Mittwoch, 27. Januar 2016

Ohne positive Verstärkung würde man verhungern


Wenn ich irgendetwas mache, was für mich eine angenehme Konsequenz hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich dieses Verhalten wiederhole. Das ist eine der Grundlagen unserer Existenz. Wir würden nicht essen, keine Nahrung zu uns nehmen, wenn dies kein angenehmes Gefühl zur Folge hätte. Wir sind immer auf der Suche nach dieser angenehmen Konsequenz, die unser Leben angenehm macht. Wir lernen so, wie wir uns ernähren, wie wir existieren können. Wir lernen auf der Suche nach dieser angenehmen Konsequenz, wie wir Nahrung erkennen, erreichen, jagen, zubereiten, zerlegen etc.

Wären wir nicht auf der Suche nach dieser angenehmen Konsequenz, dann würden wir schlicht verhungern.

Mechanismus des Lernens

Dieses Wiederholen von erfolgsversprechenden Handlungen bezogen auf angenehme Konsequenzen nennt man auch positive Verstärkung. Das ist nur eine Bezeichnung. Man versucht damit diesen Mechanismus, diesen Teilbereich des Lernens, zu erklären. Das Ganze ist in wissenschaftlichen Theorien zum Thema Lernen beschrieben. Es gibt diverse Theorien zum Thema Lernen, die sich durchaus in wichtigen Punkten voneinander unterscheiden. An dieser Stelle möchte ich darauf nicht genau eingehen, weil es nur verwirren würde. Aber die seriösen wissenschaftlichen Vertreter aller Lerntheorien sind sich darüber einig, dass das Thema Lernen bei Säugetieren zu komplex ist, um es nur an einer Theorie festzumachen. Einig sind sie sich insoweit, dass die verschiedenen Ansätze der Lerntheorien unter dem Strich wohl nur zu verstehen sind, wenn man sie miteinander kombiniert und nicht stur eine Theorie als „die einzig Wahre“ bezeichnet. Weitgehend einig ist man sich heute aber auch, dass der Mechanismus des Lernens, welcher in einer Theorie als positive Verstärkung bezeichnet wird, existiert. Er zwar bei weitem nicht der einzige Mechanismus des Lernens ist, aber ein wichtiger Bestandteil. Weil eben so existenziell. Wie gesagt, würde dieser Mechanismus nicht greifen, würden wir verhungern.

Positive Verstärkung absolut natürlich

Entgegen einiger Meinungen, speziell im Bereich der Hundeerziehung, ist das Lernen über positive Verstärker, eine einfache, effektive und vor allem vollkommen natürliche Form des Lernens. Natürlicher geht es eigentlich nicht…

Wolfsmutter verstärkt richtiges Sozialverhalten positiv

Das trifft übrigens nicht nur auf den Nahrungserwerb zu. Auch im sozialen Bereich werden die Handlungen gern wiederholt, auf die der jeweilige Sozialpartner angenehm reagiert. Z.B. durch
Körperpflege oder freundlichen Körperkontakt. Wenn man sich mal ernsthaft mit den sozialen Verhaltensweisen von Tieren und auch Wildtieren beschäftigt, wird man erkennen, dass im sozialen Kontext weitaus mehr über angenehme Konsequenzen gelernt wird, als über unangenehme. Wir Menschen schauen nur nicht richtig hin – wir selektieren Blickwinkel oft einseitig. Wenn z. B. eine Wolfsmutter einmal am Tag einen Welpen zurechtweist, wird das als Beispiel herangezogen und groß kommentiert. Dass sie am gleichen Tag dreißigmal mit freundlichem Knabbern oder Lecken auf ruhige soziale Kontaktaufnahmen durch den Welpen reagiert hat, sieht und erwähnt keiner.

Auch wenn einige es nicht wahrhaben möchten. Tiere belohnen, sie verstärken positiv. Positive Verstärkung ist also natürlich. Absolut natürlich.


Weil es gerade hier her passt ;-) Mein neues Buch ist erschienen und beschäftigt sich auch mit Natürlichkeit im Umgang mit Hunden:

Dienstag, 19. Januar 2016

Der Blickwinkel des Hundehalters


Jeder Mensch sieht die Welt aus einem speziellen Blickwinkel. Auch Menschen, die sich ähnlich sind, schauen dennoch immer von ihrem eigenen Standpunkt auf die Welt. Nicht nur der Standpunkt, auch die kulturelle und soziale Umgebung richtet den Blick. Ebenfalls persönliche Erfahrungen, Prägungen durch Familie, Freunde und angeborene Charaktereigenschaften machen einen Menschen aus. Es gibt Menschen, die mögen Action, andere sind eher gemütlich. In sozialen Fragen bevorzugen einige strikte Hierarchien, andere sind locker und entspannt im Umgang mit Freunden und Kollegen. Einige Menschen sind genau und ordentlich, andere da eher unaufgeräumt usw. Und alle Eigenschaften sind in unterschiedlicher Ausprägung dann noch unterschiedlich gemischt. Wie sagt man im Rheinland so treffend: "Jeder Jeck ist anders". Das trifft es ziemlich gut. "Jeck" kann man frei mit einer Art positiver Verrücktheit übersetzten. Und es ist wirklich verrückt, wie anders und unterschiedlich die Menschen sind. 7 Milliarden Menschen, 7 Milliarden Blickwinkel.

Ähnliche Blickwinkel finden zueinander

Wenn jetzt Menschen mit diesen unterschiedlichen Blickwinkeln zusammenleben möchten, ist die Eigenschaft der gegenseitigen Anpassung die Grundlage für das Zusammenleben der komplizierten und vielfältig denkenden Spezies Mensch. In unserer Gesellschaft ist der große Vorteil, dass soziale Gemeinschaften in der Regel auf freiwilliger Basis beruhen - lässt man Normen des jeweiligen sozialkulturellen Umfelds einmal außen vor. Im Grunde können wir Menschen uns diejenigen Menschen, mit denen wir zusammenleben, freiwillig aussuchen. Das vereinfacht die Anpassung ungemein. Wenn auch jeder einen anderen Blickwinkel hat, so ist es dennoch üblich, dass sich eher Menschen mit sich ähnlichen Blickwinkeln in sozialen Gemeinschaften zusammenfinden. Um noch ein  Mantra nach "jeder Jeck ist anders" zu bemühen: "Gleich und gleich gesellt sich gern".

Blickwinkel auf Hunde

Genauso unterschiedlich, wie wir Menschen sind, und genauso unterschiedlich, wie wir die Welt sehen, schauen wir auch auf unsere Hunde. Oder besser: Genauso unterschiedliche Erwartungen haben wir an unsere Hunde. Im Bereich der Ausbildung, wie auch im Bereich des sozialen Zusammenlebens. Der eine Mensch sieht seinen Hund, so unangemessen das klingt, als "Sportgerät", als Mittel zum Zweck, seine eigenen sportlichen Ambitionen auszuleben, oft sogar noch gekoppelt an sportlichen Erfolg, an Pokale und Urkunden. Manchmal soll der sportliche Hund aber "nur" der Joggingbegleiter sein. Andere Hunde sollen der Spielkamerad für Kinder sein, der Gesellschafter für einsame Menschen, Wachhund, Jagdbegleiter, Seelentröster. Sie sollen in der Stadt im Café liegen, sollen immer freundlich zu Fremden Menschen und Tieren sein, egal wie ihr tägliches Befinden ist, ob sie sich wohl fühlen, oder nicht. Und manche Hunde sollen all das gleichzeitig beherrschen. Egal wo sie sind, egal wo Menschen sie hingebracht haben. Sie müssen funktionieren. Nicht freiwillig, sie werden dazu gezwungen so zu funktionieren, wie es der jeweilige Mensch mit seinen jeweiligen Ansprüchen es vom Hund verlangt. Und jeder verlangt etwas anderes. 7 Milliarden Menschen, 7 Milliarden Blickwinkel. Millionen Hundebesitzer mit Millionen Ansprüchen und Blickwinkeln auf ihren Hund.


Mensch denkt an sich

Hunde sollen immer funktionieren, sich immer und überall so verhalten, wie wir Menschen uns das vorstellen. Es wird nicht danach gefragt, ob sie sich dabei wohlfühlen, sie haben sich zu fügen. Sie haben friedlich im Café zu liegen, sie haben sich von fremden Kindern streicheln zu lassen. Sie müssen neben dem Fahrrad herlaufen, weil Herrchen denkt, es sei richtig für den Hund. Auch wenn sie keine gerade keine Lust dazu haben, sich vielleicht mit etwas anderem beschäftigen möchten oder einfach nur rumliegen möchten. Wenn Mensch den Hund an das Fahrrad hängt, wird gelaufen...

Trotz Zucht noch Individuen

"Aber Hunde werden doch für bestimmte Aufgaben gezüchtet", wird sich jetzt mancher denken. Sicher, wir haben einige angeborene Eigenschaften der Hunde für unsere Zwecke verstärkt. Beim Jagdhund ist das Jagdverhalten schneller abzurufen als bei anderen Rassen, beim Schlittenhund kann man die Ausdauer leichter erzielen. Trotzdem ist es eine Beleidigung für einen Jagdhund, wenn man ihn nur auf das Jagen reduziert oder den Schlittenhund auf das Rennen. Im Beschäftigungsbereich. Denn auch diese Hunde sollen auf Knopfdruck ihr Zuchtziel abrufen und dann später friedlich im Café liegen und sich von Kindern streicheln lassen.

Anpassungsfähige Hunde

Hunde sind anpassungsfähige Lebewesen. Und die meisten von ihnen  ertragen mit unglaublicher Freundlichkeit alles, was Menschen sich so ausdenken. Es gibt 500.000.000 Hunde auf dieser Welt. Jeder mit einem ganz eigenen Blickwinkel. Zwar leben die meisten dieser Hunde ohne Besitzer. Doch diejenigen, die bei Besitzern leben, werden in den Blickwinkel des Besitzers gepresst – ohne gefragt zu werden.

Interessen der Hunde berücksichtigen

Es wäre schön, wenn die Hundehalter, bevor sie ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, einmal schauen, ob die Hunde die Interessen teilen. Wie gesagt, nicht jeder Husky will sich die Lunge aus dem Hals rennen, nicht jeder Chihuahua in einer Tasche transportiert werden. Nicht jeder Hund mag es unterdrückt zu werden, weil Frauchen irgendeinen Blödsinn über „Dominanz“ oder „Rudelführer“ gelesen hat. Nicht jeder Hund will über belebte Plätze oder Veranstaltungen geschleppt werden, weil Herrchen sich dort gerne aufhält. Ja, sie sind anpassungsfähig. Aber sich ständig an etwas anzupassen, was man nicht mag, oder was einem ggf. sogar Angst macht, das stresst. Und wenn der Stress zu viel und zu lang anhaltend ist, kann er krank machen, vielleicht sogar aggressiv. Selbst bei dem freundlichsten Hund.

Es wäre daher noch schöner, wenn Hundehalter nicht nur ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen würden. Nicht nur ihre eigenen Blickwinkel betrachten. Man sollte immer bedenken, dass Hunde eigene Interessen und Blickwinkel haben. Und wenn die Interessen unterschiedlich sind, sollte der Mensch in der Lage sein, sich damit zu arrangieren. Und den Hund nicht gewaltsam in das menschliche Interessenschema pressen. Wenn man einen Husky hat, der nicht stundenlang stupide neben einem Fahrrad herrennen möchte, muss man eben herausfinden, was ihm wirklich spaß macht. Und Fahrradfahren kann der Mensch doch auch allein… 

Die Rangordnung im Schlaf...

Was ich da mache? Nun, ich schlafe ab jetzt am Boden mit Regi in seinem Bettchen. Heute konnte man (mal wieder) im Internet lesen, dass Hunde nicht im Bett schlafen sollten. Eine der Begründungen war dort, dass man "Rangordnungprobleme" bekommen könne, wenn der Hund im Menschenbett schläft. Mein Rückschluss: Wenn ich also im Hundebett schlafe, hat der Hund ein Rangordnungsproblem mit mir...




Mein Rat an alle verhinderten "Rudelführer" - macht es Euch im Hundebett bequem, und schon ist die Rangordnung geklärt. Ich muss allerdings zugeben, dass diese Erziehungsmaßnahme recht unbequem ist. Regi ist klein, sein Bett ist entsprechend. Also muss der größte Teil von mir auf dem Fußboden liegen. Was man nicht alles für die Rudelführerschaft tut...





Flexibilität in der Hundeerziehung

Bevor man mit einem vermeintlichen „Problemhund“ ein anderes Verhalten trainiert, sollte man immer erst einmal die Gründe des Verhaltens eruieren. Ich mache nämlich immer wieder die Erfahrung, dass es unzählige, individuelle Gründe für ein Verhalten gibt – oder für die Interpretation des Verhaltens durch den Menschen. Nicht selten verhält sich der Hund völlig normal, Menschen interpretieren jedoch ein Fehlverhalten hinein oder sind selbst de...r Grund für das vermeintliche Fehlverhalten.

Ursachen erforschen

Darum ist es wichtig und richtig, vor einem Training eine genaue Analyse des Umfelds, der Gesundheit und der Lebensumstände des Hundes zu machen. Häufig genügen eine Umstellung des Tagesablaufes und eine Reduzierung von Stressoren, und ein angeblich „aggressiver“ Hund entspannt sich zusehends. Meiner Meinung nach wird viel zu schnell mit irgendwelchen Trainings begonnen, ohne die Verhaltensgründe zu kennen und bei der Wurzel zu packen.

Flexibles Training ohne sture „Philosophie“

Wenn aber dennoch ein Training nötig wird, sollte man flexibel sein. Wenn man stur eine „Methode“ anwendet, stößt man schnell an Grenzen oder wird verbissen – dem Hund und der Philosophie gegenüber. Jeder Hund ist einmalig, jeder Hund lebt in einem einmaligen Umfeld mit anderen Individuen zusammen. Es gilt ein Training zu suchen und zu finden, das flexibel ist und sich allen Faktoren anpassen kann. Und, obwohl das anscheinend viele Hundehalter und „Profis“ glauben –beim Hundetraining, beim Umgang mit dem Hund gibt es nicht nur zwei Möglichkeiten. Gewaltfrei oder gewaltsam. Wer das denkt, ist schon in seiner Denkweise unflexibel. Es gibt allein bei den Möglichkeiten der „Gewaltfreiheit“ so viele verschiedene Möglichkeiten, flexibel und unterschiedlich mit Hunden zu arbeiten, dass der normale Hundehalter den Überblick verlieren kann. Wenn also jemand sagt, dass Gewaltfreiheit ihre Grenzen hat und man irgendwann die Berechtigung hat, zu Gewalt zu greifen, sagt er nur eines aus: Er weiß nicht weiter…

Gewalt ist nie eine Lösung

Gewalt sollte nie eine Lösung sein. Wer Gewalt anwendet ist im Grunde hilflos und komplett unflexibel. Weil er sie anscheinend nicht kennt – die unglaubliche Flexibilität der Gewaltfreiheit.
Was Gewalt für mich bedeutet? Obwohl die Definition diskutiert wird, ist sie eigentlich einfach. Alles, was mit Schmerz zu tun hat, und was ein Lebewesen ängstigt und einschüchtert. Das sieht übrigens auch das Gesetz so.

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...