Mittwoch, 7. März 2012

Ruhepol im Chaos

Golden Retriever Karli sollte ein „Problemhund“ sein. Sein Frauchen rief mich an und bat um meine Hilfe, weil er immer jagen und nicht „hören“ würde, obwohl sie, Frau A., und ihr Mann, alles versucht hätten, ihn davon abzubringen. Gut, ein normaler Fall, dachte ich und erschien zum verabredeten Termin bei der Familie mit ihrem Goldie und seinen vermeintlichen Problemen. Karli lebte mit seiner Familie, Vater und Mutter A., deren drei Töchtern (3, 5, und 7 Jahre alt) in einem recht neuen Einfamilienhaus in einem Wohngebiet am Rande einer Stadt. Als ich nun am Tor des eingezäunten Grundstücks schellte, kam sofort ein bellender Yorkshire Terrier auf mich zugerannt. Merkwürdig, dachte ich bei mir, anscheinend muss ich diese Hundebesitzer zunächst in Rassekunde schulen ...
Direkt hinter dem kleinen Terrier kam aber auch schon Frau A. angaloppiert, die auf Ihrem Weg zum Tor bereits ein Gespräch mit mir beginnen wollte. Aufgrund der zunächst noch größeren Entfernung tat sie dies in einem relativ lauten Ton, sodass es sich ähnlich anhörte wie das Bellen des Yorkis. Es war also ein bereits recht hektischer Empfang, bis Frau A. schließlich am Tor war und mir öffnete. Ich gab ihr die Hand und betrat den Hof. Der Yorkshire Terrier, eine Hündin mit Namen Paulinchen, wollte sich damit aber nicht abfinden und drohte mir sehr offensichtlich, um mir mitzuteilen, dass ich mich nicht noch weiter in ihr Territorium wagen sollte.
„Beachten Sie Kleine nicht, die freut sich so, dass sie da sind. Sie zwickt manchmal etwas, will aber nur spielen“, sagte Frau A. Es war natürlich Unsinn, der kleine Hund wollte nicht spielen, sondern schlicht das Familienterritorium verteidigen. In seinen Augen war Frau A. dazu anscheinend nicht in der Lage – und ich konnte den Hund jetzt schon irgendwie verstehen. Wenn ich normalerweise Grundstücke mit einem so eindeutig drohenden Hund betrete, bitte ich meist die Besitzer, das Tier zu sichern, und beachte den Hund nicht. Ich schaue ihn also nicht an, damit er sich nicht noch zusätzlich, bedroht fühlt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich diesen Yorki nicht wirklich ernst nahm und auf die Sicherung durch die Besitzerin verzichtete. Ist ja „nur“ ein Yorkshire Terrier …
Paulinchen umkreiste mich also laut kläffend, startete immer mal wieder kurze Scheinattacken in Richtung meiner Schuhe, während ich mit der Frau, die ebenfalls kläffend („AUS, Paulinchen; AUS, Paulinchen“) vor mir eine kleine Treppe zum Hauseingang hinaufging. Plötzlich spürte ich ein merkwürdiges Gefühl in der Wade. Es fühlte sich irgendwie so an, als wenn man beim Arzt eine Nadel zur Blutabnahme gesetzt bekommt, allerdings an vier Stellen gleichzeitig, und der Arzt kurz vor dem Eindringen der Nadel in die Haut wieder abbricht. Kurz gesagt, Paulinchen, die mich auf der Treppe nicht mehr umkreisen konnte, startete den Generalangriff, wohl aus der Erfahrung heraus, dass die Menschen auf der Treppe recht unsicher im Stand sind. Eine kuriose Situation. Vor mir das kläffende Frauchen und hinten den Terrier in den Waden. Der Hundepsychologe hatte die Situation voll im Griff …
Unbemerkt vom Frauchen blieb ich nach Paulinchens Attacke kurz auf der Treppe stehen, drehte mich um und schaute den Hund, entgegen meinem normalen Verhalten bei einem Erstbesuch, böse an und starrte Paulinchen auch direkt in die Augen. Die kleine Hündin verstand mich sofort; sie stellte ihre Angriffe ein, hörte auf zu bellen und hielt einen gewissen Abstand zu mir. Sie war kein „böser“ Hund, und sie wollte natürlich auch nicht „spielen“. Sie wollte den Eindringling aus dem Revier verscheuchen, weil es sonst niemand machte. Ich habe ihr mit einem Blick zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht verscheuchen lasse und selbstbewusst genug bin, mich mit ihr anzulegen. Darauf wollte sie es jedoch nicht ankommen lassen. An dieser Stelle sei natürlich eindringlich darauf hingewiesen: Bitte nicht bei Nachbars Rottweiler nachmachen, wenn der wie Paulinchen das Revier verteidigen möchte! Droht ein Hund, ist es das Beste, ihn nicht anzuschauen, ihn zu ignorieren und auch keine Bewegungen in seine Richtung zu machen! Ich musste in diesem Fall aber erst einmal die kleine Terrierdame aus meinen Waden verbannen, um mich in Ruhe den weiteren Problemen der Familie A. widmen zu können. Eigentlich war ich ja wegen eines Golden Retrievers dort. Aber einen Hund dieser Rasse hatte ich noch nicht erblickt, bis auf die kleine Wadenbeißerin konnte ich noch keinen anderen Vierbeiner entdecken. Das sollte sich ändern, als ich von Frau A. ins Haus geführt wurde. Dort lag nämlich, friedlich und ruhig, der Goldie mit Namen Karli in einem dieser Kunststoff-Körbchen, die mich immer mehr an eine Waschküche als an einen Hundeschlafplatz erinnern. Nun gut, menschliche Modeerscheinungen haben wir ja schon besprochen.
Der „Problemhund“ Karli lag also friedlich da, während der erklärte Liebling der Familie, Hündin Paulinchen, sich langsam wieder in meine Nähe traute, konnte sie mich im Haus doch wieder umkreisen. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass ich wegen Karli bei der Familie war, hätte ich Paulinchen eher als den Hund angesehen, der Probleme verursacht.
Ich setzte mich an den Wohnzimmertisch, an dem schon der Rest der Familie versammelt war. Als Hundepsychologe fülle ich normalerweise bei diesen Erstgesprächen gemeinsam mit den Hundebesitzern einen Fragebogen aus, um mich den Menschen, den Hunden und ihren Problemen anzunähern. Dies versuchte ich auch bei Familie A. Allerdings gestaltete sich das Gespräch ungewöhnlich schwierig. Als ich die erste Frage stellte, eine zunächst einleitende, einfache Frage nach dem Namen des Hundes, begann Frau A. zu reden und erläuterte bereits von sich aus alles, was sie sagen wollte. Sie tat dies in einer sehr schnellen, aufgeregten Art und einem sehr hohen Tonfall. Zusätzlich sprach sie ohne Punkt und Komma, und es schien so, als würde sie das Einatmen während ihres Redeschwalls vergessen. Ich versuchte höflich, die Informationen zu ordnen, was mir aber nicht gelang. Überfordert von der Rede der Frau bekam ich nicht richtig mit, dass sie zwischendurch ihren Mann beschuldigte, an allen Problemen schuld zu sein. Herr A. sah sich allerdings genötigt, sich lauthals zu verteidigen. Zusätzlich wurden jetzt die Kinder unruhig. Sie erhoben sich von ihren Sitzplätzen. Die kleinste Tochter setzte sich auf eine Art Dreirad und raste um uns herum, die mittlere Tochter fragte wiederkehrend und lauter werdend, wann sie denn nun endlich Fernsehen könne, und die älteste Tochter wollte nicht minder energisch wissen, ob sie denn jetzt ins Internet dürfe. Und als ob die Situation nicht schon chaotisch genug gewesen wäre, stand Paulinchen noch hinter der Szenerie und kläffte. Frau A. mit ihrer Sirenen- Stimme, die sich ohne Atempause mit ihrem Mann stritt (oder erläuterte sie mir das Hundeproblem?), kreischende und quengelnde Kinder sowie eine bellende Yorkshire Terrier Dame – und mitten drin der Hundepsychologe, dem der Kopf zu platzen drohte: Hier stellte ich mir ernsthaft die Frage, ob ein Humanpsychologe nicht der bessere Ansprechpartner für Familie A. wäre. Es war keine schöne Situation für mich; einerseits gingen mir der Lärm und die Hektik dieser Situation gehörig auf die Nerven, auf der anderen Seite war ich derjenige, der hier die Contenance wahren sollte. Zum Glück wurde ich von Karli erlöst. Der Goldie, der „Problemhund“, stand von seinem Platz auf, schaute in Richtung der Chaosfamilie und bellte einmal. Durchdringend, tief und laut. Nur ein einziges Mal und es war Ruhe. Danke, dachte ich bei mir, das einzig normale Lebewesen in diesem Haus hat ein Machtwort gesprochen! „Sehen Sie“, sagte Frau A., „wie frech der ist?“ Der Hund hatte nur kurz und knapp gebellt und wurde als frech bezeichnet, der dauerkläffende Yorki toleriert und die Kinder wurden nicht beachtet. Der Einzige, der hier nicht frech war, wurde als solches betitelt – das sind die Momente, in denen ich meine Artgenossen, die Menschen, nicht mehr verstehen kann …
Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr auf die Probleme der Familie eingehen, aber letztlich erklärt es sich schon von selbst, dass Karli natürlich kein Problemhund war. Das Chaos um ihn herum, die Unruhe im täglichen Leben sowie ein unterschiedlicher Blickwinkel auf die beiden Hunde waren die Gründe, die ihn zum Problem zu machen schienen. Der eigentliche Anlass für meine Anwesenheit – sein angeblicher Jagdtrieb und dass er draußen „nicht hören könne“ – erwies sich bei einem gemeinsamen Spaziergang auch als eher unbedeutend. Karli scheuchte lediglich Krähen auf und buddelte in Mauselöchern. Die potentielle Beute wurde von ihm aber nicht weiter beachtet. Rehe und Hasen konnten seinen Weg direkt kreuzen, er blieb ähnlich gelassen wie bei dem Chaos-Gespräch im Wohnzimmer. Sein einziger „Fehler“ war es, dass er, wenn er ein Mauseloch entdeckte, wie ein Besessener zu graben begann und sich nicht mehr davon abbringen ließ. Das war der unkontrollierbare Jagdtrieb, der ihn, laut seiner Familie, zum Problemhund machte. Um ihn davon anzubringen, brüllte übrigens die ganze Familie auf ihn ein. Frauchen wieder mit ihrer Sirenenstimme und ohne Atemunterbrechung, die Kinder, die ihre Mutter schon erstaunlich gut nachahmen konnten, und natürlich Paulinchen, die die Szenerie kläffend begleitete. Da sich Karli bei diesem Chaos im wahrsten Sinne des Wortes ein „dickes Fell“ zugelegt hatte, hörte er einfach nicht mehr hin, wenn er mit Worten bombardiert wurde; er schaltete mental ab, was ich bei dem Umfeld absolut verstehen konnte. Da ich das Graben nach Mäusen nicht als Problem ansehe, rate ich Kunden häufig, dies zuzulassen. Es entspricht einer ganz natürlichen Beschäftigung des Hundes und macht ihm ganz einfach Spaß. Für den Fall, dass man eine solche Handlung doch einmal abbrechen möchte oder muss – sei es, um den Garten des Nachbarn vor einer Verwüstung zu schützen, oder weil am Horizont langsam die Sonne untergeht und man nach Hause möchte, der Hund aber immer noch dabei ist, sich nach Neuseeland zu graben –, kann man ein entsprechendes Verhalten trainieren. Bei Karli, der von Natur als „dauerhungrig“ bezeichnet werden konnte, hatten wir ein leichtes Spiel, ihm ein Abbruchsignal beizubringen. Wir einigten uns auf ein Wort, welches nur in dieser Situation gesagt wurde. Ließ der Hund von seinem Tun ab, wurde er mit einem ganz speziellen, seinem liebsten Leckerchen belohnt. Mit einem konsequenten und über einen längeren Zeitraum durchgeführten Training war es kein Problem mehr, Karli mit einem Wort vom Buddeln abzubringen. Jetzt konnte er sogar so gut hören, dass er den Befehl schon verstand, wenn er noch nicht einmal Frauchens Lippen verlassen hatte. Karli lernte schnell, allerdings musste ich im Training weitaus mehr auf seine Besitzer achten, die immer wieder in ihr altes Muster verfielen, gemeinsam und laut auf den Hund einzureden. Das Wichtigste in diesem Fall war, die sich stets gegenseitig hochschaukelnden Menschen zur Ruhe zu bringen. Herr und Frau A. mussten lernen, dass in der Ruhe, in der Entspannung die Kraft und der Erfolg liegen. Nachdem Familie A. dies beherzigt hatte, stellte sich ein schöner Erfolg im Training mit Karli ein. Aber es gab noch einen Erfolg. Ein weiteres Familienmitglied profitierte von der plötzlichen Ausgeglichenheit im Hause A.
Wenn ich jetzt zu einem Besuch vorbeischaue, um den Frieden zu „kontrollieren“, beißt mich kein Terrier in die Waden. Paulinchen liegt ebenfalls entspannt neben ihrem Kumpel Karli, der jetzt nicht mehr der ruhende Pol in einer Chaosfamilie sein muss.
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