Montag, 20. Mai 2013

Der Jäger von Soest

Im Roman „Simplicius Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen wird die Hauptfigur bekannt, indem sie, als Jäger verkleidet, Raubzüge und Plünderungen rund um die westfälische Stadt Soest unternimmt. Das „Jägerken von Soest“ ist bis heute fest verbunden mit der Stadt, die sogar jährlich ein „Jägerken“ wählt, welches Soest z. B. bei Veranstaltungen in anderen Städten repräsentiert.
Die historische Romanfigur kam mir spontan in den Sinn, als ich folgenden Anruf erhielt: „Tach, D. am Apparat. Bin Jäger und habe Ärger mit meinem Hund!“ Ein Herr D. aus Soest also, der sich gleich als Jäger ankündigte. Interessant, dachte ich und wartete auf weitere Erläuterungen. Doch da kam nichts, nach dem Wort Hund erfolgte eine fast schon bedrohliche Stille.
„Und?“, fragte ich dann in diese hinein.
„Sie können doch so einen Ärger wegmachen, oder etwa nicht?“, grummelte der Soester Jäger.
„Ich kann gerne versuchen, Ihnen zu helfen, wenn Sie ein Problem mit Ihrem Hund haben. Dazu müsste ich aber erst einmal wissen, was das Problem überhaupt ist“, entgegnete ich dem Gebrummel am anderen Ende der Leitung.
„Das ist ein Scheißköter, funktioniert nicht und kommt nicht, wenn ich ihn rufe. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, ich kann mich mit dem nicht mehr sehen lassen!“
Tja, da hatte ich nun eines dieser Menschenexemplare am Telefon, die mit Sicherheit nicht zu der Klientel gehören, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Die Zunft der Jäger in Mitteleuropa ist nämlich eine ganz eigene Art von Mensch. Ein sich sehr elitär fühlendes Völkchen, welches den Anspruch auf Wahrheit dermaßen für sich gepachtet hat, dass jeder, der auch nur eine Spur von Kritik an der Jagd ausübt, gleich verteufelt wird. Ich bin kein verbissener Jagdgegner, kritisiere aber durchaus eine  vermeintlich elitäre Jagdgesellschaft, die in erster Linie verkrusteten Traditionen huldigt und die Machtgelüste ihrer Mitglieder unter dem Deckmantel der Notwendigkeit und des Naturschutzes rechtfertigt. Dabei konnte noch nie auch nur im Ansatz wissenschaftlich belegt werden, dass z. B. eine Jagd auf Raubtiere, die am oberen Ende der Nahrungskette stehen (wie zum Beispiel der Verwandte unserer Hunde, der Rotfuchs), überhaupt notwendig ist. Im Gegenteil: Raubtiere regulieren sich über ein Reviersystem selbst und sind auch keine „Seuchenträger“, was die Jägerschaft oft als Jagdgrund angibt. Wer sich genauer über dieses Thema informieren möchte, kann dies in meinem Buch „Hundeartige“ tun, welches 2008 erschienen ist.
Hier geht es allerdings nicht um die Jagd und die Jäger an sich, sondern um Geschichten von Hunden. Und in diesem Zusammenhang einen Jäger als Kunden zu haben, ist schon erstaunlich. Jäger bleiben, wenn sie Probleme mit ihren Hunden haben, gern unter sich, wohl auch aus dem Grund, dass nicht jeder die Methoden der Jagdhundeausbildung mitbekommt. Der Jäger von Soest, dessen Hund nach seiner Aussage „nicht funktionierte“, wollte offenbar von mir eine Art Wunderheilung, damit er sich bei seinen Jagdkumpanen wieder sehen lassen konnte … Dem Tier zuliebe vereinbarte ich einen Termin, denn ich war mir sicher, dass der Hund Probleme mit seinem Besitzer hatte und nicht umgekehrt. Da Herr D. nicht wollte, dass ich ihn daheim besuche – jemand hätte ja sehen können, dass er meine Hilfe in Anspruch nahm – und er auch nicht zu mir kommen wollte – dort konnte er ja auch gesehen werden –, entschieden wir uns für den einsamen Treffpunkt im Wald, was in dem Fall sogar einen Sinn machte. Nicht weil ich dafür war, dass der Jäger inkognito blieb, sondern weil die Probleme mit dem Hund in der Feldflur auftraten.
Es war ein ungemütlicher Herbsttag; schon seit mehreren Tagen hatte es durchgehend leicht geregnet und die nicht befestigten Feldwege waren matschig und rutschig. Da ich zuerst am vereinbarten Ort war, konnte ich beobachten, wie Herr D. mit seinem Geländewagen vorfuhr. Ich möchte hier keine Klischees bemühen, aber dieser Mann war wirklich ein solches auf zwei Beinen und bediente die Vorurteile, die normal sterbliche Menschen von Jägern haben, vorzüglich. Er steuerte einen Geländewagen von der Größe und Stärke, dass er damit locker eine Sandwüste hätte durchqueren können. Im flachen Soester Umland war die Notwendigkeit für ein solches Fahrzeug, selbst wenn man durch sein Hobby ab und zu auf unbefestigten Wegen unterwegs war, absolut nicht gegeben. Die Förster in unserer Gegend fahren übrigens Renault-Kangoos ohne Allradantrieb – und die müssen beruflich täglich in den Wald.
Als Herrn D.  ausstieg und mehr aus Verpflichtung  als freundlich ein „Tach“ grummelte, offenbarte er weitere Klischees. Natürlich – wie sollte es auch anders sein – trug er seine Jägeruniform: grüne Hose, grüner Pullover und grüne Jacke. Dazu ein zünftiges Hütchen – Sie dürfen jetzt raten, in welcher Farbe … Nach der Begrüßung wollte er behänden Schritts zur Rückseite seines Panzers schreiten, um den Hund herauszulassen. Doch das gelang  ihm nicht ganz. Der vorher beschriebene matschige und rutschige Boden machte ihm einen Strich durch die Rechnung und der stolze Jäger rutschte auf einem schlammigen Stück Erde aus. Seinen vehementen Weg Richtung Kofferraum konnte er nicht fortsetzen, stattdessen wurde die Energie seines Schrittes umgeleitet: Das Bein, mit dem er in den Morast getreten war, zeigte auf einmal und blitzschnell in Richtung Himmel, während sein Oberkörper sich dem nassen Erdreich zuwandte. Dabei fiel er nicht wie die berühmte Bahnschranke, auf irgendeine Weise sah der Sturz sogar elegant aus. Weniger schick wurde allerdings die Landung. Herr D. klatschte mit einem lauten Geräusch auf den matschigen Boden, wobei die Hälfte seines Rückens noch eine Pfütze erwischte. Oh Gott, dachte ich, hoffentlich hat er sich nichts getan. Auf jeden Fall wird er ganz schön meckern, wenn er aufsteht.
Aber da irrte ich mich. Gerade als ich ihm aufhelfen wollte, erhob sich das Jägerken genauso schnell wieder, wie es gefallen war. Sein Kopf war zwar hochrot, aber die für mich amüsante und für ihn peinliche Situation sollte offenbar so gut wie möglich überspielt werden. „Dann wollen wir mal den Hund holen“, entfuhr es ihm mit seiner grummeligen Stimme. Die ganze Szenerie war dermaßen komisch, dass ich am liebsten laut losgelacht hätte, diesen Drang aber musste ich aus Gründen der Höflichkeit unterdrücken. Als ich den Mann dann aber von hinten sah mit einem schönen braunen Matschfleck auf der grünen Jägeruniform, war es für mich noch schwerer, mich zurückzuhalten. Ich war froh, dass endlich der Hund aus dem Fahrzeug kam und ich mich auf etwas anderes konzentrieren konnte. Der jedoch stürzte sich sofort auf etwas, was ungefähr an der Stelle lag, wo Herr D. seine Rückenlandung vollzogen hatte. Er nahm es auf, hielt es in seinem Fang und schaute uns mit schrägem Kopf an. Erst da erkannte ich, was er dort aufgesammelt hatte. Mir war in der Komik und Hektik des Augenblicks entgangen, dass Herr D. sein Hütchen verloren hatte. Und das hatte der Hund nun in der Schnauze. In diesem Moment war es mir unmöglich, weiterhin das Lachen zu unterdrücken. Ich platze los. Und selbst der grummelige Jäger bewegte seine Mundwinkel nach oben und zeigte so etwas wie ein Lächeln.
Zeichnung: Zapf
 
 
Als er mir allerdings seine Hundeprobleme schilderte, verging mir das Lachen recht schnell wieder.  Eigentlich war es der Klassiker schlechthin: Der Hund kam nicht auf Zuruf zu seinem Besitzer, und je mehr er für dieses Verhalten bestraft wurde, desto schlechter folgte er. „Der muss doch wissen, dass er eine Tracht Prügel kriegt, wenn er nicht kommt“, sagte der Mann. Und in einem aggressiv gesprochen Ton schrie er: „HIER“. Der Hund reagierte sofort, hielt in seinem Tun inne und schaute stocksteif zu seinem Besitzer. Dessen Stimme wurde nun so unfreundlich, dass sogar die umstehen Bäume zur Flucht bereit gewesen wären.
Was macht ein schlaues Lebewesen in einer solchen Situation? Natürlich: Es möchte Ärger vermeiden  und vollzieht daher lieber keine schnellen, aufreizenden Bewegungen, die das aggressive Gegenüber zusätzlich reizen könnten. Unter normalen Kreaturen funktioniert die Strategie der Vermeidung von Auseinandersetzungen sehr gut. Viele nennen das beschwichtigen, wobei das Wort beruhigen vielleicht besser passt. Hunde benutzen ein solches Verhalten und kommen damit im allgemeinen auch gut zurecht.  Allerdings sind Menschen keine normalen Lebewesen mehr, Jäger noch viel weniger und Herr D. war dazu noch ein ganz spezielles Exemplar dieser Zunft …
Harro – so hieß der Hund, der übrigens ein Deutsch-Drahthaar-Rüde war, –  hatte gelernt, auf Zuruf die Handlung, die er gerade ausführte, zu unterbrechen und zu Herrn D. zu blicken. Ich möchte gar nicht wissen, wie er das beigebracht bekommen hatte, vermutlich über das verbotene Elektroreizgerät. Mehr dazu in einem späteren Kapitel. Hier ging es jetzt darum, Herrn D. zu vermitteln, was in Harro vorging, der ja machte, was von ihm verlangt wurde. Doch das unfreundliche und aggressive Gebrülle seines Besitzers hielt ihn davon ab, schnell zu ihm zu kommen. Die einzig logische Verhaltensweise für den Hund war es, sich so wenig wie möglich und so langsam es ging zu bewegen, um das Jägerken nicht noch mehr zu provozieren. Aber genau das Gegenteil passierte.  Denn als Harro dann endlich bei seinem Halter war, wurde er auch noch geschlagen. War es dann nicht besser, überhaupt nicht mehr zu ihm hinzugehen?
Ein Hund verknüpft nun einmal direkt, er führt eine Handlung aus und die darauf folgende Konsequenz wird der Tat zugeordnet. Er begreift nicht, wenn ein Mensch ihn für etwas ausmeckert oder bestraft, was einige Zeit zurückliegt und sich schon andere Handlungen zwischengeschoben haben. Da hilft es auch nichts, wenn der Mensch dem Hund erklärt, was er tun soll. Abstrakte Sätze versteht dieser nämlich nicht. Der Mensch, dessen Fähigkeit, theoretische Zusammenhänge zu durchschauen, deutlich besser ausgeprägt ist, ist sehr oft allerdings nicht in der Lage zu begreifen, wie die Struktur des Denkens und Lernens bei seinem Vierbeiner funktioniert. Das Problem vom Jägerken und Harro war im Prinzip relativ klein, sie verstanden sich nur gegenseitig nicht. Herr D. dachte, der Hund sei aufsässig, stur oder dominant, weil er den „HIER“-Befehl nicht ausführte. Und Harro verknüpfte das Herankommen mit Prügel. Man hätte ihm nur beibringen müssen, dass er etwas Positives zu erwarten hat, wenn er auf einen bestimmten Befehl hin zu seinem Besitzer kommt.  Den in diesem Fall negativ besetzten Begriff „HIER“ hätte der Jäger durch ein anderes Wort austauschen und in Gleichklang mit einer Belohnung bringen sollen. Das muss übrigens nicht immer Nahrung sein. Auch ein Spielzeug oder einfach nur ein Lob sind geeignet. Man muss sehen, was individuell beim jeweiligen Hund den Erfolg bringt. Wenn Harro den neuen Befehl für das Herankommen mit einer positiven Konsequenz hätte verbinden können, wäre er sicher gerne und schnell gekommen. Aber wie Sie sicher schon bemerkt haben, schreibe ich gerade im Konjunktiv. Herr D. war nämlich nicht bereit, sich auf ein solches Training einzulassen. „Waschweibermethoden“, zischte er, „ich dachte, Sie können den Hund eben schnell dazu bringen, auf mich zu hören.“
Herr D., das Jägerken von Soest, war nicht nur unfähig, seinen Hund zu verstehen, er konnte nicht einmal einen Menschen verstehen, der ihm wirklich logische Argumente lieferte. Zusätzlich war ich bemüht, ihm dies so einfach wie möglich zu vermitteln – Grundschulkinder verstehen mich meist nach wenigen Sekunden –, aber Herr D. konnte oder wollte seine Sicht auf die Dinge nicht im geringsten verändern. So zog er ab; in seiner grünen, nassen Kleidung stieg er in den Panzer und fuhr los. Leider konnte ich nicht mehr für den Hund tun. Das tat mir unendlich leid, weil ich genau wusste, wie dieses Tier weiterhin erzogen werden würde. Es blieb mir nur, Herrn D. noch einen Rat mit auf den Weg zu geben: „Denken Sie daran, Herr D., es ist verboten, Hunde mit Mitteln auszubilden, die Schmerz verursachen. Wenn ich Sie zufällig irgendwo sehe, wie Sie Ihren Hund verprügeln, werde ich mich nicht scheuen, die Behörden zu informieren!“
Ich sagte dies aus Frust und in der Hoffnung, dass Herr D. vielleicht doch noch einmal seinen Kopf zum Denken benutzen würde. Letzterer ist schließlich dazu da, und nicht nur, um grüne Hütchen zu tragen. Obwohl – beim Jägerken von Soest war ich mir nicht sicher, ob sein Kopf nicht doch nur als Huthalter gedacht war … 
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Weitere Geschichten rund um meine Arbeit als Hundepsychologe finden Sie im Buch zu dem Thema: http://www.amazon.de/Wer-ist-hier-Schlaumeier-Geschichten/dp/3927708623/ref=sr_1_4?ie=UTF8&qid=1369039603&sr=8-4&keywords=thomas+riepe

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