Freitag, 9. Dezember 2011

Darf mein Hund MIR Grenzen setzen?

Immer wieder hört man, dass der Mensch seinem Hund Grenzen setzen solle. Dass der Mensch die Führung im „Rudel“ übernehmen muss, der Mensch gibt Strukturen und Regeln vor. Dann wird erläutert, wie es der Mensch schafft, diese Regeln durchzusetzen, was man machen muss, damit der Hund sich an die vom Menschen aufgestellten Regeln und Strukturen hält. Hunde sollen immer „funktionieren“. Sie sollen immer ihre Aufmerksamkeit beim Hundehalter haben, jede noch so kleine Selbstständigkeit wird ihnen untersagt, keine Entscheidung bezüglich Ihres eigenen Lebens wird Ihnen überlassen. Diese Erwartung an den Hund, das Unterdrücken seiner eigenen Bedürfnisse wird dann „Beziehung“ genannt und von gesellschaftlichen Zwängen gesprochen, die den Hund zum funktionierenden Roboter verpflichten.
Doch welche Auswirkung hat die Rolle als Roboter für den Hund – das Lebewesen Hund, welches eine sehr lange Evolution hinter sich hat? Kann und darf man ein solch hochentwickeltes Lebewesen wie den Hund überhaupt zur funktionierenden Figur degradieren oder hat das nachhaltige Auswirkungen auf die Lebensqualität des Hundes? Sollten wir anfangen umzudenken, und den Hund nicht nur als „Erfüller menschlicher Bedürfnisse“ sehen? Sollten wir vielleicht einmal bedenken, welche psychischen Auswirkungen es hat, wenn ein komplexes Lebewesen nur fremdbestimmt wird und keinerlei eigenständige Entscheidungen treffen darf? Sollten wir vielleicht unserem Hund erlauben, UNS  in bestimmten Situationen Grenzen zu setzen?
Ich weiß, die letzte Frage hört sich provokant an. Ich werde mich der Frage in einem Folgeartikel dieses BLOGS ausführlich widmen. Zunächst möchte ich aber Sie als Leser bitten, Ihre Meinung zu dem Thema in der Kommentarfunktion darzustellen – aber bitte nicht anonym, wie bei allen Kommentaren. Ich denke, wer eine Meinung hat, kann auch mit einer Identität dazu stehen…
Also, meine Fragen konkret:
1.       Glauben Sie, dass Hunde ihren Menschen in gewissen Situationen Grenzen aufzeigen sollten?

2.       Glauben Sie, dass Hunde psychische Schäden erleiden, wenn sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und zu 100% fremdbestimmt sind?
Viel Spaß beim Nachdenken. Meine Meinung und meinen Artikel dazu gibt es noch vor Weihnachten.

Kommentare:

  1. Hallo Thomas,
    auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass ein Hund auch seine Bedürfnisse bis zu einem gewissen Grad mitteilen + durchsetzen sollte! zb. ist er kein Spielzeug für Kinder, und muss durch Gestik + Rückzug zumindest klarmachen, wann genug ist + Kind sein Ruhebedürfnis respektieren muss. Nur mal als einzelnes Beispiel..
    Selbstverständlich ergeben sich psychische Auffälligkeiten, wird er nur als roboter mißbraucht.
    LG,
    Tanja

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  2. 1. Ja und zwar genau dann, wenn der Mensch dem Tier Gewalt antut, egal ob körperlicher oder psychischer Art. Problem ist dann nur, wenn Hund sich wehrt ist er wieder der Böse und nicht der Mensch. Ich hab mich in vielen Situationen auf meinen Hund verlassen, ganz besonders was Artgenossen anging. Der konnte die einfach besser lesen als ich.

    2. Ja, definitv. Ich habe einige "toterzogene" Hunde gesehen, denen man Hilflosigkeit beigebracht hat. Ich fands erbärmlich. Diese wundervollen Tiere völlig gestresst weil sie permanent schauen mussten, was der Halter gerade von ihnen möchte, bzw. was sie gerade tun dürfen und was nicht.

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  3. Hallo Thomas,

    ich finde JA, unsere Hunde dürfen uns Menschen in gewissen Situationen Grenzen an-/aufzeigen und uns somit auch mitteilen, dass sie sich unwohl, bedrängt... fühlen. Es wäre nett, wenn dies nicht mittels Zahneinsatz geschehen würde oder "müsste".

    Da Hunde eigene Bedürfnisse haben, wird wohl ein psychischer Schaden die Folge sein, so diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden bzw. der Hund immer nur das machen "muss", was seinem Menschen so vorschwebt. Ein Stichwort hierzu wäre die erlernte Hilflosigkeit.

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  4. Hallo Thomas,

    ich bin durchaus der Auffassung, dass Lebewesen in beide Richtungen Grenzen aufsetzen dürfen und sollten. Es mag sein, dass bei vielen Menschen die Angst damit einhergeht, der Hund würde ab dann völlig außer Rand und Band geraten, nicht mehr hören und nur noch tun was er will. Das ist aber Unsinn. Wenn ein Hund aus einer bestimmten Motivation heraus in einer ganz bestimmten, abgegrenzten Situation mitteilt, dass seine Grenzen erreicht sind, dann sollte er das völlig problemlos mitteilen können. Ein Hund der Kopfschmerzen hat, muss auf dem Hundeplatz nicht funktionieren. Die Ängste mancher Menschen, der Hund könne dann grenzenlos tun und lassen, was er wolle, halte ich für vollkommen unbegründet. Also ein klares Voting: Natürlich darf ein Hund mir Grenzen aufzeigen. Und es ist nicht gleich zu setzen mit: Der Hund darf tun und lassen, was er will. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

    Zur zweiten Frage: Meine Hunde sind es spätestens seit ihrer 8. Lebenswoche gewohnt, bestimmte Probleme selbst zu lösen. (Shapen, Clickern). Im Alltag spüre ich deutlich, wie wunderbar diese Hunde Dinge verstehen, umsetzen und wie intelligent sie an bestimmte Dinge herangehen. Das ist nach meinem Dafürhalten auch ein Bestandteil ihrer Fröhlichkeit. Dem entsprechend bin ich im umgekehrten Sinne davon überzeugt, dass es zu psychischen Schäden führt, wenn Hunde zu ausführenden Robotern degradiert werden.

    Beste Grüße
    Stefan Wittenfeld - www.antikdoggenfreunde.de

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  5. Hallo Herr Riepe,

    die bisherigen Kommentare zu Ihrer These begrüße ich sehr, da sie alle in die gleiche und korrekte Richtung gehen.

    Selbstverständlich muss dem Hund die Möglichkeit eingeräumt werden, uns Menschen in bestimmten Situationen zu zeigen, wenn ihm was zu viel wird, er sich bedrängt oder sogar bedroht fühlt.
    Und wenn der Hund keine "eigene Meinung" haben darf, er nur fremdbestimmt, vielleicht sogar unterdrückt und damit sein Wille gebrochen wird, kann dies zu den bekannten bösartigen Attacken des Vierbeiners führen. Die so wichtige Kommunikation zwischen Mensch und Hund ist zerstört bzw. kommt erst gar nicht auf.

    Einige Auszüge zu diesem Thema finden Sie auch in meinem Newsblog http://www.dermitdemwolftanzt.com/newsblog/103-haben-hunde-emotionen

    Viele Grüße
    Ralph Westphalen

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  6. 1. Ich hoffe und erwarte, dass meine Hunde mir Grenzen setzten. Nein, eigentlich anders: Ich bin mir sicher, dass meine Hunde eigene Grenzen haben. Und ich hoffe, dass sie mir zeigen, wenn ich diese übertrete.
    Nicht immer kann ich von meiner Warte aus erkennen, ob mein Verhalten meinem Hund grade guttut. Dadurch, dass meine Hunde mir sehr genau zeigen, was sie wollen oder eben nicht, kann ich viel entspannter mit ihnen umgehen.

    Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Lebewesen wirklich immer seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen kann.
    Ich glaube nicht, dass ein ausschließlich fremdbestimmter Hund wirklich glücklich sein kann. So gut und passend kann eine Fremdbestimmung gar nicht sein. Und ich fürchte, dass einem Hund, der seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nie ausleben darf, irgendwann "der Kragen platzt". Impulskontrolle ist immer nur in begrenztem Maße möglich. Ist das Ende erreicht, können weder Mensch noch Hund die Bedürfnisse ganz unterdrücken. An irgendeiner Stelle wird der "Druck" sich auswirken, sei es durch das Ausleben der eigentlichen Bedürfnisse oder durch Stressreaktionen wie (Auto)aggression, psychosomatische Erkrankungen, ...

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  7. Eigentlich ist schon alles gesagt - natürlich setzen mir meine Hunde Grenzen - sie bestimmen zu einem Gutteil meinen Tagesablauf ;D
    Soweit, "bis sie sich wehren" kann man das doch gar nicht zurücksetzen. Ich finde es erschreckend, wie oft diese oft unscheinbaren Grenzen übergetrampelt werden, und noch unglaublicher finde ich, wie wenige Konsequenzen Menschen dafür zu spüren bekommen. Würden wir das, was wir oft gedankenlos mit Hunden anstellen, mit Menschen machen, säßen 70% der Bevölkerung wegen irgendwelcher Vergehen im Gefängnis...
    Wir schleifen Hunde - oft genug wörtlich zu nehmen - in so viele für sie höchst unangenehme Situationen - die wir selber manchmal nicht vermeiden können - aber ich denke ganz oft ließe sich die Situation noch irgendwie regeln, wenn wir nicht einfach "schleifen" sondern um Mitkommen/Kooperation bitten würden - und entsprechend viel Zeit und Sorgfalt (auch im Vorfeld = Training) darauf verwenden, dass der Hund das dann auch kann. Aber eigentlich ist die "Grenze" noch feiner. Neulich hatte ich einen Kennenlernspaziergang mit einem Mann, der mir seinen Hund zum Sitten bringen wollte. Wenn der Hund eine andere Richtung hatte als der Mann (egal ob der Hund stand oder ging) hat der Mann ihn erstmal per Leine (am Geschirr) aus dem Gleichgewicht gehebelt, und dann hinter sich hergezogen. Keine Ansprache, kein Aufmerksam machen. Weil ich den Hund nun sitten darf, ergibt sich hoffentlich die Gelegenheit, dass ich das mal ansprechen kann. Aber das ist definitiv eine Grenze eines Hundes, die ich nur in Notfällen (Hund droht sonst überfahren zu werden, beißt sonst ein anderes Lebewesen...) überschreiten würde.

    2. ja, definitiv hat das Folgen, und auch die fangen nicht erst bei Krankheiten des Hundes an...

    Liebe Grüße
    Martina Schoppe

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  8. Wer sich, wie ich, einen Briard ins Haus holt, der weiß, dass er sich einen selbstständig denkenden Hund holt und keinen reinen Befehlsempfänger. Hund denkt mit - und das ist auch gut so, denn der Mensch kann sich ja auch mal irren.
    LG Birgit

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  9. Einsteins Frauchen16. Dezember 2011 um 06:17

    Hallo,
    ich kann mich den Aussagen meiner Vorredner anschließen.
    MEIN Hund zeigt mir sehr deutlich Grenzen: Bis hierher und nicht weiter. Weil er etwas nicht kann, versteht, weil er es nicht akzeptiert.
    Dann ist es MEINE Aufgabe, zu unterscheiden warum er nicht so reagiert wie ich es "geplant" hatte.
    UNSERE wichtigste Grenze heißt "Ehrlichkeit"...wie beschreibt man das-grübel-er macht alles was ich ehrlich meine. Was mir wirklich wichtig ist. Mir ist es z.B. total egal, ob er rechts oder links oder auf richtiger Höhe neben mir geht. Aber RAN wenn es eng wird kann er schon...Und wenn ich diese "Grenze Ehrlichkeit"...Authenzität? heißt das so?" nicht überschreite, ist es super.

    (mein und unser steht groß...weil es in unserer Mensch-Hund-Beziehung so ist)

    LG Conny

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  10. Selbstverständlich dürfen, nein sollen, Hunde Grenzen aufzeigen - andernfalls findet ja keine Kommunikation statt. Aus dem Befehl-Folge-Zeitalter sollten wir allmählich heraus sein.

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  11. zu 1. Natürlich sollte ein Hund dem Menschen grenzen aufzeigen, denken wir nur an das rabiate Verhalten mancher Kinder gegenüber dem Familienhund. Es wird sich immer nur gewundert und man ist geschockt wenn der Hund zubeißt. Aber sein wir mal ehrlich... würden wir es uns gefallen lassen wenn man uns die ganze Zeit bedrängt, antatscht und uns dann andauernd beim schlafen stört? Ein Hund sollte da schon zeigen dürfen wann ihm gewisse Verhaltensweisen zu viel sind.

    zu 2. ein Hund sollte schon in gewisser Weise selbstbestimmt sein. Ich kann jetzt nur von meiner Hündin sprechen und sie gehört zu der Sorte Hund die auch mal 5 gerade sein lässt. Natürlich muss ich mich auch auf sie verlassen können und das kann ich auch.

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