Samstag, 20. Juni 2015

„Der muss machen, was ich ihm sage!“ – „Wie wäre es, wenn Sie mal zuhören, was der Hund sagt?“



Au Mann! Warum habe ich eigentlich immer solche Begegnungen. Oder warum kann ich mir nicht einfach Scheuklappen zulegen und vorbeigehen?
Das war wieder so eine Begegnung, die mir vor Augen führt, was Hunde mit ihren Menschen oft mitmachen müssen. Und das in überwiegender Mehrheit auch ertragen, ohne sich zu beschweren…

Hund soll „Platz“ machen

Eine Frau bindet ihren Hund neben einem Geschäft an und möchte in dem Laden einkaufen gehen. Der Hund soll während des Einkaufs draußen im „Platz“ liegen und abwarten. Die Frau will den Hund ins Platz bringen. Sie geht dabei folgendermaßen vor: Sie beugt sich zum Hund, schaut ihm dabei tief in die Augen, hält ihre Hand vor die Nase des Hundes und dieser soll der Hand ins Platz folgen. So weit, so gut – bis auf das Anstarren und das Überbeugen kann man das so machen.
Ich komme die Straße lang und sehe das Geschehen schon aus einiger Entfernung. 

Hund macht kein „Platz“

Der Hund geht nicht ins „Platz“. Ich höre beim Näherkommen, wie die Frau den Hund weiterhin übergebeugt anstarrend, mit angefauchtem „Platz, platz, platz…“ anspricht. Und dabei inzwischen mit hektischen Bewegungen im Zappelrhythmus die Hand vor der Hundenase auf- und abschwenkt.  Das geht eine ganze Weile so, bis ich direkt daneben stehe. Ich denke mir, „geh weiter, nicht schlauschwätzen – hilft dem Hund sowieso nicht“ – bleibe aber dennoch stehen und schaue es mir an – zunächst. Die Frau nimmt mich übrigens gar nicht wahr…

Frau bedroht Hund und versteht nicht, was er sagt

Und das Schauspiel geht weiter. Hund wird übergebeugt angestarrt, mit salvenartigem „Platz“ angefaucht und die Hand wedelt kurz vor der Nase des Tieres auf und ab.
Man kann deutlich sehen, dass dem Hund die Situation höchst unangenehm ist, er nichts damit anzufangen weiß. Er leckt sich über die Schnauze, versucht den Blick abzuwenden, dann den ganzen Kopf, den er zur Seite bewegen will. Klassische und unverkennbare körpersprachliche Zeichen, mit denen der Hund zum Ausdruck bringen möchte, dass er alles akzeptiert, was das Gegenüber macht, er sich selbst nicht wehrt. Er bittet damit zudem, dass Frauchen doch bitte mit diesem komischen Verhalten aufhören soll. Das, was Frauchen da macht – sich über ihn beugen, mit der Hand vor seiner Nase rumfuchteln, ihn anstarren und mit immer aggressiverem „Platz“ anfauchen. Das ist für den Hund, selbst wenn es von einem vertrauten Mensch kommt, nichts weiter als eine Bedrohung. Und mit seiner Körpersprache verrät der Hund eindeutig, dass er sich trotz der von ihm so empfundenen Bedrohung nicht wehren wird – im Gegenteil, er dokumentiert nachdrücklich seine freundlichen Absichten – mit der hundlichen Körpersprache. Und wie reagiert Frauchen auf die Körpersprache des Hundes, auf das Wegdrehen des Kopfes? Sie packt sich den Kopf, dreht ihn wieder in die Richtung ihrer Augen und sagt: „Kuck mich an, wenn ich mit dir rede!“.

Hund kann unter Stress nicht klar denken

Sie werden es sich denken können. Ich kann nicht weitergehen und muss schlauschwätzen… Freundlich spreche ich die Frau an und erkläre ihr, dass ihr Hund nicht weiß, was sie von ihm möchte, dass er sich bedroht fühlt und die ganze Zeit körpersprachlich sein Unwohlsein, aber auch seine Freundlichkeit zum Ausdruck bringt.
„Der versteht mich ganz genau, der weiß, was Platz bedeutet. Das klappt zuhause auch. Er muss machen, was ich ihm sage! Der will hier nur seine Grenzen austesten!“ Entgegnet die Frau.

Wie ein Blackout bei einer Prüfung

Ich versuche dann der Frau zu erklären, dass man in individuell bedrohlich empfundenen Stresssituationen, ob man Mensch oder Hund ist, nur auf wenige Handlungsstrategien zurückgreift. Die Strategien, die das Überleben sichern sollen. Das Gehirn konzentriert sich darauf und kann andere abgespeicherte Handlungen, die mehr oder weniger unwichtig zum Leben sind (wie „Platz“), nicht abrufen, kann darauf nicht zugreifen. Man kann das auch mit einem Blackout eines Menschen bei einer wichtigen Prüfung vergleichen. Auf gut deutsch – wenn man sich fürchtet, kann man nicht klar denken.
(c) PixelQuelle

Und diese Frau hat dem Hund so eine Furcht eingeflößt, dass sein Gehirn ihm die Bedeutung von „Platz“ nicht mehr mitteilen konnte. Seine primäre Verhaltensstrategie war, Frauchen zu beruhigen. Und das macht man als Hund eben mit diversen körpersprachlichen Mitteln, wie z. B. dem Kopf wegdrehen. Und auch das wurde vom Frauchen missverstanden. Nicht nur missverstanden und übersehen, der Kopf wurde mit Zwang in die Ausgangslage zurückgedreht.
Ganz ehrlich, ich verstehe oft nicht, wie geduldig Hunde mit uns Menschen sind. Und wenn mal einer die Geduld mit den Menschen verliert, oder in einer für ihn bedrohlichen Situation eine andere Strategie wählt und „nach vorne geht“, dann ist er angeblich unerzogen, testet seine Grenzen aus oder will den „Boss“ spielen. Traurig…

Menschen sollten verstehen, was Hunde sagen

Nun gut, ich habe bei der Frau freundlich „schlau geschwätzt“, ihr versucht klarzumachen, dass ihr Hund in der Situation nicht das machen musste, was sie sagte. Er konnte es überhaupt nicht, weil er nicht wusste, was sie von ihm wollte. Und er ihr das sehr freundlich und ständig gesagt hat. Sie konnte ihn nur nicht verstehen.
Ich denke nicht, dass ich die Frau ernsthaft erreicht habe. Aber vielleicht denkt sie ja doch mal darüber nach und beschäftigt sich gelegentlich ernsthaft mit der Sprache ihres Hundes. Der möchte ihr nämlich so vieles sagen. Sie versteht es nur nicht. Vielleicht ist es mal Zeit für einen neuen Spruch unter Hundehaltern:

„Ich muss verstehen, was der mir sagt!“.

Kleine Pause

Klartext Hund macht Pause. Wegen vieler Projekte, die im Moment meine Aufmerksamkeit benötigen, mache ich eine kleine Pause bis Anfang nächs...