermeintliches Alphatier bei Hunden etwas zu melden – bevor sie im echten Leben den unterwürfigen Omegakollegen spielen.

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...