Montag, 28. Mai 2012

Barney und Frauchen machen alles richtig – trotzdem gibt es Probleme

In meinem Berufsleben werde ich mit vielen Hundehaltern konfrontiert, die bei der Hundeerziehung ungeduldig sind, die nicht engagiert mitarbeiten und Fehler vor allem beim Hund, bei der Umwelt und oft auch beim „Lieben Gott“ suchen - nur nicht bei sich selbst. Ganz anders war da die nette ältere Dame, die das Alter von Achtzig bereits überschritten hatte. Doch das merkte man ihr nicht an. Als ich sie und ihren vermeintlichen Problemhund zum ersten Mal besuchte, konnte ich ihr nicht glauben, als sie mir ihr Alter nannte. Sie war eine engagierte Dame, die intelligent und engagiert ihren Hund erziehen wollte. So erziehen, „wie man das heute eben so macht“, schilderte sie mir. Bei ihr wohnte Barney, ein dreijähriger Dackelmischling. Vor Barney hatten schon 4 Dackel bei der Dame, Frau D., und ihrem Mann gelebt. Herr D. war vor sechs Jahren gestorben und nachdem der letzte gemeinsame Dackel vom Ehepaar D. auch gestorben war, schaffte sich Frau D. Barney an, der als Welpe bei ihr einzog. Jetzt wurde ich von Frau D. um Hilfe gebeten, weil Barney angeblich „unerziehbar“ sei und keiner ihrer vorherigen Hunde „so war.“ 

Frauchen als Elitesoldat 

Was war das Problem? Nun, Frau D. schilderte mir das Problem so, dass Barney grundsätzlich Fußgänger anbellen würde, wenn sie an einer Ampel eine Straße überqueren würden. Gut, das musste ich mir natürlich ansehen und bat Frau D. und Barney, einmal mit mir „um den Block“ zugehen, damit ich mir ein Bild der Situation machen könne. Gesagt getan. Ja gut, bis wir zur Tat schreiten konnten dauerte etwas. Nicht weil Frau D. aufgrund ihres Alters etwas langsam war, das vielleicht auch. Der Hauptgrund war die Tatsache, dass Frau D. sehr lange brauchte, um die „Ausrüstung für den Spaziergang“ zusammenzusuchen. Schleppleine zusammengerollt über die Schulter gelegt, darunter die Weste, die Platz für diverse Hilfsmittel wie Pfeife, Klicker und Wasserflasche für Barney (es waren 12 Grad und ich wollte mir nur kurz das Problem anschauen) bot. Dann wurden mit Karabinerhaken noch je rechts und links Leckerchenbeutel am Gürtel von Frau D. angebracht. Mit zwei verschiedenen Leckerchensorten. Einem mit „normalen“ Leckerchen für die dauerhafte Belohnung immer mal zwischendurch, sowie einem Beutel mit besonderen Leckerchen, für die Belohnung, wenn Barney etwas besonders gut gemacht hatte. Gut, nachdem Frau D. alle Utensilien beisammen hatte, ungefähr so aussah wie ein Elitekämpfer im Einsatz, gingen wir los.
Warum bellt Barney an der Ampel? 

Barney benahm sich vorbildlich, er zog nicht an der Leine, entgegenkommende Menschen, Hunde und Fahrräder wurden kaum bis gar nicht beachtet. Bis wir an eine Ampelanlage kamen und Frau D. Barney dort das Signal „Sitz“ gab. Da Frau D., aufgrund ihres Alters nicht immer direkt (primär) das richtige Verhalten Barney verstärken konnte (es dauerte etwas, bis sie die Leckerchen aus den Beuteln geholt hatte), wurde ihr in der Hundeschule, die die Beiden besucht hatten beigebracht, Barney sekundär (d. h. mit Verzögerung, über ein „Versprechen“ auf Belohnung) mit einem Klicker zu belohnen. Das ist keine schlechte Idee und ein gewünschtes Verhalten mit der Hilfe eines Klickers zu verstärken, damit es wieder gezeigt wird, ist eine gute Möglichkeit, einem Hund etwas beizubringen. Allerdings ist das alles nicht so ganz einfach. Zunächst muss man dem Hund vor der Anwendung beibringen, was der Klick bedeutet, um ihn dann im „Ernstfall“ zeitlich genau zu benutzen, damit der Hund erwünschtes Verhalten erlernt und wiederholt. Zeitlich korrekt zu sein ist dabei sehr wichtig, weil der Hund nur in einem sehr kurzen Zeitfenster seine gezeigte Handlung mit der direkt folgenden Konsequenz, hier dem Versprechen auf Belohnung durch den Klicker, verknüpft. Wenn Barney also jetzt lernt, sich an jedem Fußgängerüberweg hinzusetzen, und das mit Klicker verstärkt wird, ist das im Prinzip in Ordnung - wenn es zeitlich korrekt durchgeführt wird. Frau D. ist eine intelligente Frau, die dieses Prinzip von direkter Verknüpfung von Handlung und Konsequenz absolut verstanden hatte. Dennoch gelang es ihr nicht, Barney beizubringen, an der Ampel Ruhe zu bewahren.
Kognitive Fähigkeiten – des Menschen…
Bei unserem Testspaziergang konnte ich recht schnell erkennen, woran das lag. Frau D. sagte zu Barney an der Ampel Sitz. Wenn er sich setzte, klickte sie. Das dachte sie. Doch in Wirklichkeit klickte sie erst, wenn Barney nach dem Sitzen bellte. Sie brachte ihm also bei, nach dem Hinsetzen an einer Ampel zu bellen. Als ich ihr diesen Sachverhalt erläuterte, widersprach sie mir vehement - sie hielt daran fest, sofort zu klicken, wenn Barney saß, noch vor dem Bellen. Ich vereinbarte mit Frau D. dann, den Termin und den Testspaziergang noch einmal zu wiederholen, um das Ganze dann mit einer Videokamera zu dokumentieren und ihr dann das Video zeigen. Und, beim zweiten Termin geschah exakt das Gleiche. Barney setzte sich an der Ampel, Frau D. verstärkte das Anbellen von Passanten mit einem Klick. Deutlich auf dem angefertigten Video zu sehen. Ganz verdutzt und verwirrt musste mir Frau D. den Sachverhalt beim Ansehen des Videos bestätigen. Aber, ich habe an der Stelle nicht darauf beharrt recht zu haben und mit Genugtuung meine ach so tolle Erkenntnis zur Schau zu stellen. Nein, ich habe Frau D. in Ruhe erläutert, warum ihre Wahrnehmung und ihre tatsächliche Handlung soweit auseinander lagen. Es ist in ihrem Alter nun einmal so, und das ist keinesfalls despektierlich gemeint, dass ihre kognitiven Fähigkeiten sich verlangsamen. Das heißt, dass ihr Gehirn für die Verarbeitung einer Wahrnehmung schlicht etwas mehr Zeit braucht. Wenn Sie also wahrgenommen hat, dass Barney sich gesetzt hat, drückt sie nach ihrer Meinung direkt auf den Klicker. Tatsächlich dauert es aber etwas, bis von ihrem Gehirn der Impuls ausgelöst wird zu klicken – aufgrund der Verlangsamung ihrer kognitiven Fähigkeiten. Barney hat in der Zwischenzeit aber schon eine andere Handlung ausgeführt. Nämlich jemanden anzubellen. Frau D. machte laut ihrer Wahrnehmung alles komplett richtig, letztlich wurde Barney aber immer für das Bellen verstärkt. Allein aus dem Grund, dass Frau D. zwar so gut wie ihr möglich mit dem Hund trainierte, es ihr aber nicht möglich war, vollkommen korrekt und zeitlich einwandfrei die Handlung des Hundes zu verstärken, zu belohnen.
Starr an einer Methode und Philosophie festhalten?
Was möchte ich mit diesen Zeilen ausdrücken? Nun, wie jeder weiß bin ich ein Freund der positiven Verstärkung und habe mich schon mehr als einmal dazu geäußert, was ich persönlich von Hundeerziehung und Hundetraining, welches mit „unerfreulichen Konsequenzen“ gegen den Hund zu tun hat, halte. Arbeiten über positive Verstärkung ist normalerweise mein Mittel der Wahl. Doch wie man an dem gezeigten Beispiel sehen kann, können durch gewisse Umstände auch bei allem Engagement und auch korrektem Grundwissen, Fehler auftreten, die zu eigentlich unnötigen Problemen führen können.
Frau D. und ihre Hundetrainerin hatten mit viel Engagement und Zeit an der Verbesserung ihres Timings gearbeitet – was aber nicht möglich war. Wichtig ist mir darum zu erwähnen, dass man nicht immer an einem eingeschlagenen Weg in der Hundeerziehung festhalten sollte, nur weil es der eigenen Philosophie entspricht. In diesem Fall einer Philosophie, die ich grundsätzlich teile und befürworte, die aber eben nicht umsetzbar war.
Frau D. konnte ich sehr schnell helfen, indem ich ihr riet, nichts mehr mit Barney an der Ampel zu trainieren. Einfach hingehen, hinstellen und bei „grün“ gehen. Die ersten zwei Wochen bellte er noch Fußgänger an, nach dieser Zeit stellte er das Bellen immer weiter ein. Heute bellt er niemanden mehr an. Er hat ja nichts mehr davon, und wird nicht mehr durch Frau D. in seinem Handeln verstärkt.
Hundehalter nicht überfordern
Wie gesagt, im Prinzip ist es ja der richtige Weg, wie Frau D. die Hundeerziehung ihres Barney angegangen ist. Aber man sieht auch, dass in diesem Fall der einfachste Weg, nämlich an der Ampel nichts zu trainieren, der beste war. In diesem Fall, den man nicht pauschalisieren sollte. Aber dennoch sollte es zum Nachdenken anregen, ob manchmal nicht weniger mehr ist, und ob nicht einige Menschen damit überfordert sind, „immer alles richtig“ in der Hundeerziehung machen zu wollen.
Der Text soll also zum Nachdenken anregen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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