Sonntag, 29. November 2015

Märchenwelt Hundeerziehung – „Raum einnehmen“ oder einschüchtern?



Ein Hund sitzt auf der Rückbank eines Autos und bellt. Er sitzt dort immer, wenn er mitgenommen wird. Und bellt dann ständig. Warum er bellt, ist den Besitzern nicht bekannt. Ein Hundetrainer kommt und soll das Problem beheben.  Er setzt sich während der Fahrt neben den Hund. Als der Hund bellt, rückt der Mann immer näher an den Hund. Verdutzt wird der Hund ruhiger, bellt aber nach einer Gewöhnungsphase weiter. Daraufhin rückt der Mann weiter, so weit, bis der Hund praktisch zwischen ihm und der Autotür eingeklemmt ist. Das Bellen verstummt.
Wenn der Mann wegrückt, bellt der Hund wieder. Also wird er wieder eingequetscht. Das Ganze wiederholt sich einige Male, bis der Hund für längere Zeit still ist.

Unsicherer Hund wegen „freiem Raum“

Die Erklärung des Hundetrainers für den (scheinbar) schnellen Erfolg: Das ist ein Hund, der keinen Raum haben darf. Bei zu viel Raum fühlt sich der Hund unsicher und bellt deswegen. Wenn ich ihm den Raum nehme, fühlt er sich sicher und hört mit dem Bellen auf.
Derselbe Hund zieht gern an der Leine. Bei dem Problem geht der Trainer folgendermaßen vor: Er zieht (ruckt auch) den Hund hinter sich – und nimmt so „den Raum vor dem Hund“ ein. Auch hier wäre der Hund unsicher, würde deshalb ziehen. Wenn man den Raum vor dem Hund einnehmen würde, würde dieser sich wieder sicherer fühlen und nicht mehr ziehen…

Andere Erklärungsansätze

Oh, mein Gott – das ist etwas, wo man mal absoluten Klartext sprechen muss. Was für ein hanebüchener Blödsinn! Es gibt da ganz andere Erklärungsansätze, warum diese „Methoden“ funktionieren.

Einschüchtern die passendste Bezeichnung

Aber erstmal sollte man festhalten, dass man den Grund für das Ziehen oder auch das Bellen im Auto nicht direkt auf einen Blick benennen kann. Es kann sehr viele unterschiedliche Gründe haben, warum der Hund im Auto bellt. Es kann durchaus sein, dass er Angst hat – das ist aber dann mit großer Wahrscheinlichkeit negativen Erfahrungen mit dem Autofahren geschuldet, oder ihm wird aufgrund einer Reisekrankheit übel. Es kann natürlich auch ein erwartungsfrohes Bellen sein, weil er sich auf den Ausflug freut, bzw. auf den Zielort, wo er sich austoben kann. Oder es ist ein stressbedingtes Verhalten, welches sich in den Situationen entlädt. Wie gesagt, es können viele Gründe sein. Wenn man sich jetzt aber einfach neben den Hund setzt und ihn vor die Tür drängt, ihm jeglichen Freiraum nimmt, ist das ein pauschales Einschüchtern. Ein Hund mag das nicht, wenn er bedrängt wird, wenn ihm bei Bedrängung keine Fluchtmöglichkeit gelassen wird. Bedrängen ohne Fluchtmöglichkeit ist sehr unangenehm. Er stellt das aktuelle Verhalten ein, weil er sich vor dem Menschen fürchtet, der ihn bedrängt. Er lernt dann auch recht schnell, dass er immer weiter bedrängt wird, wenn er bellt. Er lernt aber aufgrund von der Einschüchterung, von der unangenehmen Konsequenz. Einschüchtern wirkt immer – auch bei Menschen, bei ganzen Gesellschaften. Aber einschüchtern hat immer Nebenwirkungen – sehr unangenehme Nebenwirkungen (fast immer Unsicherheit, oft Frustration oder Aggression zu einem späteren Zeitpunkt).
Das Prinzip, den Hund zu bedrängen, ihm den Raum zu nehmen, kann man logisch und nüchtern betrachtet nur als einschüchtern bezeichnen. Übrigens auch das Zurückreißen und sich vor dem Hund bewegen beim Gassigang.

Märchen verschleiern Einschüchterung – und erkennen keine Ursachen

Diese Aussage, den Raum auszufüllen, in dem sich der Hund unsicher fühlt, ist zwar kreativ und plakativ. Wenn man aber ein wenig den gesunden Menschenverstand einsetzt, kann man den Sinn der Aussage und der Handlung sehr leicht eingrenzen. Die Einschüchterung des Hundes wird verschleiert. Der Schwachsinn wird in ein anderes verbales Gewand gekleidet. Es ist wirklich mehr als erstaunlich, mit welchen kreativen Märchen man das Einschüchtern der Hunde rechtfertigt und verkleidet. Aber im Grunde ist es doch so einfach. Hund unterlässt unerwünschtes Verhalten durch unangenehme Konsequenz. Das wirkt. Und es wirkt auch meist schnell. Vergessen wird dabei nur, dass der Grund, warum der Hund das unerwünschte Verhalten zeigt, nicht erkannt und abgestellt wurde – es wird nur das Symptom „behandelt“. Und die Nebenwirkungen – verunsicherter Hund, vielleicht Aggressionssteigerung – werden komplett vernachlässigt. 

Skepsis besser als an Märchen zu glauben

Mein Tipp an alle Hundehalter: Seien Sie immer skeptisch, wenn Ihnen einfache Sachverhalte in märchenähnlichen  Geschichten  vermittelt werden. Der Mensch liebt zwar Märchen und möchte wohl auch belogen werden. Warum sonst würde wohl so vielen Scharlatanen in der Hundewelt geglaubt? Aber wenn der Mensch auch an Märchen glauben möchte – sollte man immer daran denken, dass der Leidtragende der Hund ist.
Übrigens, was denken Sie, warum die Hundehalter bei mir vorstellig wurden? Nun, als sie selber die „Methode“ des „Raumausfüllens“ im Auto ausprobieren wollten, wurde die Besitzerin gebissen. Wenn ich der Hund gewesen wäre, hätte ich auch gebissen…

Das Spiel mit der Angst – Populismus in der Hundehalterwelt

Bei der Beurteilung von Hundeverhalten sollte man es vermeiden, pauschal zu urteilen oder zu bewerten. Wenn ein Hund Menschen oder Artge...