Donnerstag, 24. Oktober 2013

Stolz auf Koka und alle Hunde

Gerade mit Koka in der Stadt unterwegs gewesen. In einiger Entfernung kommt uns eine Frau mit ihrem Kind entgegen, einem kleinen Jungen mit einem Roller. Als der Junge uns erblickt, gibt er mit seinem Roller Gas und kommt frontal auf uns zu. Ich sage noch „langsam“ und trete mit Koka zur Seite in eine Wiese. Doch blitzschnell ist der Junge da, stoppt ca. 2 m vor uns, lässt den Roller laut scheppernd fallen und rennt mit ausgestreckter Hand auf Koka zu, um sie zu streicheln. Mein ruhig gesprochener Protest kommt bei ihm nicht an. Und nachdem er seinen polternden Roller verlassen hat und in unsere Richtung rannte, fiel er auch noch über seine eigenen Beinchen um plumpste Koka direkt vor die Nase und fing direkt wie eine Sirene an zu weinen… Ihm war nichts passiert und ich meckerte ihn auch nicht aus – Kinder sind nun einmal so und müssen irgendwie auch so sein. Es wäre da vielmehr der Job der Mutter gewesen, eine solche Situation zu verhindern…

In der ganzen Situation war ich aber sehr stolz auf Koka. Da kommt frontal ein Mensch auf sie zu, lässt scheppernd einen Roller fallen, kommt schnell mit ausgestreckter Hand auf sie zu, fällt fast auf sie und trötet dann auch noch los. Und was macht sie? Schaut verwundert in Richtung des trötenden kleinen Actiondarstellers, dann zu Herrchen – ein Gähnen als Übersprungshandlung. Das war es, sie entspannte direkt…
Was aber wäre gewesen, wenn es nicht Koka gewesen wäre, die speziell Menschen gegenüber eine unglaubliche Toleranzschwelle hat?   (wenn uns ein Hund so überfallen hätte, hätte sie anders reagiert ;-) )
Was wäre gewesen, wenn ein unsicherer Hund, der ggf. schon viel Leid durch Menschhände erfahren hat, an Ihrer Stelle gewesen wäre? Was wäre, wenn es ein Hund gewesen wäre, der durch übertriebene und aktionsreiche Beschäftigung eine insgesamt herabgesetzte Toleranzschwelle gehabt hätte? Dann wäre es eine durchaus mögliche Reaktion gewesen, dass der Hund sich von dem Jungen wirklich angegriffen gefühlt hätte. Und um, seiner Ansicht nach, sein Leben zu schützen, hätte er vielleicht zur Abwehr gebissen. Und wem hätte man die Schuld gegeben? Natürlich dem „bösen“ Hund…
Ich habe nach der Situation der Mutter und ihrem Sohnemann (der das Sirenengeheul inzwischen abgestellt hatte) sachlich vermittelt, dass Hunde empfindende Lebewesen sind, die Abwehrmechanismen haben, die auch einmal Reflexartig gezeigt werden können. Ohne „schuldig“ oder „böse“ zu sein. Ich habe den beiden dann erklärt, dass man immer erst nachfragen soll, wenn man einen Hund streicheln möchte, nicht böse sein, wenn der Besitzer nein sagt (der Hund kann ja auch alt sein, Berührungsschmerzen haben etc.).  Und ich habe ihnen erklärt, wie man, wenn der Besitzer es zulässt und der Hund keine Stresssymptome zeigt, streichelt. Gut, war schon ein freundlich gehaltener, kleiner Privatvortrag J
Übrigens. Mein Stolz auf Koka lässt sich eigentlich auf praktisch alle Hunde übertragen. Solch ein Vorfall passiert sicher am Tag tausendfach allein in Deutschland. Und wenn man dagegen stellt, wie oft tatsächlich mal gebissen wird, muss man eines feststellen: Insgesamt sind Hunde uns Menschen gegenüber eine unglaublich freundliche und tolerante Art. Ein Gedanke und zusätzlich ein statistischer Fakt, den sich viele mal in einer ruhigen Sekunde durch den Kopf gehen lassen sollten…
 
 

Sonntag, 20. Oktober 2013

Gute Rudelführer schnüffeln auch am Hintern

Wie sagt ein Berliner Witzbold immer? Kein Scherz…
Genau das muss ich auch sagen, wenn ich von der folgenden Geschichte berichte. Ein Kunde rief mich an, schilderte mir, ohne dass ich zumindest „guten Tag“ sagen konnte, direkt das „Problem“ mit seinem Hund. In seinen Augen sei dieser zu dominant, würde die Rangordnungen nicht akzeptieren usw. Im weiteren Gespräch, bzw. in seinem weiteren Monolog konnte ich genau heraushören, dass der Hundehalter ein glühender Fan einer aus dem TV bekannten Rudelführertheorie war. Seiner Ansicht nach musste der Hund genau wissen, wer das Sagen hat, weil er sonst ein gemeingefährliches Monster würde. Übrigens, der Hund war ein Beagle…
Auf jeden Fall hatte er alle möglichen Tipps und Ratschläge von Hundeschulen und auch seinem TV-Idol umgesetzt, um der Rudelführer zu werden. Hund durfte nicht als erster durch die Tür, wenn Hund eine Sekunde zu lang selbstständig an einer Ecke schnüffelte wurde er „korrigiert“ usw. All das Zeug, was immer noch durch viele Köpfe geistert. Trotzdem „funktionierte“ der Hund nicht. „Im Gegenteil“, sagte der Kunde, „er wird immer dominanter und beginnt zu knurren, wenn ich ihn anfassen möchte“…
Ich hätte ihm jetzt einen Vortrag halten können, warum es im Prinzip logisch war, dass sein Hund ihn anknurrte. Vereinbarte aber einen Termin bei Ihm, um mir auch in Ruhe überlegen zu können, wie ich diese fast schon religiös anmutenden Rudelführergedanken im Kopf des Halters zumindest etwas ins Wanken bringen könnte. Ich entschloss mich, diese Gedanken gar nicht zu bekämpfen, sondern zu bestätigen – bis ins Absurde.
So ging ich gut vorbereitet zu dem Kundentermin. Dabei hatte ich meinen Stoffhund Karl-Otto, der sonst bei Seminaren etc. immer für die Stachelhalsbanddemo herhalten muss. Beim Hundehalter und seinem Beagle daheim hörte ich mir erneut die Theorien zur angeblich gestörten Hierarchie in Ruhe an. Der Mann dachte nicht im Entferntesten daran, dass der Hund aus reinem Selbstschutz knurrte, weil Herrchen ihn immer mit unangenehmem Unfug konfrontierte, wenn er sich näherte.
„Was können wir denn jetzt gegen diese ausufernde Dominanz meines Hundes unternehmen?“ Fragte schließlich der verhinderte Rudelführer.
„Nun“, sagte ich, „Sie haben ja schon alle relevanten Rudelführermethoden angewendet. Aber eine, die Wichtigste, haben Sie anscheinend vergessen oder es hat Ihnen noch niemand gesagt oder im TV vorgeführt. Aber sicher haben sie es schon häufig gesehen, wie Hunde das untereinander machen. Das Schnüffeln am Hintern. Das ist ein ganz wichtiges Dominanzmerkmal – und zwar nicht das Schnüffeln an sich, sondern wie man es macht.“
Der Hundebesitzer schaute mich mit großen Augen an, um zu wissen, wie man richtig und dominant am Hintern schnüffelt. Jetzt kam Stoffhund Karl-Otto zum Einsatz. Ich hatte ihm mit einem Edding einen Anus auf das Stofffell gemalt und instruierte den Hundebesitzer nun, das Schnüffeln in einer Spiralbewegung von außen nach innen durchzuführen – was er erst einmal an Karl-Otto üben solle, bevor er es bei seinem echten Hund umsetzt. Und – kein Scherz! Er nahm sich Karl-Otto und befolgte meine Anweisung – er wollte doch ein guter, ein perfekter Rudelführer sein. Und wenn Hunde das untereinander doch auch machen…
Als er dann sagte, das ist nicht so schwer, ich mache gleich bei meinem echten Hund weiter wurde mir etwas mulmig. Ich hielt ihn ab und klärte auf, dass ich ihn vorgeführt hatte, um ihm diese angeblichen Rudelführermethoden einmal drastisch vor Augen zu führen. Nach einem klärenden Gespräch über Hunde an sich und zwei weiteren Terminen, bei dem ich ihm gezeigt hatte, wie das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund auch funktionieren kann, habe ich jetzt keinen Kontakt mehr zum Kunden. Zumindest nach den zwei Gesprächen und dem drastischen "vor Augen führen" schien beim Hundehalter mehr angekommen zu sein als beim einfachen "predigen". Allerdings ist der Rudel-Macho-Weltherrschaftsgedanke bei ihm sehr tief verankert. Zumindest ein wenig mehr Verständnis für seinen Hund konnte ich entfachen, da bin ich sicher. Das ist manchmal das beste, was man für einen Hund herausholen kann.
Es war aber insgesamt schon eine besondere Kundenbegegnung – Wenn ein erwachsener Mensch einem Stoffhund an der mit einem Edding aufgemalten Poperze schnüffelt. Nur um ein guter Rudelführer zu sein ;-)
Cartoon (c) Fotolia

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Traurigkeit und Glück in Hundeaugen

Amerika ist ein großes Land und man würde einen ebenso großen Fehler machen, wenn man dieses Land pauschal betrachten würde. Hunde z. B. werden dort sehr unterschiedlich gehalten, betrachtet und behandelt. Während Hunde auf dem Land oft noch echte Hunde sein dürfen, die weder Leine noch Erziehung kennen und sich Ihren Tag gern auch mal selbst gestalten dürfen, werden Sie in den Großstädten komplett anders behandelt. Bei einem Ney York Aufenthalt in der letzen Woche durfte ich zwei Dinge feststellen: Erst einmal ist New York, bei aller Dekadenz die sie auch ausstrahlt, eine faszinierende und tolle Stadt, die ihresgleichen sucht. Immer eine Reise Wert…

Was mir auffiel war die Tatsache, dass die dort von uns gesehenen Hunde zu ca. 50 % Stachelhalsbänder oder ähnliche Foltermittel trugen. Darüber hinaus wurde auch bei den Hunden, die kein Foltermittel trugen, häufig mit der Leine am Halsband geruckt.  Augenscheinlich „funktioniert“ das dort auch, zugegeben konnte ich keine (!) Leinenpöbeleien oder Leinenzerrer entdecken. Allerdings musste ich Hunde sehen, die ein unglaublich hohes Repertoire an Stresssymptomen zeigten und fast ausnahmslos diesen leeren, ängstlichen Blick hatten – den Blick, den traurige Lebewesen zeigen. Mehrheitlich sah ich also funktionierende aber traurige, gestresste Hunde. Mehrheitlich, persönlich beobachtet – nicht pauschal betrachtet. Sicher gab es auch Hunde, die „normal“ und „zufrieden“ neben ihren Besitzern hertrotteten. Bei den Gesichteten aber eine absolute Minderheit…
So aufregend die Stadt ist, so schön ein Aufenthalt in Amerika immer wieder ist. Die traurigen Hundeaugen belasten mich persönlich. Umso schöner der Empfang daheim von vier Augen, die alles andere als traurig waren, als ich zurückkehrte. Puzzel und Koka hatten dieses Blitzen in den Augen, das man hat, wenn die Endorphine den Körper fluten, wenn man glücklich ist. Schon schön, wenn es Lebewesen gibt, die sich so freuen können, wenn man zurückkommt. Sicher freuen sich auch Menschen auf mich – aber so unmissverständlich zeigen es nur Hunde.
Dieses Glück in den Augen meiner Hunde, welches ich in den Augen der Hunde New Yorks mehrheitlich vermisst habe, das macht wiederum mich glücklich. Das sind diese Gänsehautmomente…
Puzzel und Koka sind keine „perfekt“ funktionierenden Hunde (obwohl sie bei einem „Profi“ leben). Aber sie können glücklich sein und dürfen das auch zeigen. Das ist mir viel wichtiger…
 
 
PS - Natürlich sollte man hier erwähnen, dass es auch bei uns (zu)viele dieser traurigen Hunde gibt. Allerdings sind es dort definitiv mehr...Mehr anzeigen

Das Spiel mit der Angst – Populismus in der Hundehalterwelt

Bei der Beurteilung von Hundeverhalten sollte man es vermeiden, pauschal zu urteilen oder zu bewerten. Wenn ein Hund Menschen oder Artge...