Mittwoch, 2. April 2014

Pauschales Gerede, Clicker usw.

Wenn man sich in der heutigen Zeit zu irgendeinem Hundethema äußert, oder sich auch nur mit Hunden draußen bewegt, ist man eigentlich immer im Fadenkreuz irgendwelcher „Extremisten“. Die jede Handbewegung so oder so auslegen. Sage ich zum Hund, der penetrant einen Artgenossen besteigt nur „hey, lass das mal!“, könnten einige auf die Idee kommen, dass ich ein unverbesserlich brutaler Hardliner bin. Stehe ich dagegen draußen mit einem Hund und einem Clicker werde ich automatisch als „Guddiguddi Wattebausch“ beschimpft. Ich kenne tatsächlich inzwischen Hundehalter, die gehen nur noch einsame Wege oder spät am Abend zum Spaziergang hinaus. Nicht weil der Hund unverträglich wäre – nein, sie wollen Ihre Ruhe vor Pauschalschwätzern.
Pauschale Gedanken weil man nicht mehr bis zum Ende liest
Was mich an der Pauschalschwätzerei so maßlos auf die Palme bringt, ist das Pauschale an sich. Wenn es um Hunde geht gehen die Menschen ganz merkwürdig miteinander rum. Rechthaberei ist zur Religion geworden und Pauschalitäten sind die Waffen, mit den argumentiert wird. Ich möchte hier gleich einmal ein kleines Beispiel bringen, welches meiner Meinung nach aufzeigt, dass man nicht immer nur in pauschalen Rastern denken sollte. Aber weil es ja wie oben schon erwähnt heute so üblich ist, dass jede Handlung und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, muss ich eins vorab sagen. Man sollte schon bis zum Ende lesen J
Ich las nämlich kürzlich in einer psychologischen Fachzeitschrift für Menschen, dass geschriebene Texte heute meist nur angelesen und überflogen werden, weil viele von uns verlernt haben sich ernsthaft auf etwas zu konzentrieren. Das soll laut der Fachzeitschrift damit zu tun haben, dass wir mit so vielen Informationen und Reizen überschüttet werden, dass wir nur noch punktuelle Dinge wahrnehmen können und wollen. Wenn man Dinge aber nur Teilweise wahrnimmt, erklärt sich natürlich auch das Phänomen, dass wir mit Pauschalitäten um uns werfen. Darum, dieser Text könnte gleich zu pauschalem Erschrecken bei einigen Lesern führen – darum bitte ganz lesen J
Clicker?
Was erschrecken könnte ist die Aussage, dass ich im Umgang mit Hunden nur sehr selten den Clicker einsetze – und das, obwohl ich gern pauschal der „Wattebauschfraktion“ (was immer das ist) zugerechnet werde. Wo ja angeblich ständig geclickert wird…
Kurz zur einfachen Erklärung, was ein Clicker ist. Eine einfache Erklärung, keine pauschale. Auch hier wird oft sehr viel durcheinandergeworfen. Einfach ist eben so, dass man etwas verständlich ausdrückt, ohne zu tief und zu verwirrend ins Detail zu gehen. Pauschal liefert immer gleich ein Weltbild mit ;-)
Also, der der Clicker wird beim Lernen als positiver Verstärker genutzt. Dem Hund wird beigebracht, dass er immer, wenn er den Click hört, folgend eine Belohnung bekommt. Es ist sozusagen das Versprechen auf die folgende Belohnung. So kann ich eine von uns erwünschte Handlung des Hundes durch „click“ schnell verstärken, schon dadurch belohnen. Das ist wichtig, weil der Hund seine ausgeführte Handlung und die folgenden Konsequenz (hier Belohnung), nur in sehr schneller Folge miteinander verknüpfen kann. Der Clicker ist letztlich nur ein Hilfsmittel, damit ich schnell belohnen kann. Ein Kommunikationsmittel sozusagen. Ich kann dem Hund damit schnell mitteilen, dass er etwas richtig gemacht hat. 
Mittel der Kommunikation
Ich kann aber statt des Clickers auch ein Wort nutzen, welches dem Hund vermittelt, dass er etwas richtig gemacht hat. Ich nutze also selten einen Clicker, ich bin eher ein Freund von Sprache um zu kommunizieren. Und wenn mein Hund weiß, wenn er gelernt hat, dass ein „Super“ bedeutet, dass er etwas richtig gemacht hat, ist das Lernen eigentlich sehr einfach. Der Hund muss aber die Bedeutung des Wortes kennen. Ich benutze zur Kommunikation also lieber Worte, das Prinzip ist aber das Gleiche wie beim Clicker. Ich möchte jetzt nicht umständlich von Markersignalen und Markerwörtern reden. Alles Dinge, die fachlich korrekt sind, den normalen Hundehalter aber langsam in den Wahnsinn treiben. Warum sagen wir nicht einfach, dass wir mit einem Wort dem Hund sagen können, wenn er etwas richtig gemacht hat? Also, ich benutze lieber die Sprache und Wörter, die ich immer bei mir habe und die ein Hund auch versteht, um mit einem Hund zu kommunizieren. Den Clicker nutze ich aber auch – immer dann, wenn der Hundehalter vielleicht dazu neigt zu schnell und zu viel zu reden, oder wenn andere Umstände einen Einsatz meines Erachtens sinnvoll machen. Das ist ganz individuell und situativ. Der Clicker ist also ein Kommunikationsmittel, ein Werkzeug, welches man in vielen Situationen nutzen kann. Aber nicht muss. Jeder muss halt seinen eigenen Weg finden, wie er mit seinem Hund kommuniziert.
Pauschale Sicht auf den Clicker ist kurzsichtig
Ganz weg von diesem Kommunikationsmittel Clicker, den ich persönlich eher selten nutze, ihn aber als Werkzeug in speziellen Situationen schätze. Ich wende das  gleiche Prinzip lieber über die Sprache an.
Wenn man den aber Clicker pauschal sieht, macht man einen groben Fehler. Er kann auch andere Dinge, als richtiges Verhalten zu verstärken. Kürzlich hatte ich folgenden Kundenfall:
„Ich schelle an der Tür einer neuen Kundin. Ein Hund bellt. Die Kundin öffnet die Tür und ich werde hineingebeten und in die Küche geführt. Der Hund läuft in einen anderen Raum –  in das Wohnzimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Hausflurs. Wie ich über einen Spiegel im Flur beobachten kann, begibt er sich hinter eine Couch in der äußersten Ecke des Zimmers. Kurz gesagt, so weit weg von mir wie eben möglich. Aber er bellt dabei und wagt sich, nachdem einige Zeit vergangen ist, hinter dem Sofa hervor und bellt dabei unaufhörlich – verschwindet aber blitzschnell wieder in seinem Versteck sobald ich nur einen Finger bewege. Der Hund hat Angst, pure Angst. Sein gesamtes Stresssystem im Körper ist in Alarmstellung, in hoher Erregung, Anspannung. Um diese Erregung und Anspannung zu kompensieren und zu kanalisieren bellt der Hund. Er bellt auch, um dem Eindringling auf Abstand zu halten oder besser noch – zu vertreiben. Was ihm dadurch wohl auch schon mehrfach gelungen ist, weil Besuch sich bei dem Lärmpegel durchaus schnell verabschiedet. Das gesamte Verhalten ist eine Mischung aus angeborener Stressbewältigung und erlernten Strategien.“
Gequältes Tier mit schrecklicher Vergangenheit
Der Hund wurde von amtlicher Seite seinem Vorbesitzer weggenommen. Dieser hatte ihn nachweislich geschlagen, und auch Besucher durften sich an ihm auslassen – auch diese haben ihn getreten und geschlagen, wenn er bellte oder die Besucher irgendwie schief anschaute. Alles in einem alkoholgetränkten Umfeld und Milieu. Der Hund war somit zutiefst verängstigt und traumatisiert. Ungefähr 6 Jahre hatte er so gelebt.
Schlechte Gefühle bekämpfen
Endlich hatte er jetzt Glück gehabt und war zu den neuen Besitzern vermittelt worden. Sehr nette Menschen, die allerdings mit dem verängstigten Hund überfordert waren. Immer, wenn Besuch kam bellte der Hund wie vorher beschrieben und versuchte gleichzeitig, sich in die äußersten Ecken des Hauses in Sicherheit zu bringen. Ich konnte dem Hund relativ schnell helfen. Und zwar mit dem Clicker, den ich, wie gesagt, sonst eher selten anwende. Wie? Nun, wenn ich einem Hund beibringe, dass auf den Click immer etwas Positives folgt, werden im Hundekörper Hormone frei gesetzt, die ihm ein gutes Gefühl bescheren.
Besuch löste bei ihm immer ein schlechtes Gefühl aus, was ihm in den letzten Jahren im wahrsten Sinne eingeprügelt worden ist. Wir mussten ihm dieses schlechte Gefühl nehmen, diese Furcht vor Menschen. Und schlechte Gefühle bekämpft man hervorragend durch gute Gefühle. Wir haben jetzt also, wenn Besuch kam, den Clicker betätigt (nachdem dem Hund vorher in Ruhe beigebracht wurde, was es bedeutet, damit es die guten Gefühle auslöst). Auch, oder gerade, wenn der Hund bellte. Viele werden jetzt sagen, dass man so das Verhalten, das Bellen ja verstärkt. Aber das passierte nicht – weil das gezeigte Verhalten letztlich ja nur eine Bewältigungsstrategie des schlechten Gefühls war. Der Click löste andere Gefühle aus, die zum Verdrängen der schlechten Gefühle führten und so auch die Bewältigungsstrategie des Bellens überflüssig machten. Und das führte zu einem solchen Moment, warum ich meinen Job mache. Warum der Job oft gute Gefühle bei mir auslöst: Bei meinem zweiten Besuch bereits, war der vormals völlig verängstige Hund bereit, sich mir anzunähern und sich sogar ruhig zwischen mich und Frauchen zu legen. Beim dritten Besuch schlief er in der gleichen Situation ein...
Übrigens – sicher hätte man auch hier mit einem Wort arbeiten können. In den auch für den Menschen stressigen Situationen ist der Clicker aber schlicht ein immer gleichklingend neutrales Signal, welches zuverlässig die guten Gefühle auslöst.
Für „Pauschaldenker“ ein ungewöhnlicher Clickereinsatz
Für alle, die einen Clickereinsatz als „Wattebauschgutzigutzi“ oder Dressur abtun, mag dieser spezielle Einsatz merkwürdig sein. Das ist mir persönlich völlig egal. Dem Hund konnte geholfen werden – das ist alles, was für mich zählt.
Das ist nur ein Beispiel, wie man das Werkzeug Clicker nutzen kann. Das heißt jetzt nicht, dass man bei traumatisierten Hunden pauschal den Clicker einsetzen sollte. Er kann helfen, der Umgang sollte Hundehaltern aber von jemandem gezeigt werden, der sich damit auskennt. Und er sollte individuell und situativ eingesetzt werden. Nicht pauschal…
Trotz gegen Pauschalitäten. Nette Menschen solidarisieren sich plötzlich mit echten Extremisten
Ich finde, man sollte bei Pauschalitäten immer Vorsichtig sein. Derjenige, der pauschal alle Wattebäusche verteufelt, genauso wie derjenige, der ein „lass es“ gleich als Tierquälerei bezeichnet. Diese pauschalen „Verurteilungen“ führen meines Erachtens nur zu Mauern, die nicht sein müssen – und treiben oft Menschen, die eigentlich vernünftig und nett sind, zu einer Solidarität mit echten „Hardlinern“. Solchen, die auch keinen Hehl daraus machen, Hunde zu treten oder anders zu misshandeln. Weil das in ihrem Weltbild „eben so ist“. Und wenn man eigentlich nette Menschen schon dafür pauschal verurteilt, nur weil sie mal „nein“ zu ihrem Hund sagen, argumentieren diese, auch aus Trotz, gerne in Internetdiskussionen mal neben eben diesen echt harten Zeitgenossen. Ein Ergebnis von Pauschalität und Intoleranz. Einfach alles mal individuell sehen, nicht alles gleich über einen Kamm scheren und nicht sich und seine Ansichten zu wichtig nehmen. Könnte zu viel Entspannung führen… 
Echte Schweinereien auch mal den Behörden melden
Was natürlich nicht heißt, dass man jede Schweinerei in der Hundeerziehung hinnehmen sollte. Wenn Menschen beim Umgang mit Hunden Grenzen und Gesetze überschreiten, kann und sollte man dies auch den zuständigen Behörden melden. Denn extreme Menschen und Ansichten gibt es nun einmal,  überall wo Menschen sind. Daran helfen auch endlose Internetdiskussionen nichts. Das ist einfach so. Wenn man aber mal die Behörden einschaltet, kann das letztlich dazu führen, dass ein armer Hund, wie im Beispielfall aus meiner Praxis, zu guten Leuten kommt. Und mit dem Clicker lernt, dass es ein gutes Leben geben kann. Ganz individuell…

Das Spiel mit der Angst – Populismus in der Hundehalterwelt

Bei der Beurteilung von Hundeverhalten sollte man es vermeiden, pauschal zu urteilen oder zu bewerten. Wenn ein Hund Menschen oder Artge...