Donnerstag, 30. August 2012

Gastartikel: Führt Kontrollverlust bei Hunden zu Kontrollzwang?


Heute möchte ich Ihnen einmal einen sehr lesenswerten Gastartikel von Ute Rott präsentieren. Er ist zwar etwas länger, aber es lohnt sich, ihn bis zum Ende zu lesen – versprochen J


Führt Kontrollverlust bei Hunden zu Kontrollzwang? 

Kontrolle ist etwas, das jedes Lebenwesen braucht, um überleben zu können. Von klein auf lehren wir unsere Kinder viele Dinge genau zu kontrollieren, damit sie heil durchs Leben kommen Zum Beispiel ist es ganz klar, daß man nur über eine befahrene Straße geht, wenn dies gefahrlos möglich ist. Ebenso steckt man nicht einfach alles in den Mund, es könnte ja giftig sein. Messer und Scheren werden Kindern erst dann anvertraut, wenn die Eltern sicher sind, daß sie vernünftig damit umgehen und auch dann bleiben sie dabei und kontrollieren, daß nichts passiert. Auch Vorsicht gegenüber Fremden - in vernünftigem Ausmaß - sollen Kinder lernen und nicht mit jedem mitlaufen, der Gummibärchen dabei hat. 

Menschen kontrollieren ihre Umgebung ständig, ohne sich dessen bewußt zu sein. Wenn wir in eine neue Umgebung kommen, bleiben wir erstmal stehen und werfen einen Blick in die Runde. Nur wenn wir sicher sind, daß alles ok ist, gehen wir weiter und betreten das Haus, den Raum, den Platz. Allein in eine fremde Stadt oder ein fremdes Land zu fahren, ist für uns nie besonders angenehm, besser wäre es, es ist jemand dabei, der sich auskennt. Einen guten Autofahrer macht aus, daß er regelmäßig in den Spiegeln den Verkehr überprüft, um so die Kontrolle zu behalten. 

Warum ist das so? Sind wir alle Kontrollfanatiker, die dringend mal in Therapie müßten? Solange sich das in Grenzen hält wie oben beschrieben und es sich um einfache, größtenteils unbewußt ablaufende Aktionen handelt, ist es das sicher nicht mehr und nicht weniger als die notwendige, teilweise sogar überlebensnotwendige Überprüfung meiner Umwelt. Wer zu einer vernünftigen Kontrolle seiner Umwelt nicht in der Lage ist und viel zu sorglos durchs Leben wandert, muß schon ein großes Glückskind sein, um zu überleben, denn wer auf der Autobahn spazierengeht, jedem Menschen vertraut, der etwas von ihm will, Alkohol und Drogen in Unmengen konsumiert, ohne an die Folgen zu denken, der wird früher oder später durch seinen Leichtsinn geschädigt werden. Wir müssen also lernen, mit den Gefahren, die auf der Welt vorhanden sind, umzugehen und sie zu kontrollieren, dann kann man auch mal ein, zwei Glas Wein trinken, ohne gleich Leberzirrhose zu bekommen, man kann Straßen überqueren, ohne überfahren zu werden, und man lernt, Menschen richtig einzuschätzen. Alle Erfahrungen, die wir machen, egal ob gute oder schlechte, bereichern unser Leben und bringen uns vorwärts. 

In ihrem sehr lesenswerten Buch "Wer denken will, muß fühlen." geht Elisabeth Beck auf das Grundbedürfnismodell von Epstein / Grawe ein. Die wichtigsten Grundbedürfnisse sind demnach
- Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle

- Lustgewinn / Unlustvermeidung

- Bindungsbedürfnis

-Selbstwerterhöhung.

Der Psychologe Seymor Epstein hat sich Anfang der 1990er Jahre mit der Frage beschäftigt, ob es für Menschen auch psychische Grundbedürfnisse gibt, Klaus Grawe hat Anfang der 2000er Jahre in Anlehnung an diese Erkenntnisse die o.gen. Grundbedürfnisse als Modell entwickelt. Elisabeth Beck schreibt dazu (S. 78) : "Alle Grundlagen dieses Modells wurden jedoch an Tieren fast noch intensiver erforscht als an Menschen - höchste Zeit also, es auch zum Nutzen der Tiere einzusetzen". 

Um in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben, muß ein Lebewesen - egal ob Tier oder Mensch - eine gewisse Kontrolle behalten können. Denn gerade in schwierigen Momenten des Lebens kann es das Leben kosten, wenn man den Notausgang nicht kennt. Die Tatsache: "ich bin hier zwar fremd, aber ich habe mein Handy dabei und kann im Notfall meine Freunde anrufen, damit sie mich abholen" reicht als Kontrolle in der Regel aus. 

Wie verhält sich das jetzt mit Hunden? Oft genug hört man von Hunden, die ständig ihre Menschen kontrollieren, sie keinen Moment aus den Augen lassen, immer dabei sein müssen, niemanden an sie hinlassen, teilweise nicht mal den Partner oder die Kinder. Ist das normal? Sind diese Hunde krank? Warum machen das einige und andere nicht? Es lohnt sich, dem nachzugehen und dieses Problem zu untersuchen, da die Ursachen zum großen Teil darin begründet liegen, wie heutzutage Hunde "erzogen" werden. 

Hunde sind sehr neugierige Tiere, wie Menschen auch, nur wird ihnen das häufig negativ ausgelegt Ich nenne dieses Verhalten deshalb lieber "Erkundungsfreude". Damit wird es positiv belegt und es trifft auch besser den Kern. Die meisten Hunde in meiner Hundeschule kommen freudig auf den Platz und müssen dringend erkunden, was seit dem letzten Mal hier passiert ist. Wer war da? Hat jemand Leckerchen vergessen? Steht das Plantschbecken rum? Und diese Erkundungsrunde macht Spaß. Hunde, die das nicht machen, sind immer Hunde, denen verboten wurde, von sich aus etwas zu erkunden. Sie machen einen verunsicherten Eindruck, wirken oft scheu und ängstlich, und haben nicht wirklich viel Spaß am Leben, keine Freude daran, etwas zu erkunden, keine Neugier, also keine "Gier auf Neues". 

Nehmen wir an, ein Mensch kommt mit seinem Hund in einen großen Raum, der beiden fremd ist. Der Mensch bleibt am Eingang stehen und wirft einen Blick in die Runde. Vielleicht sieht er jemanden, den er kennt und geht sofort zu ihm hin. Der Blick in die Runde hat ihm genügt, um sein Kontrollbedürfnis zu befriedigen. Der Bekannte ist obendrein ein "Beleg" für die friedliche Situation, er kann also ohne weiteres hingehen und sich dazusetzen. Für den Hund sieht das ganz anders aus. Hunde erfassen zwar ebenso wie wir neue Situationen und Umgebungen mit allen Sinnen, den gründlichsten Aufschluss geben ihnen aber nicht die Augen sondern die Nase. Und deshalb reicht es ihnen nicht, wenn sie sich umsehen. Sie müssen den Raum mit der Nase erkunden. Üblicherweise ist das aber nicht erlaubt, denn aus welchem Grund auch immer denken Menschen nicht freundlich über Hundenasen, die auf Erkundung sind. Könnte es nicht sein, der Hund pinkelt irgendwo hin, wenn er was interessantes riecht? Könnte es nicht sein, er belästigt jemanden? Oder jemand fürchtet sich vor Hunden. Und überhaupt sind die meisten Menschen der Meinung, es reicht, wenn der Mensch weiß, was er tut, der Hund hat ihm blind zu vertrauen.  

Ach, wirklich? Als sozial hochentwickelte Landraubtiere haben Hunde wie Menschen ein sehr starkes Bedürfnis, ihre Umgebung daraufhin zu kontrollieren, ob sie ungefährlich ist, Beute oder Feinde verbirgt, man sich hier wohlfühlen kann oder sich lieber entfernt, sie haben also das gleiche Streben nach Lustgewinn, bzw. Unlustvermeidung wie Menschen. Wie kann aber ein Mensch, der sich mit seinem Hauptsinn "Sehvermögen" überwiegend orientiert und zum Teil ganz andere Bedürfnisse und Vorstellungen von einem angenehmen Leben hat wie ein Hund, verlangen, daß sein Hund ihm immer und unter allen Umständen vertraut, wenn er ihm nicht mal ein wichtiges Bedürfnis, nämlich das nach Orientierung und Kontrolle zugesteht? Der Mensch in unserem Beispiel vertraut seinem Hund in keinster Weise, sonst käme er ja nicht auf die Idee, sein Hund könnte rumpinkeln, anderer belästigen oder in Angst versetzen. 

Viele Hundebesitzer und Hundetrainer glauben, daß sie sehr wohl in der Lage sind, hundliche Bedürfnisse richtig einzuschätzen und diesen auch gerecht zu werden. Das stimmt in vielen Fällen sogar, aber spätestens bei folgenden Fragen hört es für die meisten auf: darf ein Hund sich paaren und wenn ja mit wem? Wann und wie oft bekommt er was zu fressen? Darf er einfach so durch die Gegend laufen, und das auch noch wann und so lange es ihm gefällt? Darf Hund sich in Aas oder Exkrementen wälzen und dann im Wohnzimmer auf die Couch hopsen, um ein Nickerchen zu nehmen? Es gäbe noch viele andere Punkte, bei denen sich Mensch und Hund nicht unbedingt einig sind, aber Menschen bestehen darauf, alles so zu machen und zu kontrollieren (!), daß es ihren Vorstellungen gerecht wird.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: ich bin durchaus der Meinung, daß Hunde zwar soviel Freilauf wie möglich haben sollten, aber auch hier in der uckermärkischen Einsamkeit öffnen wir nicht einfach die Tür und schicken die Hunde hinaus. Ebenso gibt es ein von den Hunden durchaus unerwünschtes Duschbad, falls sie sich mal wieder mit Waschbärkacke parfümiert haben. Aber wenn unsere Hunde der Meinung sind, daß wir nicht umkehren, bevor wir den See erreicht haben, weil es nämlich wieder mal hoch an der Zeit für ein schönes Bad ist, dann lassen wir uns schon mal überreden. Und wer kontrolliert dann wen? Ich ganz sicher nicht meine Hunde. Dafür komme ich zu einem nicht eingeplanten Bad und die Hunde hatten mit ihrer Entscheidung natürlich recht. 

Wer seinen Hund allerdings dazu erzieht immer und unter allen Umständen die Kontrolle abzugeben und alle Entscheidungen seinem Menschen zu überlassen, der muß mit üblen Folgen rechnen. Eine dieser Folgen kann Trennungsangst sein. Denn wer nie für sich selber sorgen und entscheiden darf, gerät natürlich leicht in Panik, wenn die Person verschwindet, die das für ihn erledigt. Und ist es nicht nachvollziehbar und logisch, daß ich permanent aufpassen muß, daß mir dieser Mensch ja nicht aus den Augen kommt? Was tue ich, wenn er weg ist? Wer passt dann auf mich auf? Wer trifft dann die Entscheidungen für mich? Wer kümmert sich, wenn ich in Gefahr bin? Ein Hund, der nichts entscheiden darf, der nie selber etwas erkunden darf, der aus Erkundungen nichts lernen kann, dem alles abgenommen wird, der immer und überall - in der Regel durch Kommandos - unselbständig sein muß, wird dann ausschließlich und immer das kontrollieren, was ihm noch bleibt: den Menschen, der ihm die Kontrolle über seine Umwelt abgenommen hat.  

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen ihren Hunden so etwas antun. Einer ist sicher übertriebene Fürsorglichkeit. Der Hund einer Bekannten durfte sich nicht mal selber kratzen: "das macht Frauchen doch für dich". Ja, und was ist, wenn sie nicht da ist? Ein anderer ist ein übertriebenes menschliches Kontrollbedürfnis, das leider durch viele Trainer auch noch gefüttert wird: wenn du deinen Hund nicht immer im Griff hast (sprich 100%ige Kontrolle), dann...." und es folgen die schlimmsten Szenarien von gebissenen Kindern, über Hundebeissereien, angeblichen Rangordnungsprobleme bis zu durch den Hund verursachten Autounfällen und was dergleichen Unfug mehr ist. Wenn von Hunden so eine permanente Gefahr ausginge, die man nur durch 100% Kontrolle in den Griff kriegen kann, dann sollte man sich schon fragen, wie das eigentlich seit Tausenden von Jahren mit Hunden und Menschen gut gehen kann. Glaubt irgendjemand ernsthaft, daß 100%ige Kontrolle eines anderen Lebewesens tatsächlich möglich ist? Wir sind ja kaum in der Lage unsere Computer und andere Technik, also von uns selbst erzeugte und programmierte Gegenstände zu kontrollieren. Wie soll das dann bei einem denkenden und fühlenden, intelligenten Lebewesen möglich sein? Und weil wir das wissen, fangen Menschen an, die Hunde unglaublich unter Druck zu setzen, damit der gar nicht erst auf die Idee kommt, eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln. So muß der Hund beispielsweise immer und permanent "Platz" machen, wenn man irgendwo im Restaurant sitzt. Wehe, er steht auf, dann geht sofort die Welt unter. Oder er muß beim Spaziergang immer an der Leine laufen und da natürlich "bei Fuß". Nur ab und zu wird ihm erlaubt, zu schnüffeln, zu pinkeln oder zu kacken. Der Hund ist also vollkommen dem Willen und den Entscheidungen seines Menschen ausgeliefert und bewegt sich nur noch als Marionette durchs Leben. 

Zum Abschluss eine hoffentlich abschreckende Anekdote: Ich hatte auf einer Hundeveranstaltung in Berlin einen Stand und verkaufte dort auch Zubehör, unter anderem Holzspielzeug. Mutter und Tochter mit einer sehr netten, aber auch sehr schüchternen Staffhündin kamen vorbei und interessierten sich dafür. Für solche Fälle habe ich immer meine eigenen Spielsachen dabei, damit man das einfach mal testen kann. Die Hündin ging - große Überraschung - voller Interesse mit der Nase hin, sie wurde aber sofort am Halsband mit einem sicher schmerzhaften Ruck zurückgezogen mit der unfreundlichen Bemerkung "pass auf!" Ja, was hatte sie wohl gerade gemacht? Sie setzte sich  steif und starr hin, sah nur noch gerade aus und man konnte regelrecht sehen, wie sie dachte: nur nix falsch machen und durchhalten, alles geht vorüber. Glauben Sie ernsthaft, daß die beiden Frauen und ihre Hündin an dem Spielzeug Spaß hatten? Daß sie ihrem netten, verschüchterten Mädchen begreiflich machen konnten, daß das hier "Spiel und Spaß" bedeutet? Wohl kaum. 

In diesem Sinne: Wenn ich meinen Hund Hund sein lassen möchte, bedeutet das auch, daß ich ihm sein Bedürfnis nach Kontrolle zugestehe. Egal ob es sich um Holzspielzeug oder die Hinterlassenschaft des Nachbarhundes dauert, Hunde kontrollieren bevorzugt mit der Nase und darin sind sie uns gnadenlos überlegen. Kontrolle behalten heißt auch, daß mein Hund mal sagt: das mach ich nicht. Und ganz ehrlich: meistens haben die Hunde mit solchen Entscheidungen Recht.

 

Ute Rott

Freitag, 24. August 2012

Gastartikel: Neue Erfindung als Lösung von „Jagdproblemen“ beim Hund?


Der heutige Gastartikel von Alexandra Rosterg setzt sich mit einer neuen Erfindung im Bereich „Hundeerziehung“ auseinander:
 

Warum man einmal in sich gehen sollte und reflektieren sollte bevor man sich womöglich zum Kauf einer neu angepriesenen Erziehungshilfe für den Hund hinreißen lässt. 

Vor einigen Tagen erhielt ich ein Email von einer Bekannten. Im Anhang befand sich ein Artikel, der in einer renommierten Tageszeitung aus Süddeutschland veröffentlicht wurde. In diesem Artikel geht es um ein Hilfsmittel, was den Hund in einer Notsituation, so der Erfinder, vom Jagen abhalten soll. 

Bei der Erfindung handelt es sich um eine Art Halsband mit integrierter Feder, was dem Hund vor dem Spaziergang angelegt wird und in dem sich ein Stofftunnel befindet. Will nun der Vierbeiner, wie es auf dem Verkaufsvideo auf der Internetseite des Anbieters zu sehen ist, z.B. einem Jogger hinterherjagen, nachdem sein Adrenalinspiegel durch verbale Anfeuerung und Stöckchen werfen so richtig auf Touren gebracht wurde, wird per Knopfdruck auf eine Fernbedienung die Feder am Halsband ausgelöst und der Stofftunnel stülpt sich über den Kopf des Hundes.  

Meine Bekannte fragte mich in diesem Mail:“Was ich denn davon halten würde?“  

Meine kurze und knappe Antwort fiel wie folgt aus:“Gar nichts.“ 

Und das „gar nichts“ möchte ich wie folgt begründen: 

Das ein solches Hilfsmittel einem Hund nichts ausmachen würde, so wird diese jedenfalls vom Erfinder ausgeführt, ist schon bemerkenswert, denn wenn dies wirklich so wäre, dann würde sich der Hund bei der Jagd von so etwas sicherlich nicht stoppen lassen, denn Jagdverhalten zählt zu den instinktiv, genetisch fixierten Verhaltensweisen. Da dies aber der Fall zu sein scheint, macht es dem Hund sehr wohl etwas aus, denn der Hund bekommt Angst oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie auf einmal und unerwartet im Dunkeln stehen würden? Angst erzeugt Stress. Stress führt wiederum zu einer Schärfung der Sinne und geschärfte Sinne begünstigen Stress. Ein endloser Kreislauf beginnt. Keine schöne Vorstellung einem uns anvertrauten Lebewesen so etwas "an-zu-tun". 

Aber das ist noch lange nicht alles: Der Hund wird auch in eine Erwartungsunsicherheit gebracht, denn er weiß nicht wann und warum ihm die Haube über den Kopf gestülpt wird. Hierzu können Sie ein Experiment an sich selbst testen, aber bitte ohne, dass ein Hund anwesend ist: Bitten Sie einen Freund Sie zu erschrecken, z.B. durch das Aneinanderschlagen von zwei Topfdeckeln, wenn sie damit absolut nicht rechnen. Dieses Experiment sollte einige Stunden oder einige Tage andauern und der Schreckreiz sollte in diesem Zeitraum mehrfach ausgelöst werden - ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird. Der eigentliche Reiz wird letztendlich nicht so schlimm zu ertragen sein, wie die aufreibende Warterei auf ihn. Man sehnt den Reiz schon förmlich herbei mit dem Wunschgedanken, womöglich danach wieder eine Weile Ruhe zu haben, dem aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten erneut ausgelöst wird und dann wieder über Stunden gar nicht. Wenn Sie darüber nachdenken, erzeugt dies sicherlich kein sehr angenehmes Gefühl in Ihnen. 

Ein weiterer Aspekt ist der, dass Hunde über gedankliche Verknüpfungen lernen. Was ist, wenn der Hund, in genau dem Moment, in dem sich der Stofftunnel über seinen Kopf stülpt, zu einem kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut - und den Strafreiz, wobei es sich hier handelt, damit verbindet? Er kann Ängste, womöglich auch durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickeln, was er gerade sah. 

Oft treten auch Probleme bei der Technik auf. Nicht selten sind schon solche Hilfsmittel durch andere Frequenzen ausgelöst worden oder haben durch die Wetterlage erst gar nicht oder nur verzögert ausgelöst. Hat man auf die Fernbedienung gedrückt und es tut sich nichts, kommt man (vorausgesetzt der Hund hätte überhaupt verstanden, für was er eigentlich bestraft werden soll), in den Bereich der variablen Bestätigung, was das unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund lernt somit, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er schließlich wieder Erfolg hat, sprich das Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des Jagdverhaltens. 

Manche Vierbeiner kann man auf diese Art und Weise so sehr verunsichern, dass sie in die sogenannte Hilflosigkeit fallen. Diese Hunde zeigen dann kaum noch Aktionen oder bieten keine Handlungen mehr an, da sie in ständiger Angst vor dem nicht berechenbaren Strafreiz leben. Ein trauriger Gedanke, so ein Dasein fristen zu müssen ...... . 

Für mich ist es ethisch intolerabel ein uns anvertrautes Lebewesen wie den Hund für instinktiv, genetisch fixiertes Verhalten zu bestrafen und man sollte sich vor dem Einsatz eines solchen Ausrüstungsgegenstandes immer noch mal folgenden Spruch ins Gedächtnis rufen: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.“  

Ein gut durchdachtes und klar aufgebautes Anti-Jagd Training, eine sinnvolle Beschäftigung, wie z.B. Nasenarbeit,  für den  Hund sowie Einfühlungsvermögen und Verständnis von Seiten des Halters führen sicherlich, auf lange Sicht hingesehen, zu einem nachhaltigeren Erfolg.  

Darüber hinaus sollte ein jagdlich motivierter Hund, der an der Schleppleine geführt wird,  immer ein gut sitzendes Brustgeschirr tragen, um, sollte der Hund mal in die Schleppleine laufen, Verletzungen , beispielsweise an der Halswirbelsäule, zu vermeiden. Natürlich obliegt es dem Halter, wenn der Hund beim Spaziergang an einer Schleppleine gehen muss, die Umwelt sowie den Hund sorgfältig zu beobachten und somit agieren zu können statt nur noch reagieren zu können (ein wichtiger Baustein eines erfolgreichen Anti-Jagd Trainings). Aber als oberstes Gebot gilt es Renn- und Hetzspiele, dazu gehören auch Ballspiele oder das Werfen eines Balles und das Hinterherjagen hinter diesem, zu unterlassen.

Mittwoch, 22. August 2012

Danke an alle Freunde des Hundetalk


Heute bekam ich die Nachricht, dass sich die 2. Sendung von „Riepes Hundetalk“ innerhalb von 2 Wochen nach der TV-Erstausstrahlung an die Spitze der meistgesehenen Sendungen aller Zeiten der Mediathek des Senders gesetzt hat. Das ist ein sehr schöner Erfolg, der mich natürlich sehr freut. Es freut mich aber noch mehr, wie viel positives Feedback ich in den letzten zwei Wochen zu der Sendung, vor allem in privaten Emails, bekommen habe. In vielen Zuschriften wird erwähnt, dass das einfache, und auch nicht einmal neue Konzept eines informativen Gesprächs, den Reiz der Sendung ausmacht. Viele Schreiber fühlen sich ruhig, sachlich und, wie der fast einhellige Tenor ist, auch verständlich ohne ablenkende Aktion und Hektik informiert. Und, was mich auch besonders freut ist die Tatsache, dass die meisten Zuschriften von „normalen“ Hundehaltern kommen, die sich nicht 24 Stunden des Tages mit Hundethemen beschäftigen oder über diese streiten. Sondern solche Hundehalter sind, die mit ihrem vierbeinigen Freund zusammenleben möchten ohne dafür irgendwelchen religionsgleichen Philosophien nachzueifern. Von eben diesen Hundehaltern kommen die meisten Zuschriften, die sich erleichtert zeigen, dass eben doch nicht alles so kompliziert zu sein scheint, wie es überall propagiert wird. Der Erfolg der Sendung, die eigentlich als Test geplant war, gibt meiner Hoffnung recht, dass man auch mit einfachen Formaten mit sachlich vermittelten Inhalten ein breites Publikum erreichen kann. Man muss es nur wagen und nicht immer nur effekthaschende Sendungen produzieren, die Probleme und Problemhunde zeigen. Man kann auch mal zeigen, wie man Probleme im Vorfeld verhindern kann.
Bei allen Verfassern der netten Feedbacks möchte ich mich hier bedanken und natürlich auch bei allen, die dazu beigetragen haben, die Sendung auf Platz 1 beim Sender zu bringen.
Und ich kann versprechen, es wird weitergehen. In diesem Jahr ist noch eine Sendung geplant. Und für 2013 habe ich Themen für zumindest 3 weitere Episoden im Kopf…

Montag, 6. August 2012

Hundetalk 2 mit Maria Hense


Wer die Sendung im Fernsehen verfolgen möchte, kann das auf NRWISION im Kabelnetz in NRW zu folgenden Zeiten (oder im Liverstream auf nrwision.de):
Erstausstrahlung:
Dienstag, 7.8.2012 um 22:05 Uhr

Wiederholungen:
 Mittwoch, 8.8.12 um 8:05 Uhr und um 13:15 Uhr
Donnerstag, 9.8.12 um 23:50 Uhr
Freitag, 10.8.12 um 8:05 Uhr und um 13:15 Uhr
Samstag 11.8.12 um 18:20 Uhr
Sonntag, 12.8.12 um 13:40 Uhr

Samstag, 4. August 2012

Wie wäre es einfach mal mit Mitgefühl?

Eher zufällig stoße ich auf einen Artikel, der sich mit dem Jubiläum eines Freizeitparks im Sauerland beschäftigt (http://www.wa.de/nachrichten/nordrhein-westfalen/freizeitpark-fort-bringt-rodeo-tierschuetzer-barrikaden-2443413.html).
Ich möchte hier gar nicht direkt darauf eingehen, was ein Rodeo ist, was genau den Tieren dabei unangenehm ist und warum sie sich praktisch immer so verhalten, wie es zum Programm einer solchen Veranstaltung passt. Das stört mich alles gewaltig, aber hier möchte ich einmal den Titel dieses BLOG-Posts als grundsätzliche Frage stellen – Eine Frage, die ich allerdings nicht beantworten möchte. Ich möchte nur den Leser dieser Zeilen ermutigen, die Frage für sich selbst zu beantworten – und vielleicht etwas zum Nachdenken anregen.
In dem erwähnten Artikel wird der zuständige Amtstierarzt folgendermaßen zitiert: „Es stellt sich für mich so dar, als würden die Tiere nicht sonderlich darunter leiden“.
Nicht sonderlich leiden? Wenn die Tiere also nicht sonderlich leiden, gibt der Tierarzt also zu, dass sie leiden – wenn auch nicht sonderlich. Was immer das heißen mag. Es wird also bewusst in Kauf genommen, dass Tiere leiden. Nur zur Belustigung, zur Unterhaltung von Menschen. Was bilden wir Menschen uns eigentlich ein, dass wir Tiere für solche Aktionen missbrauchen? Ob es Rodeos, Stierkämpfe oder diese schwachsinnige Stierhatz in Pamplona sind. Wie wäre es mal mit Mitgefühl für die Tiere, mit Säugetieren, die nachweislich biologisch dem Menschen so nahe sind, dass man davon ausgehen muss, dass sie im Prinzip wie Menschen empfinden. Sie fürchten sich, sie haben Angst, sie empfinden Schmerz, Panik, Wut, Frust – alles was wir auch empfinden. Gefühle und Emotionen, die wir auch empfinden würden, wenn wir ganz allein (!) einem Mob von klatschenden und anfeuernden Menschen ausgesetzt würden, während uns Leid zugefügt wird. Wenn auch kein „sonderliches“ Leid…
„Das stimmt ja“, wird sich vielleicht mancher fragen. Aber was haben Pferde und Stiere in einem Hundeblog zu suchen? Nun, mein Mitleid für andere Lebewesen macht natürlich bei Hunden nicht halt. Allerdings ist es bestimmt nicht so, dass Hunde immer ein besseres Leben führen würden, als Pferde, Stiere und andere, zur puren Menschenunterhaltung missbrauchten Tiere. Auch Hunde müssen für diverse, nennen wir es mal „Dinge“ herhalten, die in erster Linie der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen.
Zwar behaupten viele Deutsche, dass der Umgang mit Tieren in ihrer Gesellschaft sehr hohen moralischen Ansprüchen, die das Wohl der Tiere betreffen, genügen. Wenn ich als Mitglied dieser Gesellschaft allerdings meine individuellen moralischen Ansprüche heranziehe und die Moral der Gesellschaft, hier bezogen auf Tiere, ethisch betrachte, kann ich nur noch wenig von hohen moralischen Ansprüchen erkennen. Ich möchte jetzt gar nicht auf Massentierhaltung, Tiertransporte oder grausame und wissenschaftlich völlig unbegründete Formen der Tierversuche und der Jagd (z. B. Baujagd mit Hunden, erschlagen von Fuchswelpen vor den Augen der Mutter etc.) eingehen. Mein Thema sind die Hunde und wenn ich die moralischen Grundsätze näher betrachte, die bei der Hundeerziehung zum Tragen kommen, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Tatsächlich sehe ich die Grundlage vieler Probleme in der uralten Sozialgemeinschaft zwischen Mensch und Hund beim Menschen und seiner Einstellung gegenüber anderen Lebewesen, die recht egozentrisch sein kann und schnell vergisst, dass wir es mit denkenden und fühlenden Mitgeschöpfen zu tun haben, die ein Recht darauf haben, in ihrer Andersartigkeit respektiert und mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden.
Wenn Sie mir nun gedanklich wiedersprechen und anführen, dass die meisten Halter doch vieles für ihre Hunde tun, mit ihnen zum Sport fahren, das beste Futter kaufen, sich um ihre Gesundheit bemühen usw., dann würde ich entgegnen, dass es dabei häufig aber gar nicht darum geht, wirklich die Bedürfnisse des Tieres zu erfüllen, sondern eher, die eigenen. Es fängt schon bei dem Wunsch an, einen Hund zu halten: ICH möchte einen Hund und ICH möchte, dass der Hund die und die Eigenschaft hat und so und so aussieht. Dann möchte ICH, dass der Hund dieses oder jenes lernt, ICH möchte, dass der Hund so oder so erzogen wird usw. und um MICH gut zu fühlen, kaufe ich dem Hund teures Futter, schöne Accessoires und gehe mit ihm zum Hundesport, weil MIR das Spaß macht und damit ICH kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er zum Beispiel stundenlang alleine bleiben und/ oder ohne Artgenossen allein leben muss usw.
Sie sehen also, es werden viele Bedürfnisse befriedigt – unter ganz vielen ICH-Bedürfnissen des Menschen auch die Grundbedürfnisse des Hundes nach Nahrung und Bewegung. Aber obwohl der Mensch die Grundbedürfnisse des Hundes befriedigt, befriedigt er durch den Hund eine ganze Reihe von Luxusbedürfnissen bezogen auf sich selbst.
Und, um wieder auf den Anfang zurückzukommen. Der Mensch befriedigt seine Bedürfnisse gegenüber dem Hund auch durchaus darüber, dass er leiden in Kauf nimmt.  Anders kann ich mir nicht erklären, warum einige Hunderassen gezüchtet werden, die schon als körperliche Wracks auf die Welt kommen. Oder warum es Hundesportarten geben muss, die mit übertriebenem Leistungsgedanken des Menschen Hunde zu Höchstleistungen animieren. Oder wo der wirkliche Sinn darin zu sehen ist, dass es immer noch „leinenruckende Rudelführerfetischisten“ gibt, die dem Hund durch brutale Unterdrückung zeigen müssen, „wer der Boss ist“. Obwohl das nicht im Geringsten dem natürlichen Sozialverhalten von Hunden entspricht. Aber es „ funktioniert“ – Unterdrückung und Verunsicherung funktionieren oft schnell. Allerdings mit gravierendenden Nebenwirkungen wie Aggressionen oder „gebrochenen Hunden“.
Womit sich der Kreis dieser Zeilen schließen soll. Bevor Hunde „gebrochen“ werden, bevor man sie „krank“ züchtet oder den menschlichen Leistungsgedanken im Sport an und mit Ihnen auslebt. Wie wäre es da mal mit Mitgefühl, mit einem Hineinversetzten in Lebewesen. In Lebewesen, die so empfinden und fühlen wie wir selbst. Diese Lebewesen sollte wir durch unser Mitgefühl vor Leid bewahren und es ihnen nicht aus egoistischen Gründen aufbürden. Auch wenn wir das Leid als „nicht sonderlich“ empfinden…

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...