Mittwoch, 8. Juli 2015

Giftköderschutz mit Nebenwirkungen?



Leider ist es so, dass Hunde Dinge aufnehmen und fressen können, die nicht gut für sie sind. So unglaublich es auch sein mag, es gibt sogar Menschen, die bewusst Giftköder auslegen, um Hunden zu schaden. Um Hunde davor zu schützen, gibt es andere Menschen, die sich dafür engagieren, dass Mensch (und Hund) gewarnt werden, wenn irgendwo solche Giftköder entdeckt wurden. Die Warnungen sind gut.
Und es gibt Ratschläge, wie man verhindern kann, dass Hunde alles Fressbare vom Boden aufnehmen. Das ist nicht immer so gut.

Trainingsvideo

Vor wenigen Tagen entdeckte ich im Internet eher zufällig ein Video, welches sich genau damit beschäftigte. Ich möchte hier gar nicht moralisch bewerten, was in dem Video gemacht wurde und vermeide es bei solchen Dingen auch, darüber in sozialen Netzwerken zu diskutieren. Nach meiner ganz persönlichen Erfahrung ist es unter Menschen einfach nicht möglich, schriftlich zu diskutieren – irgendwann nehmen schriftliche Diskussionen immer eine „merkwürdige“ Form an. Trotzdem möchte ich mich zu dem Video äußern. Wie gesagt nicht wertend oder „rechthaberisch“ – ich möchte einfach nur, dass alle, die so etwas vorgesetzt bekommen, auch andere Aspekte der Sache aufgezeigt bekommen – und dann selbst darüber nachdenken.

Hunde untereinander robust?

Also, worum ging es? In dem Video sollte einem Hund beigebracht werden, keine Nahrung vom Boden aufzunehmen. Dafür wurde draußen, beim Gassigang etwas Nahrung bereitgestellt und der Hund sollte daran mit seinem Besitzer vorbeigehen. Der Hund wollte die Nahrung aufnehmen. Ein Hundetrainer zeigte dem Hundehalter, der gleichzeitig das Video moderierte, wie man den Hund von der Nahrungsaufnahme abhalten kann. Als der Hund sich der Nahrung näherte und der Trainer den Hund nun an der Leine hatte, ruckte dieser an der Leine. Offensichtlich war der Ruck für den Hund unangenehm. Er ließ von dem Versuch ab, die Nahrung zu erreichen und verhielt sich daraufhin etwas verunsichert und ließ, solange das Video lief, auch die Nahrung in Ruhe. Der Hundetrainer begründet sein Handeln folgendermaßen (Gedächtniszitat, da das Video nicht mehr im Netz verfügbar ist):
„Hunde gehen auch so Robust miteinander um. Es gilt unter Hunden das Recht des Stärkeren. Wenn ein anderer, stärkerer Hund jetzt hier gewesen wäre, hätte er dem Hund auch gezeigt, dass er stärker ist und dem Hund die Nahrung weggenommen. Hunde sind nicht zimperlich“. Weiter führte der Trainer aus, dass man mit dem Leinenruck ein „Nein“ verknüpfen solle. Damit der Hund immer wisse, wenn er bei „Nein“ nicht mit damit aufhört was er gerade macht, er Ärger mit dem „Stärkeren“ bekommt.
(c) Fotolia
 
Das ist also, wie gesagt, ein Gedächtniszitat und eine Gedächtnisschilderung der Videoinhalte. Eines Videos mit eigentlich löblichem Gedanken, Hunde vor Giftködern zu schützen.

Nebenwirkungen

Wie schon erwähnt, möchte ich die Videoprotagonisten gar nicht angreifen oder aufführen, wie schrecklich sie agiert haben. Das hilft an dieser Stelle nicht – Rechthaberei rettet keinen Hund vor dem Giftköder…

Ich möchte aber gern einmal sachlich darstellen, warum ich persönlich von solch einer Methode großen Abstand nehme. Nämlich aufgrund von möglichen Nebenwirkungen. Dazu muss ich Ihnen aber zunächst einige Dinge aus meiner Sicht erläutern.

Futter wird verteidigt und schnell gefressen – ohne Futterrangordnungen

Wenn in dem Video gesagt wird, dass Hunde in solche Situationen auch ruppig miteinander umgehen und nur der Stärkere das Recht hätte, Futter zu nehmen etc., kann man das aus fachlicher Sicht so nicht bestätigen. Erstmal gehen Hunde gar nicht so ruppig miteinander um, wie oftmals propagiert wird. Wenn Hunde selbstbestimmt leben können, gehen sie eigentlich recht freundlich miteinander um, Konflikte werden durch Kommunikation gelöst und nicht durch Schmerz oder Aggression. Zudem kann man unter Hunden eigentlich nie eine Futterrangordnung in der Form erkennen, dass sie anderen Individuen Futter wegnehmen. Im Gegenteil, sie verteidigen zwar ihr Futter. Und das macht jeder – ob jung, alt, groß oder klein – Futter ist existentiell wichtig und das wird verteidigt. Es gibt unter normal sozialisierten Hunden allerdings keine Futterrangordnung. Es gibt keinen stärkeren Hund, der „Nein“ oder „Aus“ ruft, worauf alle anderen Hunde alles fallen lassen und es ihm überlassen. Wie gesagt, meist verteidigen sie ihr Futter oder schlingen es ganz schnell herunter, wenn der Andere doch stärker sein könnte. Dass die Videosituation, mit Leinenruck und „Nein“ unter Hunden auch so vorkommt, kann man sachlich betrachtet sicher nicht bestätigen.

Ruppiger Umgang unter Hunden oft durch Menschen verursacht

Übrigens – wenn Hunde sehr ruppig oder gar aggressiv miteinander umgehen, sollte man immer sehen, warum sie das machen. Ist die Haltung  nicht stimmig, leben sehr viele Hunde auf engem Raum und können sich nicht aus dem Weg gehen, wenn Hunde immer mit hohem Tempo auf „Spielwiesen“ zu Action animiert werden - dass können Stresssituationen sein, in denen Hunde ruppig sind. Aber, wie gesagt, normalerweise sind Hunde untereinander freundlicher, als uns immer vermittelt wird.

Hund lernt – mir wird Nahrung vorenthalten oder weggenommen. Er wird Futteraggressiv

Okay, aber zurück zu den möglichen Nebenwirkungen. Wie schon erwähnt gibt es keine Futterrangordnungen und jeder Hund verteidigt sein Futter und schlingt es schnell runter, wenn er glaubt, es könnte ihm jemand wegnehmen. Und genau dieses angeborene Hundeverhalten ist eine der gefährlichsten Nebenwirkungen, die die im Film gezeigte Methodik birgt. Letztlich lernt der Hund ja, dass man ihm Nahrung wegnehmen will. Das kann dazu führen, dass er es aggressiv verteidigt. Futteraggression wird fast immer dadurch ausgelöst, dass der Hund gelernt hat, dass ihm andere die Lebenswichtige Ressource Futter streitig machen…

Schnelles Herunterschlingen statt Vorsicht

Der andere wichtige Punkt in dem Zusammenhang ist, dass die meisten Hunde sich das, was sie als potentielle Nahrung erkannt haben, zunächst anschauen – oder besser anriechen und mit der Zunge anschmecken. Stressfresser und übersteigerte Fressleidenschaft bestimmter Rassen lassen wir hier einmal außen vor. Aber die Mehrheit der Hunde möchte schon wissen, was das potentielle Fressen ist und ob es genießbar ist. Wenn Sie aber mit dem unangenehmen Leinenruck und dem „Nein“ konfrontiert wurden, kann es passieren, dass sie Futter ganz schnell, ohne zu prüfen, einfach runterschlingen. Oft auch ganz unauffällig, „hinterrücks“, damit der Besitzer es nicht mitbekommt und nicht rucken kann oder es wegnehmen. Die Angst davor, dass die instinktiv als lebensnotwendig angesehene Ressource Futter weggenommen wird, oder es mit unangenehmen Folgen (Leinenruck) geahndet wird, wenn der Hund sie nimmt, kann ihn zu einem blitzschnellen Fresser, zu einem Schlinger machen. Oft sehr schnell, aber dennoch so unauffällig, dass der Besitzer gar nicht mitbekommt, wenn etwas aufgenommen wurde. Hunde, die eigentlich nicht zum Schlingen neigen, werden so sehr häufig zu Schlingern erzogen. Fatal, wenn sie auf Giftköder oder andere giftige Nahrung treffen…

Konditioniert durch Leinenruck

Eine weitere Nebenwirkung ist die unbewusst wirkende klassische Konditionierung, die hier ebenfalls zum Tragen kommt. Durch den Leinenruck, der in jedem Fall unangenehm bis schmerzhaft wirkt, kann der Hund Verknüpfungen im Gehirn erstellen, die einen unerwünschten Effekt haben. Viele Dinge werden ja direkt verknüpft. Das geschieht ganz unbewusst im Gehirn. Ein Beispiel, das jeder kennt: Man stößt sich kräftig den Arm, Schmerz und Wut steigen in einem auf. Und ist man dann nicht automatisch irgendwie wütend auf die Person, die zufällig dabei ist? Ich wette, jeder hat schon einmal eine solche Situation erlebt. Eine unangenehme Situation übertragen auf die nächstbeste Person…
Und was denken Sie, wie ein Hund sich fühlt, wenn er einen Ruck am Hals bekommt? Bestimmt nicht toll. Und sieht er in diesem Moment vielleicht ein Kind, oder einen anderen Hund – kann er die Verknüpfung im Gehirn erstellen, dass Kind oder Hund böse sind…
Fehlverknüpfungen. Wohl die Hauptgründe für Leinenaggressionen bzw. Aggressives Verhalten überhaupt.

Dauerstress durch Erwartung des Rucks – mit den Folgen Gereiztheit und Aggression

Zudem ist ein „Training“ mit solch unangenehmen Dingen wie dem Leinenruck in der Lage, eine Erwartungshaltung im Hund zu wecken. Eine Erwartungshaltung, dass dieser Ruck immer irgendwann kommen kann, wenn die Leine am Halsband (durch konditionierte Verknüpfung „Leine/Schmerz“) ist. Das heißt, er ist einem Dauerstress ausgesetzt, in Erwartung einer unangenehmen Sache. Dauerstress bedeutet aber auch dauernde Anspannung (eingerichtet von der Natur, damit der Körper ggf. der Gefahr, dem Unangenehmen durch Flucht oder Kampf begegnen kann). Ein Zustand, der aber damit verbunden ist, dass man leicht überreagiert – eben weil das Stresssystem in einem dauerhaften Alarmzustand ist, man ggf. schnell reagieren muss. Man ist insgesamt nervöser, reizbarer, wenn man unter Dauerstress steht. Das Gefühl kennt auch jeder selbst – wenn man einen stressigen Tag hatte, kann einen am Abend das kleinste, falsche Wort vom Partner oder anderen auf die Palme bringen. So muss man sich vorstellen, fühlt sich ein Hund, der einem Dauerstress durch Erwartung von unangenehmen Dingen an der Leine, ausgesetzt ist…

Futteraggression, Nahrung herunterschlingen, Gereiztheit, Aggression – „kleiner“ Ruck, große Folgen

Also, die in dem Video gezeigte Methode um Hunde von Giftködern abzuhalten, hat eine Reihe von möglichen Nebenwirkungen: Futteraggression, schnelles Herunterschlingen von allem, was irgendwie nach Nahrung aussieht. Gereiztheit und Aggressionen durch Dauerstress.
Ich finde, ein Hundehalter sollte über die Risiken informiert werden, wenn man ihm zu etwas rät. An dieser Stelle von ganz anderen Aspekten, wie dem respektvollen Umgang mit dem empfindungsfähigen Lebewesen Hund, mal abgesehen.
Insgesamt vertrete ich persönlich die Meinung, dass die gezeigte Methode kurzfristig, vielleicht für einen Videodreh, erfolgreich aussieht. Die möglichen, gravierenden Nebenwirkungen sind aber ein guter Grund dafür, sich solche „Trainingsmethoden“ mal genauer anzuschauen, sich auch mal etwas Wissen über Hundeverhalten an sich (vermeintliche Futterrangordnungen etc.) anzueignen und sich mit den weitreichenderen Konsequenzen (Schlingen, Dauerstress…) auseinanderzusetzen.

Andere Möglichkeiten vorhanden

Wie ich verhindere, dass Hunde alles aufnehmen? Nun, ich trainiere mit Hunden immer ein Signal, bei dem Sie alles fallenlassen, was sie in der Schnauze haben. Das mache ich z. B. über reines Konditionieren – im Prinzip genau wie der Mann in dem Video. Nur anders, freundlicher umgesetzt. Die Hunde lernen, dass, wenn das bestimmte Signal erklingt, ich von unserem Standort aus in eine andere Richtung ganz leckeres Futter werfe. Etwas, was es sonst nicht oft gibt, was der Hund aber ganz besonders liebt. Er verknüpft also mit dem einen Signal, was nur dafür verwendet wird, dass es ganz tolles Futter auf jeden Fall gibt. Er hört es, schaut zu meiner Hand und der Wurfrichtung – und folgt dieser dann und kann in Ruhe fressen. Die andere Sache, die er vielleicht gerade aufgenommen hatte oder antesten wollte, vergisst er. Er lässt von ihr ab, vergisst, dass es Futter sein könnte. Weil auf das Signal sicher Futter folgt – und dazu ein ganz besonderes. Das muss natürlich so konditioniert werden, dass es „sitzt“. Und man muss dann das Futter nicht immer dabeihaben. Das Signal wirkt im Notfall auch so, um den Hund vom Unerwünschten abzubringen. Man muss nur hinterher die Verknüpfung wieder verstärken.

Kind und fremder Hund werden sympathisch

Das ist eine Möglichkeit – man muss dabei allerdings immer individuell handeln und trainieren. Aber die Nebenwirkungen sind bei dem aufgezeigten Beispiel gering. Ich konnte eigentlich noch keine negativen Nebenwirkungen feststellen. Im Gegenteil – anstatt Stresshormone durch Leinenruck zu erzeugen, also negative Gefühle, erzeuge ich im Hund eine Vorfreude beim Erklingen des Signals. Vorfreude auf die Nahrung. Ich erzeuge gute Gefühle. Und bei guten Gefühlen kann auch ruhig ein Kind oder ein anderer Hund ins Sichtfeld des Hundes huschen. Verknüpft mit guten Gefühlen werden Kind und Hund doch gleich sympathisch. Und unser Hund ist nicht so gereizt, als wenn er unter Dauerstress bzgl. eines möglichen Leinenrucks leben muss.

Fraglicher Nutzen. Und Gefahren können erhöht werden

Natürlich gibt es noch einige mehr Möglichkeiten, wie man Hunde beibringen kann, wie sie von etwas ablassen. Mir war es hier nur wichtig aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen gerade die in dem Video gezeigte „Leinenruckmethode“ mit sich bringt. Und, wie schon erwähnt, halte ich diese Informationen für sehr wichtig. Damit der Hundehalter weiß, dass dadurch die Gefahr für die Aufnahme unerwünschter, ungesunder Nahrung erhöht werden kann. Der Nutzen also sehr fraglich ist, die Nebenwirkungen aber immens sein können….

Kleine Pause

Klartext Hund macht Pause. Wegen vieler Projekte, die im Moment meine Aufmerksamkeit benötigen, mache ich eine kleine Pause bis Anfang nächs...