Freitag, 18. April 2014

Im Konflikt mit dem eigenen Hund? Lassen Sie ihn mal gewinnen…

Man liest und hört heute viel über „Grenzen setzen“ und „Konfliktmanagement“. Mein persönlicher Eindruck ist, wenn diese Begriffe genannt werden, dass damit eine bestimmte Art der Hundeerziehung gerechtfertigt werden soll. Denn letztlich läuft die Nutzung der vorgenannten Begriffe häufig darauf hinaus, dass empfohlen, bzw. geraten wird, dass man Grenzen notfalls auch mit unangenehmen Mitteln dem Hund gegenüber durchsetzen soll. Zudem wird im Zusammenhang mit Konflikten gern betont, dass diese zum Leben gehören und man sich diesen stellen soll.
Mensch will immer „gewinnen“ – aus Angst der Hund möchte die Welt beherrschen
Das „sich stellen soll“ läuft aber fast immer darauf hinaus, das geraten wird, der Mensch müsse den Konflikt zu seinen Gunsten gestalten. Der Mensch soll also sämtliche Grenzen setzen und alle Konflikte für sich entscheiden. Mit der Quintessenz, dass ein Hund, wenn man diese Ratschläge nicht befolgt, für den Menschen negative Verhaltensweisen (z. B. Aggressionen gegen den Menschen) zeigen könne. Im Klartext gesagt, das Gerede von Grenzen und Konflikten läuft letztlich auf genau die Gleiche Kernaussage hinaus, wie längst überholt geglaubte Sprüche, Weisheiten und Erziehungsmethoden in der Hundeausbildung. Dominanz, Alpha, „ich muss der Boss sein“, Rudelführer, Hunde dürfen nicht erhöht liegen oder als erste durch die Tür etc., werden heute durch „Grenzen setzen“, Beziehung und Konfliktmanagement ersetzt. Das hört sich besser, ja freundlicher an – hat aber letztlich oft (natürlich nicht immer) den gleichen Sinn: Eine Rechtfertigung zu finden, Hunde in bestimmten Situationen „härter“ zu behandeln. Ich möchte mich an dieser Stelle gar nicht damit beschäftigen, dass es ein grundsätzlich falscher Ansatz ist zu glauben, ein Hund würde sich zum weltbeherrschenden Monster aufschwingen wollen, wenn man ihm nicht ständig Grenzen setzt oder ihn „kleinhält“. Ich möchte hier einmal darauf eingehen, was es für ein Lebewesen bedeutet, wenn es jeden Konflikt verliert.
Ohne Konflikte können sich Mensch wie Hund nicht entwickeln
Konflikte sind wichtig im Leben. Sie sind einer der wichtigsten Gründe dafür, warum wir uns weiterentwickeln. Wenn wir uns nie einem Konflikt stellen würden, könnten wir nie herausfinden, was wir in der Lege sind zu leisten, welche persönlichen Grenzen wir haben und welche externen Grenzen wir nicht überschreiten sollten. Es ist dabei ganz wichtig, dass wir innerhalb eines Konfliktes aber auch mal der Gewinner sind, einen Konflikt für uns entscheiden. Aus der Konfliktforschung beim Menschen weiß man, dass ein Mensch, der nie einen Konflikt für sich entscheidet, ein großes Problem mit dem Selbstbewusstsein sein – er traut sich nichts zu, ist ängstlich und die kleinste Anforderung im Leben ist eine nicht zu bewältigende Aufgabe und verursacht Stress. In der bekannten Form eines biochemischen Ungleichgewichts – z. B. dauerhaft erhöhtes Stresshormon Cortisol und zu wenig Serotonin, welches als „Gegenspieler“ des Cortisol den Spiegel wieder senken sollte. Aber das Fachkauderwelsch nur am Rande. Wichtig ist zu erkennen, dass ein hochentwickeltes Lebewesen nicht ständig der Verlierer in Konfliktsituationen sein darf. Ein Verlierer hat kein Selbstbewusstsein, er traut sich nichts und fühlt sich dauerhaft „nicht Wohl“. Wenn ein Tier in freier Natur jeden Konflikt verlieren würde, würde es sich nichts mehr zutrauen, praktisch nur noch irgendwo herumliegen und verenden. Das hört sich hart an, aber es ist eigentlich recht einfach zu verstehen, dass ich Selbstvertrauen benötige, mich dem Leben zu stellen und nicht nur „die Decke“ über den Kopf ziehen kann. Aber genau das macht ein Mensch, aber auch ein Hund, wenn er nie einen Konflikt für sich entscheiden darf und kann.
Kompromisse?
(c) Fotolia
In Konfliktsituationen gibt es also Gewinner und Verlierer. Aber es gibt auch den Konsens, den Kompromiss in einer Konfliktsituation. Das ist die günstigste Variante für alle Beteiligten. Emotional gehen dabei alle als Gewinner hervor und es gibt keine Verlierer. Man sollte daher bei einem Konflikt nicht immer daran denken, diesen einseitig zu entscheiden, sondern nach Kompromissen zu suchen. Wie man das in der Mensch/Hundbeziehung im Einzelnen macht, werde ich in einem späteren Artikel näher erläutern. Hier ist es mir wichtig aufzuzeigen, dass Konflikte und Grenzen setzen wichtige Bestandteile des Lebens von Mensch und Hund sind, es aber fatale Folgen für die Psyche und das Wohlbefinden eines Säugetieres hat, wenn man immer nur der ist, dem Grenzen aufgezeigt werden und der immer nur als Verlierer aus Konflikten hervorgeht. Mal Verlieren ist wichtig, um zu lernen mit Frustrationen umzugehen, immer verlieren kostet Lebensqualität, ggf. das Leben…
Hund darf nicht alles – aber er sollte mal gewinnen. Oder es glauben…
Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass man Hunde machen lassen soll, was sie möchten und darauf hoffen, dass sie sich hier und da durchsetzen und einen Konflikt gewinnen. Das soll es ganz und gar nicht heißen – aber wir Menschen als vermeintlich intelligente Lebewesen können und sollten Hunde in einigen Situationen glauben lassen, dass sie einen Konflikt für sich entschieden haben oder ihnen auch die Freiheit lassen, uns mal Grenzen zu setzen. Z. B., wenn sie keine Lust haben gestreichelt zu werden und uns dies deutlich mitteilen, lassen wir es halt mal bleiben. Oder wenn ein Hund an der Grundstücksgrenze fremde Hunde verbellt können wir dem Hund den Glauben lassen, er hätte den vorbeigehenden Hund vertrieben und davon abgehalten, ins eigene Revier einzudringen. Das muss natürlich alles in einem „normalen“ vertretbaren Rahmen sein, aber es ist wichtig, dass mein Hund diese Erfolgserlebnisse hat, für sein persönliches Wohlbefinden und für eine ausgeglichene Biochemie in seinem Körper.
Hund mit zwei Konflikten gleichzeitig überfordert
Hanebüchener Quatsch ist übrigens in solch einer Situation, wenn ein Hund am Zaun einen anderen verbellt, diesen mit Rappelbüchsen oder Wasserpistolen davon abzubringen. Das sind nämlich genau die Momente, wo die superschlauen „Hundeexperten“ davon faseln, dass der Mensch sich dem Konflikt mit dem Hund stellen müsse, um von diesem „ernst genommen“ zu werden. Das ist von daher Quatsch, weil der Hund in dem Moment ja gar keinen Konflikt mit dem Menschen hat. Er hat einen mit dem fremden Hund, wenn ich als Mensch mich jetzt noch gewaltsam einmische, schaffe ich einen weiteren Konflikt – den Konflikt des Hundes mit seinem Menschen. Der Hund hat jetzt zwei Konflikte und wird überfordert…
Alternativverhalten als Kompromiss
Wenn sich der Mensch schon einmischen möchte oder muss, sollte er in dieser Situation ein Alternativverhalten des Hundes trainieren, welches der Hund letztlich als Kompromiss interpretiert – wodurch es wieder mehr Gewinner gibt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Konflikte und Grenzen sind Lebenswichtig und gut, dürfen aber in einer sozialen Beziehung auf keinen Fall nur einseitig entschieden werden. Der „Dauerunterlegene“ führt dadurch emotional ein bescheidenes Leben. Zudem sollte ich einem bestehenden Konflikt keine weiteren hinzufügen, weil das Mensch und Hund in letzter Konsequenz fast immer überfordert und die Beziehung oft nachhaltig zerstört. Wir Menschen sollten in der Lage sein, dem Hund glauben zu machen, dass er hier und da ein Gewinner ist, dass er uns auch Grenzen setzen kann und darf und dass er auch mal einen Konflikt für sich entscheidet. Alles natürlich in einem vernünftigen, sozialverträglichen Verhältnis.

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...