Donnerstag, 22. Dezember 2011

Frohes Fest und giftige Wattebäusche…

Als ich im April 2011 damit begonnen habe diesen BLOG zu erstellen, konnte ich nicht ahnen, wie erfolgreich dieser werden würde. Zunächst war er nur dafür gedacht mal in klaren Worten zu formulieren, was man in „normalen“ Printmedien nicht aussprechen kann, weil man immer Käufern, Werbepartnern und strengen journalistischen Standards unterworfen ist. Zwar halte ich auch hier journalistische Grundsätze ein, ich kann jedoch in vielen Bereichen und Ausführungen viel weiter gehen, weil ich letztlich nur meinem Gewissen verpflichtet bin. Zwar schreibe ich auch weiter gern für seriöse Fachmagazine im Hundebereich, wie z. B. WUFF oder mein eigenes „Baby“, dem CANISUND. Doch hier im BLOG habe ich die Plattform gefunden, die es mir erlaubt, unverblümt anzusprechen, was im Bereich Mensch/Hund schief läuft.
Wie bereits erwähnt war dieser BLOG nur gedacht, mal ohne Zwänge Dampf ablassen zu können. Dass viele Artikel inzwischen mehrere tausend Leser fanden und ich in Emails, Zuschriften und Kommentaren ein überwiegend positives Feedback bekommen, freut mich umso mehr. Es freut mich, weil ich viele Menschen damit erreiche – die ich nicht belehren möchte, aber zum Nachdenken anregen. Und somit vielleicht auch einen Teil dazu beitragen kann, dass Menschen Hunde besser verstehen und diese dadurch anders behandeln. Vielleicht kann ich mit dieser „Schreibarbeit“ über Hunde sogar mehr für die Hunde tun, als innerhalb meiner praktischen Arbeit mit Mensch und Hund, weil ich einfach mehr Menschen erreiche. Ich möchte mich heute, kurz vor Weihnachten bei allen Lesern und Hundefreunden bedanken, die mir ein so positives Feedback geben und die Artikel in so großer Zahl lesen. Die Aussagen der Leser im privaten Austausch lassen mich hoffen, dass ein großer Teil der Hundehalter und Hundefreunde im deutschsprachigen Raum ihre Hunde als Lebewesen respektieren und freundlich mit diesen umgehen.
Daher wünsche ich allen Lesern, Hunden und Hundefreunden ein schönes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Jahr 2012!
Allen „Hundeexperten“ und „Hundeschlauschwätzern“, für die eine Mensch/Hundbeziehung nur aus einseitigen Grenzen setzen besteht, die mit Leinen rucken oder Stachelhalsbänder „nutzen“. Alle die, die Hunde aus vermeintlicher „gesellschaftlicher Notwendigkeit“ zu Robotern unterdrücken und zu „Sparringspartnern“ ihrer eigenen inneren Konflikte degradieren. All denen wünsche ich, dass Sie zum Fest viel warme Kleidung geschenkt bekommen. Denn im nächsten Jahr müssen Sie sich weiterhin warm anziehen. Ich habe längst noch nicht alle giftigen Wattebäusche in ihre Richtung verschossen ;-)
Allen anderen Lesern und Hundefreunden, wie schon erwähnt, eine gute Zeit. Wir lesen und hören uns 2012!

Freitag, 16. Dezember 2011

WAS ist WAS Buch über Hunde. Liebe Kinder – bitte nicht nachmachen!

Ich war schon immer ein neugieriger Mensch und sehr interessiert daran, Dinge zu hinterfragen und mir Wissen anzueignen. Darin haben mich in den 70er Jahren, als ich eine Kind war, immer die WAS ist WAS Bücher gefördert, weil Wissen dort kindgerecht und meist sachlich, fachlich korrekt weitergegeben wurde und wird. Einen Teil meiner Neugier und meines Wissensdurstes konnte ich als Kind durch die WAS ist WAS Bücher stillen. Und sicher haben die mir dort Vermittelten Dinge prägenden Character für mich gehabt – speziell als Kind saugt man Informationen doch auf wie ein Schwamm, hinterfragt diese aber auch kaum. Nun ist es lange her, dass ich mal einen Blick in ein WAS ist WAS Buch geworfen habe. Mit zunehmendem Alter ändern sich natürlich auch die Sachbücher, die man liest. Bis mich jetzt der Sohn einer Kundin auf das aktuelle (Ausgabe 2010) WAS ist WAS Buch zum Thema Hunde aufmerksam machte. Dort steht tatsächlich, dass man Welpen (!), wenn man ihnen etwas verbieten möchte, wenn man sie Maßregeln will, im Nacken packen und kräftig (!) schütteln soll. Weil das Hundemütter auch machen würden…
Nun, es gibt unter Hundeexperten eigentlichen keinen Zweifel mehr darüber, dass diese Aussage mehr als Unfug ist. Hunde, die andere im Nacken packen und kräftig schütteln, haben eine Tötungsabsicht – und nein, Hundemütter machen so etwas nicht als Maßregelung. Sie „knuffen“ mal kurz oder zeigen vielleicht mal ihre Zähne, aber ohne zuzubeißen. Mit den Zähnen im Nacken packen und kräftig schütteln machen Hundemütter nicht – zumindest nicht, wenn sie den Welpen nicht töten wollen. Das kommt in der Natur durchaus vor – Muttertiere, die kranke Welpen haben und diese „erlösen“, oder die Welpen anderer Hunde, die ggf. die Ressourcen des eigenen Nachwuchses und somit deren Leben gefährden, werden in der Natur schon einmal „beseitigt“. Wie gesagt, kräftiges Nackenschütteln hat immer eine Tötungsabsicht – keine Hundemutter setzt das ein, um ihren Welpen zu Maßregeln. Da mit dem Nackenschütteln also eine Tötungsabsicht in Verbindung steht, hat ein Welpe auch Todesangst, wenn Menschen dies bei ihm anwenden. Mit teilweise gravierenden Auswirkungen auf den jungen Hund. Späteres Problemverhalten inklusive…
Schlimm finde ich, das, wie vorher schon erwähnt, ein Kindersachbuch besonders tief wirkt und sich bei Kindern einprägt. Wenn solch ein Schwachsinn in einem Kinderbuch mit hoher Auflage steht, darf man sich nicht wundern, dass Hunden heute immer noch die abstrusesten Dinge angetan werden…
Vielleicht finden diese Zeilen  ja irgendwie den Weg zum Tessloff-Verlag. Für diesen Fall sind folgende Worte direkt an die zuständige Stelle gerichtet:
Liebes Team von WAS ist WAS, lieber Tessloff-Verlag. Ich war, wie erwähnt, als Kind und Jugendlicher ein großer Fan der WAS ist WAS Bücher und finde die Bücher immer noch gut und wichtig. Ich würde mich daher freuen, wenn Sie diesen Fauxpas, der zu Hundeleid führen kann und auch führt, irgendwie beheben könnten…
Und an alle Kinder: Bitte nie einen Hund im Nacken packen und schütteln!  

Freitag, 9. Dezember 2011

Darf mein Hund MIR Grenzen setzen?

Immer wieder hört man, dass der Mensch seinem Hund Grenzen setzen solle. Dass der Mensch die Führung im „Rudel“ übernehmen muss, der Mensch gibt Strukturen und Regeln vor. Dann wird erläutert, wie es der Mensch schafft, diese Regeln durchzusetzen, was man machen muss, damit der Hund sich an die vom Menschen aufgestellten Regeln und Strukturen hält. Hunde sollen immer „funktionieren“. Sie sollen immer ihre Aufmerksamkeit beim Hundehalter haben, jede noch so kleine Selbstständigkeit wird ihnen untersagt, keine Entscheidung bezüglich Ihres eigenen Lebens wird Ihnen überlassen. Diese Erwartung an den Hund, das Unterdrücken seiner eigenen Bedürfnisse wird dann „Beziehung“ genannt und von gesellschaftlichen Zwängen gesprochen, die den Hund zum funktionierenden Roboter verpflichten.
Doch welche Auswirkung hat die Rolle als Roboter für den Hund – das Lebewesen Hund, welches eine sehr lange Evolution hinter sich hat? Kann und darf man ein solch hochentwickeltes Lebewesen wie den Hund überhaupt zur funktionierenden Figur degradieren oder hat das nachhaltige Auswirkungen auf die Lebensqualität des Hundes? Sollten wir anfangen umzudenken, und den Hund nicht nur als „Erfüller menschlicher Bedürfnisse“ sehen? Sollten wir vielleicht einmal bedenken, welche psychischen Auswirkungen es hat, wenn ein komplexes Lebewesen nur fremdbestimmt wird und keinerlei eigenständige Entscheidungen treffen darf? Sollten wir vielleicht unserem Hund erlauben, UNS  in bestimmten Situationen Grenzen zu setzen?
Ich weiß, die letzte Frage hört sich provokant an. Ich werde mich der Frage in einem Folgeartikel dieses BLOGS ausführlich widmen. Zunächst möchte ich aber Sie als Leser bitten, Ihre Meinung zu dem Thema in der Kommentarfunktion darzustellen – aber bitte nicht anonym, wie bei allen Kommentaren. Ich denke, wer eine Meinung hat, kann auch mit einer Identität dazu stehen…
Also, meine Fragen konkret:
1.       Glauben Sie, dass Hunde ihren Menschen in gewissen Situationen Grenzen aufzeigen sollten?

2.       Glauben Sie, dass Hunde psychische Schäden erleiden, wenn sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und zu 100% fremdbestimmt sind?
Viel Spaß beim Nachdenken. Meine Meinung und meinen Artikel dazu gibt es noch vor Weihnachten.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Der will doch nur spielen...

Wenn ich eine Hitliste der unsinnigsten Sprüche rund um die Hunde aufstellen müsste, dann könnte sich dieses „Der will doch nur spielen!“ sicherlich über eine Spitzenposition freuen. Spielen, dieses ritualisierte Lebenstraining ohne ernsthafte Konsequenzen, wird ein Hund sicher nur mit einem Lebewesen, das er als ungefährlich einstuft. Läuft ein erwachsener Hund also auf einen ihm völlig unbekannten Menschen oder Artgenossen zu, dann möchte er zunächst einmal rausfinden, ob diese Ungefährlichkeit gegeben ist.  


Dem Hund sind seine eigene Familie und sein Territorium sehr wichtig, weil beides seine Existenzgrundlage bildet. Er hat daher zu den eigenen Familienmitgliedern, ob es sich dabei nun um einen Menschen, einen Hund oder selbst einen Papagei handelt, ein ganz anderes Verhältnis als zu Vertretern dieser Arten, die er nicht kennt. Deshalb kann jedes fremde Lebewesen, das sich ihm nähert, eine potentielle Bedrohung sein, weshalb für ihn geklärt werden muss, was der im Schilde führt. Wie benimmt er sich? Freundlich, feindselig, fordernd, zurückhaltend, unterwürfig oder eher dominant? Was sind seine Absichten? Entpuppt er sich als Freund oder Feind? Muss man ihn verscheuchen, weil er ein ernsthafter Konkurrent um Ressourcen im eigenen Familienrevier ist, versucht er, einen selbst zu vertreiben oder ist beides nicht der Fall? 


Dann spielt schließlich noch die Rassedispostion, das Alter und die individuellen Erfahrungen eine große Rolle. Manche Rassen sind deutlich verspielter als andere und ein junger Hund ist viel eher am Spiel interessiert als ein älterer, auch seine Annährung ist noch unbedarfter. Einige Rassen haben eine deutlich höhere Territorialaggression als andere und werden deshalb auf eigenem Grund und Boden sehr wenig ans Spielen und viel mehr an das Bewachen des Grundstücks denken. 
Die Erfahrungen früherer Begegnungen entscheiden darüber, mit welchen Gefühlen und Erwartungen der Hund in eine Begegnung hineingeht. Wurde er schon von Fremden attackiert, wird er vorsichtiger und misstrauischer sein als einer, der bisher immer nur freundliche Hunde und Menschen getroffen ist. 
Viele weitere Faktoren könnten genannt werden, die darüber entscheiden, ob ein Hund spielen will oder nicht. Ist er müde, hat er Schmerzen, wie ist seine Stimmung, ja selbst das Wetter kann eine Rolle spielen! Fragen Sie einen Rodesian Ridgeback zum Beispiel mal, wie viel Lust zum Spielen er bei strömenden Regen hat. Also, Hunde möchten nicht mit jedem fremden Individuum einfach nur spielen. Sie möchten erst einmal die jeweilige Situation beurteilen, was natürlich nicht heißen soll, dass nach erfolgter Abklärung nicht auch gespielt wird…  :-)

Weitere Sprüche und Geschichten rund um Hunde gibt es in den nachfolgenden Büchern. Auch als Weihnachtsgeschenke geeignet ;-)


Und, damit niemand auf die Idee kommt, nur meine eigenen Bücher würden gut unter den Weihnachtsbaum passen. Hier noch weitere Bücher, die ich absolut empfehlen kann:

Mittwoch, 30. November 2011

Vortragstour 2012

2012 gehe ich auf eine Vortragstour zum Thema
 „Gewalt in der Hundeerziehung und die damit verbundenen Gefahren“
Wenn man Hunde dazu bringen möchte, etwas zu tun oder sich so zu verhalten, wie Menschen es von ihnen verlangen, werden dabei unterschiedlichste Methoden angewendet. In längst vergangen geglaubter Zeit wurde dies häufig mit den Mitteln der Strafe und des Schmerzes umgesetzt, ohne das Wesen des Hundes dabei zu berücksichtigen oder zu verstehen.  Hauptsache, die Hunde „funktionierten“. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert und auch vieles, bezogen auf Hundeerzeihung verbessert, weil sich die Menschen weiterentwickelt und sich ihr Wissen vergrößert hat. So sollte man glauben. Doch leider ist es eine Tatsache, dass viele Hunde immer noch über Gewalt und Schmerz ausgebildet werden. Diese Form der Hundeerziehung wird heute zwar gern mit harmloseren Worten kaschiert – „Leinenimpuls“ oder „Konfliktlösung“ werden leider oft als Rechtfertigung, als beschönigende Worte benutzt, wenn man Hunde über Schmerz und Gewalt ausbildet. Erziehung kann man das allerdings nicht nennen. Die Hunde werden so verängstigt und verunsichert und machen letztlich nur aus Angst das, was Menschen von Ihnen verlangen. Welche Auswirkungen Schmerz, Unterdrückung und Verängstigung auf Hunde und auch auf ihre Halter haben, damit beschäftigt sich dieser Vortrag. Gesundheitliche Folgen, psychische Auswirkungen auf den Hund und rechtliche Folgen für den Halter werden angesprochen und erläutert.
Wer dabei sein möchte findet hier die Termine:

10. April 2012 – Deutschland, Probstzella. Anmeldung und Karten:

21. April 2012 – Luxemburg. Anmeldung und Karten:
12. Mai 2012 – Österreich, Wien. Anmeldung und Karten:
15. Mai 2012 – Österreich,  9181 Freistritz. Anmeldung und Karten:
06. Juni 2012 – Deutschland, Düsseldorf. Anmeldung und Karten:

Donnerstag, 24. November 2011

Von der EM, der Ukraine und von deutschen Füchsen…

Das Thema Fußball EM, Ukraine und Hunde ist zur Zeit in allerMunde. Auch mir wird regelmäßig übel, wenn ich an die Hunde denke. An denkende, fühlende Lebewesen, die dort mit einer Grausamkeit konfrontiert werden, zu der wohl nur der Mensch fähig ist. Es ist gut und wichtig, dass darauf weltweit hingewiesen wird und öffentlicher Druck die Verantwortlichen zum Umdenken zwingt. Hinweisen und öffentlicher Druck sind meiner Meinung nach wichtig, es sollte daraus aber kein Fanatismus entstehen, bei dem es letztlich eher wieder um menschliche Standpunkte geht, als um das einzelne Lebewesen, welches dort leidet. Mit Fanatismus erreicht man selten etwas, meist werden Fronten verhärtet und das ursprüngliche Ziel zu helfen, wird dadurch stark erschwert.
Ich möchte in dieser Zeit, wo sich deutsche Hundefreunde, ja deutsche überhaupt, zu recht über die Handlungen in der Ukraine aufregen, einmal in dem Zusammenhang etwas anderes ansprechen. In Deutschland werden in jedem Jahr zwischen 500.000 und 600.000 (!) Füchse getötet, zum Teil ähnlich grausam wie die Hunde in der Ukraine (Hunde werden in Bauanlagen mit Fuchswelpen geschickt, Fuchswelpen werden erschlagen um Kugeln zu sparen etc.). Darüber regt sich hierzulande kaum jemand auf und es passiert Jahr für Jahr – alles unter fadenscheinigen Argumenten einer vermeintlichen Notwendigkeit, weil sich Füchse sonst zu sehr ausbreiten würden und in irgendwelchen Formen dem Menschen Schaden zufügen könnten. Schon vor vielen Jahren habe ich zu dem Thema einen Artikel im Hundemagazin WUFF veröffentlicht, geändert hat sich seither nichts. In Anbetracht der Schicksale der Ukrainischen Hunde und deren grausamen Schicksalen, sollte man aber auch nicht die Tiere vergessen, die in unserem Land ein ähnliches Schicksal haben. Mit der Hoffnung, dass sich endlich einmal mehr Menschen Gedanken darüber machen, was vor der eigenen Tür passiert…
Anmerken möchte ich noch, das es viele weitere Schweinereien bei uns gibt, die denen in der Ukraine ähneln, denken wir nur an die Massentierhaltung zum menschlichen Nahrungserwerb oder aber auch daran, dass deutsche Städte von Tauben „gesäubert“ werden, so wie ukrainische Städte von Hunden. Wer entscheidet eigentlich dass wir das Recht zur Säuberung haben oder welche Tierart mehr oder weniger „Wert“ ist?
Wie gesagt, ich möchte mit diesen Zeilen nicht die Dinge in der Ukraine verharmlosen oder gar rechtfertigen, im Gegenteil. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, dass wir auch mal vor unserer eigenen Tür nachschauen sollten und auch aufschreien, wenn wir Schweinereien entdecken.
Nachfolgend drucke ich hier den Text „Fuchs, Du hast mein Herz gestohlen“ ab, der 2006 in der WUFF erschienen ist. Er beschäftigt sich sachlich damit, warum eine Fuchsbejagung, eine Tötung von bis zu 600.000 Lebewesen pro Jahr vollkommen unnötig und unsinnig ist. Nehmen Sie sich die Zeit den Text zu lesen. Sie werden danach die kleinen roten Verwandten unserer Haushunde mit anderen Augen sehen…

ARTIKEL:
Fuchs, Du hast meine Herz gestohlen

Wenn man einen Jäger fragt, warum er Füchse jagt, kommt meist recht spontan die Antwort: „Wegen der Tollwut, dem Fuchsbandwurm und der armen bodenbrütenden Vögel, die der Fuchs ja sonst ausrottet.“ Zeigt man sich dann interessiert und fragt weiter, ob der Fuchs denn ein Familientier oder Einzelgänger sei, folgt ebenso spontan ein fast schon empörtes „Einzelgänger!“ Nun, um es vorweg zu nehmen, diese Aussagen halten keiner näheren, wissenschaftlich fundierten Untersuchung stand. Namhafte Wissenschaftler wie z. B. der Engländer David Macdonald haben schon zu Beginn der 1970er (!) Jahre nachgewiesen, dass Füchse keine Einzelgänger sind, sondern sehr soziale Familientiere. Ihm folgten viele, die durch eigene Forschungen seine Aussagen untermauerten. Umso erstaunlicher, dass Jäger, die sich ja damit brüsten, Besitzer des „grünen Abiturs“ zu sein, eine derart überholte Meinung vom Fuchs haben. Wissen sie es wirklich nicht besser, oder erzählen sie bewusst zweifelhafte „Wahrheiten“, um die Fuchsjagd zu rechtfertigen? Um eines klarzustellen: Ich bin kein genereller oder gar radikaler Gegner der Jagd, zumindest über die Jagd auf so genannte Beutetiere wie z. B. Rehe kann man mit mir diskutieren, weil sie, dank fehlender Raubtiere, möglicherweise tatsächlich Verbissschäden am Kulturwald verursachen können. Wie gesagt, ich kann darüber diskutieren, auch weil im Sozialleben der Rehe durch Abschüsse kein Populationschaos entsteht, da sie auch in der Natur zu den Gejagten zählen. Aber das ist ein anderes Thema, hier geht es um den Fuchs. Und die von weiten Teilen der Jägerschaft propagierte „notwendige” Jagd auf Füchse ist ein wissenschaftlich sehr zweifelhaftes Unternehmen. Ich möchte nun einige Daten zum Fuchs auflisten, um den ständigen Anfeindungen durch den Menschen endlich einmal etwas entgegenzusetzen. Der Fuchs ist allerdings ein sehr komplexes, individuelles Lebewesen, das man sicherlich nicht in einem Artikel komplett abhandeln kann. Ich habe ihm ein ganzes Buch gewidmet, in dem die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse vieler namhafter Wissenschaftler und Verhaltensforscher ein umfangreiches Bild des kleinen Beutegreifers zeichnen. Hier kann man natürlich nur einen kleinen Teil wiedergeben, ich hoffe aber, zu etwas mehr Verständnis für den Fuchs beitragen zu können.

Monogame Beziehung
Füchse sind keine Einzelgänger, die nur zur Paarungszeit zueinander finden. Im Gegenteil: Unter natürlichen Umweltbedingungen und ohne Bejagung bildet meist ein monogames Paar den Grundstein einer Fuchsfamilie. Im Winter erfolgt die Paarung, und die Füchsin bringt in ihrer Höhle im Frühjahr nach 52 bis 53 Tagen drei bis fünf Junge zur Welt. In Gebieten starker Bejagung kommen aber oft doppelt so viele Welpen zur Welt. Warum das so ist, werden wir später erkennen. Mutter und Vater Fuchs leben in einem festen Revier. Während die Mutter die Jungen noch säugt und nicht oder nur schwer zur Jagd gehen kann, übernimmt der Vater die Arbeit des Familienernährers und versorgt die Füchsin mit Nahrung. Allerdings erfährt er dabei oft familieninterne Unterstützung. Meist sind die jungen Weibchen aus dem Wurf des Vorjahres noch im Revier der Eltern und helfen bei der Aufzucht ihrer Geschwister. Die jungen Rüden des letzten Jahres sind allerdings schon abgewandert. Sie haben sich auf die Suche nach einer Partnerin und einem eigenen Revier gemacht. Wird allerdings irgendwann die Nahrung für eine große Familie knapp, dann werden die jungen Füchsinnen recht früh von den Eltern aus dem heimischen Revier verscheucht, um sich selbst die Nahrungsressourcen zu sichern.

Populationsdynamik: Die Fuchsfamilie
Füchse leben also unter normalen Umständen als Gruppe – oder besser als Familie - zusammen in einem Revier. Diese Familien bestehen aus Vater, Mutter und dem aktuellen Wurf, sowie einigen älteren Schwestern dieser Welpen. Die Größe des Reviers und der Gruppe richtet sich dabei natürlich stark nach der Nahrung in diesem Gebiet. In Gegenden mit viel Nahrung können diese Reviere recht klein sein, die Gruppe aber durchaus etwas größer. Im Ödland können aber sehr große Reviere mit verhältnismäßig wenigen Familienmitgliedern existieren. Der Fuchs ist da ein sehr anpassungsfähiges Tier. Wenn aber nun aus irgendeinem Grund die Nahrung im Revier knapper wird (z. B. ein ungewöhnlich kalter Winter mit starkem Rückgang der Mäusepopulation), werden als erstes die jungen, aber erwachsenen Weibchen aus dem Revier verscheucht. Reicht das nicht aus, um eine Erholung der Haupt-Beutetierpopulation zu erreichen, wird die Mutter in der nächsten Paarungszeit in relativ schlechtem Ernährungszustand sein. Ihr Körper ist dann nur in der Lage, sehr wenige Welpen zu gebären. Es werden nur ein oder zwei kleine Füchse geboren, während im letzten Jahr noch fünf das Licht der Welt erblickten. Durch eine geringere Welpenzahl und Verscheuchen der anderen Familienmitglieder ist das Revier der beiden Altfüchse nun also von wesentlich weniger Tieren besetzt. Die Beutetierpopulation kann sich erholen, im nächsten Jahr ist die Füchsin besser genährt und kann mehr Junge bekommen. Eine in Jahrtausenden Evolution perfekt geregelte Regulierung von Beutegreifern und Beutetieren.

Paradoxe Wirkung der Fuchsabschüsse
Kommt nun der Mensch und schießt aus der ohnehin kleinen Fuchsgruppe noch zwei Füchse heraus, können sich die Mäuse noch besser vermehren und eine Füchsin in einen so guten körperlichen Zustand versetzen, dass sie vielleicht acht bis zehn Welpen bekommt. Verluste durch Abschüsse werden so mehr als ausgeglichen, im Gegenteil, oft führen sie zu einem Anstieg der Fuchspopulation – eine wahrlich paradoxe Folge der Bejagung. Noch ein weiterer, sehr gravierender Punkt spricht gegen den Abschuss von Füchsen. Vor einer näheren Erläuterung muss man aber wissen, dass Füchse, so gut es eben geht, Inzucht vermeiden. Dass ein Vater also seine Tochter deckt, ist eher selten und unwahrscheinlich. Nehmen wir also nun eine fiktive normale Fuchsfamilie für unser Beispiel. Mutter, Vater, drei aktuelle Welpen und drei Fähen aus dem Vorjahr leben im familieneigenen Revier: Eine stabile Gruppe von acht Tieren im eigenen Gebiet. Dort wird kein umherwandernder junger Rüde einfallen und das Revier streitig machen. Aber nehmen wir einmal an, ein Jäger erschießt den Vater. Nun besteht die intakte Familienstruktur nicht mehr. Fremde Rüden können ins Revier eindringen, weil der starke, erfahrene Altrüde nicht mehr da ist. Und in der Ranzzeit kann es nun passieren, dass alle Weibchen des Reviers von fremden Rüden gedeckt werden. Es wäre nicht passiert, wenn Vater Fuchs noch da wäre, er würde ja seine eigenen Töchter nicht decken. Allein durch seinen Tod werden nun viel mehr Weibchen gedeckt, und es kommen wesentlich mehr Welpen zur Welt. Der Jäger, der den alten Rüden erschossen hat, hat ganze Arbeit geleistet. Er hat nicht nur eine funktionierende Familienstruktur zerstört, nein, er hat durch den Abschuss des einen Fuchses eine Vergrößerung der Population zu verantworten!

Gemischte Kost: Mäuse, Pflanzen und Abfälle
Füchse sind taxonomisch Karnivoren, also Fleischfresser. Ihre Nahrung besteht aber nicht nur aus Fleisch. Besonders im Sommer, wenn Früchte und Beeren reif sind, steigt der Rotfuchs zu wesentlichen Teilen auf bequem erreichbare pflanzliche Kost um. Bei einer im Sommerhalbjahr 2005 durchgeführten Untersuchung im Saarland fand man in den Mägen von 37 von 55 erschossenen Füchsen Obstreste. Obwohl Füchse gern in Gruppen leben, jagen sie - im Gegensatz etwa zum Rudeljäger Wolf - fast immer allein, und ihre Beute sind dementsprechend Lebewesen, die deutlich kleiner sind als sie selbst. Hauptbeute von Füchsen sind ohne jeden Zweifel Mäuse, die in manchen Gebieten bis zu 90 Prozent der Fuchsnahrung ausmachen. Kaninchen stehen auf Grund ihrer Häufigkeit ebenfalls relativ weit oben auf der füchsischen Speisekarte, und auch Regenwürmer erfreuen sich großer Beliebtheit. David Macdonald beobachtete beispielsweise Füchse, die im Sommer in einer einzigen Nacht 150 Regenwürmer fingen und damit knapp zwei Drittel ihres täglichen Energiebedarfs deckten. In der Nähe menschlicher Siedlungen bedienen sich Füchse überdies gerne an den Abfällen unserer Zivilisation, vom Hamburger bis zu Pizzaresten. Demgegenüber sind weniger häufige Wildtiere wie etwa Wildgeflügel oder auch Feldhasen nur sehr selten auf der Speisekarte von Füchsen zu finden. Einerseits ist es für den Fuchs Zeitverschwendung, erfolglos nach seltener und dementsprechend schwer zu findender Beute zu suchen, andererseits ist etwa ein gesunder Hase keine Beute für einen noch so schnellen Fuchs. Mit ihren kräftigen Hinterläufen können die Langohren sich aus dem Stand auf mehr als 70 km/h katapultieren. Untersuchungen zeigen, dass der bei weitem größte Teil der von Füchsen gefressenen Hasen als Aas aufgenommen wird.

Keine gegenseitige Ausrottung in abgestimmtem Ökosystem
Tiere, die seit Jahrtausenden aufeinander abgestimmt sind und im gleichen Lebensraum leben, rotten sich nicht gegenseitig aus. Noch nie konnte es in irgendeiner Form nachgewiesen werden, dass Raubtiere Beutetiere in ihren angestammten Lebensräumen ausgerottet hätten. So etwas schafft nur der Mensch, das allerdings in unglaublicher Geschwindigkeit! Der aktuelle Rückgang der Rebhühner z.B. hat ganz andere Gründe als den Fuchs. Zu nennen sind da die intensive Landwirtschaft (zunehmender Dünger- und Biozideinsatz, vereinfachte Fruchtfolgen und Zerstörung von Saumstrukturen wie Wegrändern), Lebensraumverlust (Wohn- und Gewerbeflächen, Straßen, versiegelte Flächen und Vertreibungswirkungen durch Schnellstraßen). Sicher erlegt auch der Fuchs das eine oder andere Rebhuhn, wird sie aber sicher nie an den Rand der Ausrottung bringen. Je seltener sie werden, umso schwieriger wird es ja auch, dass der Fuchs auf sie trifft. Nein, die vorher genannten Faktoren setzen den Bodenbrütern weit mehr zu. Wenn man allerdings Jäger ist und die hier nur zu Jagdzwecken eingeführten Fasane im Winter durchfüttert, dann ist es natürlich furchtbar traurig, wenn man statt zwanzig nur neunzehn schießen kann, weil der Fuchs einen gefressen hat … Abschließend bleibt mir die Feststellung, dass die Bejagung von Füchsen nachweislich absolut unnötig ist, nein - sie ist ehe kontraproduktiv, weil sie eine natürliche Regulierung verhindert und Krankheiten wie die Tollwut fördert.

Mein Herz gestohlen …
Als ich vor einiger Zeit Füchse am Bau beobachtete, wollte ein Welpe herauskriechen. Ein unheimlich putziges kleines Tier, welches die Welt entdecken wollte. Aber Mutter Fuchs hatte anscheinend etwas gegen den Ausflug des Sprösslings. Man sah nur, wie der Kleine unter lautem Protest von hinten in den Bau zurückgezogen wurde. Ich konnte das kleine Tier nur einige Sekunden sehen, aber da hatte es schon mein Herz erobert. Den kleinen Strampler werde ich wohl nie vergessen. Während ich hier an meinem Computer sitze und diesen Artikel schreibe, setzen sich meine Hunde neben mich und schauen mich an. Sie wollen mir zeigen, dass es schon lange Zeit für eine Gassirunde ist. Ich schaue in ihre schwarzen Knopfaugen und sehe zwei Tiere, die wie ich Schmerz empfinden, die sich freuen können, die manchmal traurig sind und die mir eine unglaubliche Lebensqualität schenken. Ihre nahen Verwandten draußen, die Füchse, können sicherlich genauso empfinden wie meine Hunde und ich. Trotzdem werden sie immer noch wie im Mittelalter verfolgt und getötet, obwohl es vollkommen unnötig ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie Fuchseltern empfinden, wenn sie zu ihrem Bau kommen und im Gebüsch versteckt mit ansehen müssen, wie Menschen gerade ihre Jungen töten. In diesem Moment hoffe ich, dass mein kleiner Freund, den ich beobachten durfte, noch lebt. Kleiner Fuchs, du hast mein Herz gestohlen! Du darfst es gern behalten …


INFORMATIONEN: Fuchsbandwurm und Tollwut

Tollwut
Im Kampf gegen die Tollwut hat sich gezeigt, dass das Auslegen von Impfködern das Mittel der Wahl ist. Seit diese Methode intensiv betrieben wird, ist die Tollwut sehr selten geworden in Deutschland gilt sie offiziell als ausgerottet. Ein ähnliches Ergebnis haben Abschüsse nie gebracht, im Gegenteil.

Der Fuchsbandwurm
Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der nicht ausschließlich den Fuchs befällt. Auch kleine Nagetiere, die immer in die Infektionskette einbezogen sind, Katzen, selten Hunde und noch seltener Menschen können betroffen sein. Der geschlechtsreife Bandwurm lebt im Dünndarm seines Endwirtes (Fuchs, Katze, Hund usw.). Er reift allerdings in einem Zwischenwirt (Mäuse oder andere kleine Nagetiere) heran. Wird der Zwischenwirt dann vom Endwirt gefressen, ist der Wurm an seinem Ziel, legt dort Eier, die dann mit dem Kot vom Endwirt ausgeschieden werden. Kommt dann der Zwischenwirt mit diesem Kot in Berührung, kann er die Eier aufnehmen. In ihm reifen neue Würmer heran, bis er vom Endwirt gefressen wird, und der Kreislauf beginnt von vorn. Ein natürlicher Kreislauf, und der Bandwurm richtet bei seinen natürlichen Wirtstieren keinen Schaden an. Es gibt dann aber so genannte Fehlwirte wie z. B. den Menschen, der aus irgendeinem Grund die Wurmeier aufgenommen hat. Er kann sie aber nur durch den Mund aufnehmen. Da sich diese aber vornehmlich im Kot der Endwirte aufhalten, ist eine Aufnahme durch den Menschen doch naturbedingt eher selten. Wenn sie erfolgt, kann dies eine schlimme Krankheit auslösen, die Alveoläre Echinokokkose, die die inneren Organe zerstört. Eine Heilung ist kaum möglich. Seit 2001 besteht für diese Erkrankung eine Meldepflicht.

Wie kann man sich schützen?
Der Schutz vor dieser Krankheit ist eigentlich denkbar einfach. Schauen wir aber zunächst, wo die Eier der Bandwürmer sein könnten und wie wir damit in Berührung kommen können. Die Eier werden z. B. vom Fuchs mit dem Kot ausgeschieden. Sie sind sehr widerstandsfähig und können von Tieren, die mit diesem Kot in Berührung kommen, auch im Fell mitgenommen werden. Andere Füchse zum Beispiel, die sich wälzend eine Duftmarke über den Kot des Rivalen legen wollen. Wenn der Mensch also niemals ein Wildtier ohne Handschuhe berührt und sich auch nicht den Mund mit der Hand oder den Handschuhen abwischt, ist eine Infektion über das Fell fast unmöglich. Um ihr Revier zu markieren, reiben Füchse gern ihr Hinterteil an markanten Stellen, das können auch mal Sträucher mit Beeren sein. Am After hängen gebliebene Wurmeier können so durchaus einmal an eine Beere gelangen, aber bestimmt nicht an jede Beere, die irgendwo wächst. Alles, was man aus der Natur isst, sollte man vor dem Verzehr gründlich abwaschen, damit die Bandwurmeier nicht über diese Art Nahrung in den Menschen gelangen. Das gilt selbstverständlich auch für Freilandnahrung aus dem eigenen Garten.

Entwurmung von Katzen und Hunden
Da auch Katzen und seltener Hunde Mäuse verzehren, sind auch sie Endwirte, die Bandwurmeier ausscheiden können. Werden diese Tiere allerdings regelmäßig entwurmt, werden mögliche Würmer in ihnen erst gar nicht zum Eierlegen kommen. Außerdem, wenn z. B. ein Hund mal Jagdglück hat und eine Maus fängt und auch noch frisst, muss diese ja nicht zwangsläufig gerade Zwischenwirt sein. Man sieht also, einige Presseberichte, wonach Hundekot in der Feldflur grundsätzlich eine große Gefahr darstellt, sind nicht nur grober Unfug, sondern nachweislich Panikmache.

Quellen
• Thomas Riepe – Hundeartige, animal learn Verlag (mit umfangreichem Quellenverzeichnis)
• David Macdonald - Unter Füchsen
• www.verbraucherministerium.de
• www.medizin-links.de
• www.tieraerzteverband.de
• Echinokokkoseregister Ulm
• ABU Info 24 - 1/2000 Rebhühner

(c) Thomas Riepe



Montag, 14. November 2011

Strukturen und Regeln im Hundeleben (Serie: KLARTEXTHUND kurz und knapp)

Rund um die Hundeerziehung, bzw. rund um das Zusammenleben von Mensch und Hund, findet man immer wieder knappe Aussprüche und „Weisheiten“. Diejenigen, die sie anwenden, setzen oftmals den „selbsterklärenden“ Charakter dieser Aussprüche voraus, und nutzen solche Schlagworte auch gern, um z. B. Diskussionen abzuwürgen und ihren Standpunkt vermeintlich seriös zu untermauern. Das heißt übrigens nicht, dass immer alles schlecht ist, was kurz und knapp gesagt wird – allerdings sollte man hier und da vielleicht doch einmal nachfragen, was gemeint ist. Und sei es nur zum eigenen Verständnis, was der „Aussprechende“ denn wirklich meint…
Mit „KLARTEXTHUND kurz und knapp“ möchte ich einige dieser knappen „Weisheiten“ einmal näher vorstellen und genauso kurz und knapp, wie die die Aussagen gemeint sind, den Sinn hinterfragen. Das ersetzt keine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema, kann aber ganz bestimmt dazu beitragen, dass nicht immer alle Schlagworte so hingenommen werden und man durchaus einmal nachfragt, was der Aussprechende wirklich meint.
Im ersten Teil dieser Serie möchte ich mich mit folgender Floskel beschäftigen:
„Hunde brauchen klare Regeln und Strukturen“
Nun, prinzipiell ist daran nichts auszusetzen. Lebewesen, die in Gruppen, in sozialen Gemeinschaften leben, brauchen Regeln und Strukturen, die das Zusammenleben überhaupt ermöglichen. Dass Strukturen wichtig sind, ist völlig unbestritten – lassen wir dabei aber mal außen vor, wie Strukturen überhaupt entstehen. Ob durch sozialen Druck oder persönliche Erkenntnisse bzgl. des eigenen Vorteils. Dann würde hier aus „kurz und knapp“ schnell eine Seitenlange Abhandlung…
Betrachten wir den Spruch daher einfach in dem Kontext, in dem er genutzt wird und schauen uns an, welche Kernaussage meist mit ihm verbunden wird. Um die Kernaussage herauszufinden, die die meisten Menschen mit diesem Spruch assoziieren, habe ich in Kundengesprächen und bei Gesprächen mit „Hundeexperten“ in den letzen Monaten gezielt nachgefragt, wenn die Rede auf die Strukturen und Regeln kam. Und auf meine Frage, was man denn unter „Strukturen und Regeln“ im Hundeleben verstehe, kam bei über 2/3 der (nebenbei, fast unbemerkt) Befragten folgende Antwort: „Strukturen bedeutet, dass Hunde Regeln einhalten müssen, nicht alles machen dürfen was sie möchten, wissen was sie nicht dürfen und dass sie das machen, was ich von Ihnen verlange.“
Wie einige Halter und Kollegen die Einhaltung dieser Regeln durchsetzten sei an dieser Stelle nicht genauer erläutert…
Also, für mich persönlich erschreckend häufig wird unter Strukturen verstanden, dass man dem Hund beibringt, was er alles nicht darf.
Strukturen dürfen nicht nur Verbote beinhalten!
Natürlich gehört es zu Regeln und Strukturen, dass ein Lebewesen lernt, was es nicht darf und welches Verhalten in der oder jener Situation von ihm erwartet wird. Aber, und das ist ein lautes „aber“ an dieser Stelle! Wenn ein „Hundeexperte“ einem Hundehalter etwas von Strukturen erzählt und diesem bei Nachfrage, was Struktur bedeute, nur antwortet man müsse dem Hund seine Grenzen aufzeigen – dem sollte man, im KLARTEXT gesagt, das „Experte“ aus dem Wort Hundeexperte streichen…
Strukturen bedeutet nämlich nicht nur, dass man dem Hund mitteilt, was er alles nicht darf. Das ist und sollte, zwar ein wichtiger, aber nur kleiner Teil im Zusammenleben von Mensch und Hund sein. Strukturen sind in erster Linie dazu da, dem Hund Sicherheit zu bieten, Orientierungspunkte für die Strukturierung seines Lebens und auch seiner sozialen Interaktionen zu geben. Dazu gehört zum Beispiel, dem Hund in schwierigen Situationen „vorzuleben“ wie man ruhig und souverän damit umgeht. Man muss dem Hund ein Anker sein, ein Punkt, an dem er sich orientiert, wenn er selbst mit etwas nicht umgehen kann.
Wissen, was man DARF
 Weiter gehört zum Strukturierten Leben, dass der Hund auch weiß, was er darf. Wenn der Hund „richtiges“ Verhalten (oder das, was der Mensch dafür hält) von sich aus zeigt, und wenn Mensch es als noch so normal ansieht, muss dem Hund auch mal Feedback gegeben werden – das heißt ich muss ihn auch mal loben, wenn er etwas macht, was in meinen Augen wünschenswert ist.
Ich höre jetzt schonwieder die ganzen „Antiwattebauschkollegen“  ;-) aufschreien, dass man den Hund nicht immer mit Lob und Leckerchen überfrachten soll. Und, zu deren Überraschung – das meine ich damit auch gar nicht! Ich meine nicht, dass man jedes Ohrwackeln bestätigt oder nicht. Ich schleppe im Alltag auch nicht immer und überall einen Leckerchenbeutel mit mir herum (Leckerchen sind zum gezielten Training natürlich okay, sollten aber nicht den Alltag bestimmen…). Ich teile den Hunden einfach durch freundliche Ansprache oder auch mal eine Streicheleinheit mit, das eine Handlung von ihm okay war (z. b. er wartet von sich aus auf mich, wenn ich trödele – oder er sieht eine Ente und beachtet diese nicht). Und, um konkret dabei zu bleiben, was er DARF. Wenn er sich an den Platz legt, der ihm gefällt und den ich auch für ihn gut finde, sage ich einfach mal ein freundliches Wort, wenn er dort ist oder sich dort hinbegibt. Einfach mal ein nettes Wort, ein „Streichler“, wenn der Hund etwas macht, was er darf – ohne ihn gleich mit Lob für jede Bewegung zu überschütten. Weiter gehört zu einem strukturierten Leben, dass ein Hund weiß, wo er sicher ist und nicht belästigt wird – z. B. ist es ganz wichtig, gerade in einem Haushalt mit Kindern, dem Hund einen Rückzugsort zu lassen, wo er nicht belästigt oder bedrängt wird, wohin er sich zurückziehen kann, wenn er Ruhe möchte. Er muss zudem wissen, wo und auch wann es in der Regel Futter gibt etc. Ein Hund muss die Gegebenheiten seines Reviers und Umfelds einschätzen können – es muss eben eine Struktur erkennbar sein und kein Chaos, dessen Bewältigung den Hund überfordert. Es ist aber auch ganz wichtig, dass neben den Regeln und Strukturen genügend Freiraum bleibt, in denen der Hund er selbst sein kann, in denen er eigene Erfahrungen machen kann und dass er ein erwachsenes Individuum sein darf.
Struktur als Leitschnur, nicht als Ausdruck von Unterdrückung
Strukturen im Hundeleben bedeuten also auf keinen Fall, dass ein Hund nur lernt, was er alles NICHT darf. Das gehört natürlich dazu, viel wichtiger ist aber, dass der Hund in seinem Menschen einen souveränen Fixpunkt hat, dem er vertrauen kann. Viel wichtiger als nur Verbote ist es auch, dem Hund auf natürlichem Weg zu vermitteln, was er DARF, was wir tolerieren oder sogar von uns erwünscht ist. Und wichtig in einem strukturierten Hundeleben ist auch zu wissen, dass es im Territorium immer einen Rückzugsort gibt wo man seine Ruhe hat und das das Territorium und die darin lebenden Menschen insgesamt nicht chaotisch sind, sondern souverän und kalkulierbar…
Gut, jetzt ist es nicht wirklich kurz und knapp geworden – aber man kann jetzt erkennen, worauf ich mit „kurz und knapp“ hinauswill. Und als Quintessenz dieses ersten Teils kann man festhalten, dass Hundeexperten, die auf die Frage nach Strukturen im Hundeleben nur die möglichen Verbote aufzählen, besser noch einmal nachdenken sollten. Und Hundehalter, die bei solchen Experten Rat suchen, vielleicht noch etwas weitersuchen sollten – oder auch mal auf ihr eigenes Gefühl hören. Denn eigentlich bedeutet ein strukturiertes Leben für Hunde nichts weiter als ein strukturiertes Leben für Menschen. Und wie würden wir uns fühlen, wenn uns den ganzen Tag nur gesagt würde, was wir NICHT dürfen?


Donnerstag, 10. November 2011

Trennungsangst = Dominanz?!

Ich neige dazu, mir mein Wissen von denen zu holen, „die sich damit auskennen“. Trotz all der Literatur und all der Lehr- und Vermittlungsmethoden, die heute rund um das Thema Hund angeboten werden und trotz all der Möglichkeiten, sich in dem Bereich weiter zu bilden, bin ich der festen Überzeugung, dass Hunde nach wie vor die besten Lehrmeister sind. Ihr Verhalten zu beobachten und zu analysieren lässt mich viele Aussagen von Menschen mit gemischten Gefühlen betrachten. So auch die Aussage einer Kundin, die in einer Hundeschule „gelernt“ hatte, dass ihr Hund sie nur dominieren wolle, wenn er jault, während er allein gelassen wird. Trennungsangst habe der keine und bei den von sich gegebenen Pfützen handele es sich um ein Protestpinkeln, das dazu dienen soll, sie dazu zu bringen, ihn fortan lieber mitzunehmen.  
Hierzu zwei Beobachtungen, die ich im Laufe der Jahre machen konnte. Zunächst vom Vorfahren der Hunde, dem Wolf. Ich beobachtete im amerikanischen Yellowstone  Nationalpark eine Wolfsfamilie von einem wunderschönen Aussichtspunkt aus, von dem aus ich über das ganze Tal sehen konnte. Es war tiefer Winter und die weiße Schneelandschaft mit den grauen und schwarzen Tieren begünstigte die Beobachtungen des Verhaltens dieser Wolfsfamilie, die aus einem Elternpaar mit einigen Sprösslingen aus dem letzten Frühjahr bestand. Einem dieser Jungwölfe wurde der lange, ereignislose Aufenthalt an diesem Ort offenbar zu langweilig, und so entschloss er sich, mal ein wenig die nähere Umgebung zu erkunden. Er verschwand unbemerkt von der schlafenden Familie hinter einem Fels in westliche Richtung. Kurze Zeit später erwachte eines der Elterntiere, reckte und streckte sich, gähnte kräftig und machte sich auf, in östliche Richtung davon zu traben. Wie von Geisterhand geweckt sprangen nun alle anderen Wölfe ebenfalls auf und folgten dem Alttier. Nach einer Weile kam der gelangweilte Abenteurer zum Lagerplatz zurück, von dem sich alle anderen in eine andere Richtung verabschiedet hatten und machte einen wirklich verwunderten Eindruck, als er niemanden von seiner Familie vorfand. Hätte er die Ruhe bewahrt, dann hätte er mit Sicherheit der Fährte des Rudels folgen können, aber er war noch so jung und unerfahren, dass er nur eine Möglichkeit sah, etwas gegen seine Verlustängste zu unternehmen: Er heulte los. Für mich ist es etwas Wunderschönes, etwas kaum in Worte zu fassendes, einen in Freiheit lebenden Wolf heulen zu hören. Doch es kam noch besser – aus Osten stimmte das Rudel ein und ein Chorheulen legte sich über das Winterland. Momente, die mit Geld nicht zu bezahlen sind... Doch bevor ich weiter ins Schwärmen gerate, sei erzählt, dass der junge Wolf und seine Familie sich durch das Heulen wiederfinden konnten. Das Heulen war also ganz klar eine Reaktion auf die Trennungsangst des Jungtieres, natürlich in Kombination mit lautstarker Kommunikation über eine größere Entfernung.  
Aber das sind ja Wölfe und keine Hunde, werden jetzt einige sagen. Stimmt natürlich, aber eine weitere  Beobachtung wird verdeutlichen, dass sich Wölfe und Hunde in diesem Punkt nicht sehr unterscheiden. Meine Hündin Koka stammt aus dem Tierschutz, ich musste sie vom Flughafen abholen, als sie aus Spanien kommend in Deutschland eintraf. Koka hatte die letzten zwei Jahre mit ihrem jüngeren Bruder zusammen auf einer Finca gelebt. Leider konnten die Hunde nicht gemeinsam vermittelt werden, auch meine Aufnahmekapazität war mit ihr allein erschöpft. Koka kam nun also in einer Transportbox am Flughafen Düsseldorf an, ihr Bruder in einer weiteren Box. Noch konnten die Hunde sich sehen, aber natürlich entsprach es dem Lauf der Dinge, dass ich Koka mitnahm und ihr Bruder seinen Weg in sein neues Zuhause antrat. Als Koka dann in meinem Auto war, begann sie zu heulen. Sie heulte eine Stunde (!) lang exakt so, wie der junge Wolf in Yellowstone. Sie heulte herzzerreißend und ihr einziges Anliegen dabei war, Kontakt zu ihrem Bruder aufzunehmen. Sie fühlte sich allein ohne ihren Gefährten, ja überhaupt ohne ein bekanntes Lebewesen. Es wäre geradezu absurd anzunehmen, dass sie mich in dieser Situation dominieren wollte. Heute ist Koka eine sehr selbstbewusste Samojedendame, die in meinem zweiten Hund Puzzel einen wundervollen Partner gefunden hat, aber am Anfang hat sie ihrem Trennungsschmerz durch das Heulen sehr deutlich Ausdruck verliehen. 


Hunde sind soziale Lebewesen, die von ihrer ganzen Anlage her dazu bestimmt sind, in einer Gemeinschaft zu leben. Sie gewöhnen sich an ihre Gefährten, mögen und lieben sie vielleicht. Aber auf jeden Fall fühlt sich ein Hund in der Gemeinschaft sicherer als allein. Allerdings sind Hunde auch sehr schlaue und anpassungsfähige Lebewesen und so gibt es sicher einige Vertreter unserer besten Freunde, die lernen, dass der Mensch sich um sie kümmert oder sie zumindest nicht allein lässt, je mehr Theater sie machen. Man spricht in diesem Fall vom so genannten aufmerksamkeitsheischenden Verhalten, dass sich allerdings nur entwickeln kann – und dies ist enorm wichtig! – wenn der Mensch ihm nachgibt. Das kann also bedeuten, dass ein Hund, der jault und deswegen nicht alleingelassen wird, dieses Mittel in Zukunft bewusst einsetzt, denn er hat über Verknüpfung gelernt: Wenn ich dies und jenes tue, lässt mein Mensch mich nicht allein. Dies bedeutet aber doch nicht, dass die Absicht des Hundes von Anbeginn war, seinen Menschen dominieren zu wollen! Die Absicht des Hundes bestand viel mehr darin, seiner Trennungsangst Ausdruck zu verleihen, eine Angst, die er tatsächlich empfindet und die übrigens biologisch sinnvoll, wenn auch für uns Menschen lästig, ist, denn in der freien Natur ist es für die rudelbildenden Kaniden äußerst wichtig, eventuell überlebenswichtig, den Anschluss an die Gemeinschaft nicht zu verlieren.  

Nun werden einige Kritiker fragen, warum der junge Wolf aus dem Nationalpark dann allein losgezogen ist. Die Antwort ist ganz einfach: Im Gegensatz zu unseren Haushunden ist er nicht eingesperrt und kann sich jederzeit entscheiden, zu seiner Familie zurückzukehren. Diese Situation ist bei weitem nicht so beängstigend wie die, der unsere Haushunde ausgesetzt werden, wenn sie ohne entsprechendes Training einfach allein zurück gelassen werden und  ihre Instinkte diesen Zustand mit Angst beantworten. Und bei dem in dieser Situation abgesetzten Urin handelt es sich auch nicht um ein „Protestpinkeln“. Mal ehrlich, wie wahrscheinlich ist denn, bei gesundem Menschenverstand betrachtet, die Annahme, dass ein Hund mit dem Gedanken in die Wohnung pinkelt „Jetzt ärgere ich mal meinen Besitzer und der muss schön putzen, wenn er nach Hause kommt. Da sieht er dann, was er davon hat...“?! In Stresssituationen – und in der befindet sich der allein gelassene Hund voller Angst – produziert der Körper vermehrt das Hormon Aldosteron, das für den Wasserhaushalt im Körper zuständig ist. Deshalb muss der Hund – und übrigens auch wir Menschen – vermehrt urinieren, wenn er sich sehr aufregt. Dies ist der häufigste Grund, weshalb ein Hund in die Wohnung uriniert, wenn er allein gelassen wird. Ein anderer wäre, dass er zu lange allein gelassen wird oder vorher nicht ausreichend lange Gassi geführt wurde, was zur Folge hat, dass seine Blase einfach voll ist und er den Urin nicht mehr zurückhalten kann... was nicht gerade für ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein des Halters gegenüber seinem Tier spricht.  
Zusammengefasst kann man also sagen, dass Hunde durchaus lernen können, allein gelassen darauf zu vertrauen, dass ihr Mensch zu ihnen zurückkehrt. Aber, wie gesagt, sie müssen es erst lernen und ihnen dabei durch entsprechendes Training zu helfen, liegt in unserer Verantwortung. Trennungsängste als nicht existent zu bezeichnen oder geschweige denn eine vermeintliche Dominanzstrategie hinter den verzweifelten Versuchen des Hundes zur Kontaktaufnahme zu sehen, spricht nicht dafür, vom Wesen des Hundes wirklich etwas verstanden zu haben.
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Diese und weitere "Weisheiten" aus der Welt der Hunde findet man in meinem Buch
 "Da muss er durch"

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Stillgestanden!

Um es vorweg zu sagen: Ich habe nichts gegen Hundeschulen, wenn sie seriös und qualifiziert geleitet werden und der Betreiber Mensch und Hund achtet und in ihrer Würde respektiert. Ich bin auch selbst in diversen Verbänden organisiert, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Qualität von Hundeschulen, Hundepsychologen und weiteren „Hundeexperten“ zu verbessern. Aber leider gibt es im deutschsprachigen Raum immer noch Hundetrainer oder Hundevereine, bei denen mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft, wenn ich nur deren Namen höre …
Vor einiger Zeit erwähnten Kunden von  mir immer wieder eine bestimmte Hundeschule, wo es recht hart zugehen musste. Viele hatten sich bei mir eingefunden, weil ich ihren Hunden helfen sollte, die nach Besuch dieser Hundeschule deutlich verunsichert waren. So nahm ich mir eines Tages vor, mir diesen Betrieb einmal anzusehen. Gedacht, getan. Ich meldete mich unter falschem Namen und ging mit einem Hund, den ich mir ausgeliehen hatte, zum Trainingsplatz. Einen „geliehenen“ Hund nahm ich aus dem Grund mit, weil dieser komplett unausgebildet war und außerdem einen solch ruhigen und gelassenen Charakter hatte, den nichts erschüttern oder aus der Ruhe bringen konnte. Damit unser Inkognito-Status gewahrt bleibt, nennen wir den Hund hier einmal Mike, seine wahre Identität möchte der Mischling nicht bekanntgeben.
Mike und ich traten also unseren „Undercover-Einsatz“ an, der uns zum Training in die berüchtigte Hundeschule führte, bei der wir einen Anfänger-Kurs gebucht hatten. Noch drei weitere Mensch-Hund-Paare nahmen an diesem Kurs teil: Da war die nette Familienmutter, Frau F., die sich, nachdem die Kinder aus dem „Gröbsten“ waren, ihren Kindheitswunsch erfüllt hatte und den ersten eigenen Hund, einen 2-jährigen Labrador, mitgebracht hatte.
Der zweite Mann der Truppe, Herr G., war Rentner und hatte bereits den 5. Dackel in seinem Leben. Aber dieser war der erste, der Probleme machte, darum hatte Frau G. ihren Mann überredet (oder es ihm befohlen?), eine Hundeschule zu besuchen. Und – last, but not least – gab es eine junge Dame um die 20, Frau H., die sich ihren ersten Hund zugelegt hatte, nachdem sie daheim ausgezogen war. Es war ein Rhodesian Ridgeback, eine afrikanische Hunderasse, groß und kräftig und gezüchtet, um südafrikanische Farmen zu bewachen und die Farmer auf der Jagd, z. B. der Löwenjagd, zu begleiten. Die lebhaften Hunde, die trotz ihrer ursprünglichen „Verwendung“ einen sensiblen Charakter haben, sind leider „modern“. Dieser Mode war auch Frau H. verfallen. So hatte diese zierliche Person, ca. 1,60 groß und mit einem geschätzten Gewicht von ca. 50 kg ausgestattet, nun einen Rhodesian Ridgeback an der Leine …
Wir warteten voller Spannung auf die große Meisterin – die Hundeschule wurde von einer Frau geleitet –, die uns beibringen sollte, wie wir Hunde erziehen müssen. Wir warteten am Eingangsbereich des Hundeplatzes, bis plötzlich die Tür einer Holzhütte energisch aufgeschlagen wurde, die am anderen Ende des Platzes stand. In der Tür tauchte eine Frau auf, die mir schon auf den ersten Blick solch frostige Humorlosigkeit entgegenwarf, dass ich eine Gänsehaut bekam. Sogar Mike, meine Undercover-Hund, der eigentlich die Ruhe selbst war, stand auf (er hatte sich beim Warten zuvor gelangweilt ins Gras gelegt) und schaute sich die Gestalt, die da aus der Hütte kam, ganz genau an.
Die Frau schritt in unsere Richtung, während ein eiskalter Hauch ihr vorauseilte.  Sie kam auf uns zu, als würde sie von einer Leine gezogen, ihr Schritt erinnerte mich an den der Soldaten bei Militärparaden, wie man sie früher von Bildern aus der DDR oder der Sowjetunion kannte. Gleichsam im Stechschritt marschierte die Hundetrainerin auf uns zu. Gebannt starrten die Menschen in ihre Richtung; auch sie spürten, dass von der Frau etwas Bedrohliches ausging, zeigten aber ihre Verunsicherung nicht. Die Hunde wurden nervös, waren aber weitaus ehrlicher in der Beurteilung des ersten Eindrucks ihrer Lehrerin. Der Ridgeback, Rambo, demonstrierte in seiner vorsichtigen, sensiblen Art deutlich, dass dieser Tag nun wirklich nicht zu seiner Lebensplanung passte. Ohne den Schulalltag ernsthaft kennengelernt zu haben, wollte er den Hundeplatz beim Anblick der Trainerin sofort wieder verlassen. Er klemmte die Rute ein und machte einen energischen Sprung in Richtung des Fahrzeugs, aus dem er vor wenigen Minuten herausgekommen war. Seine Besitzerin hatte alle Mühe, das Tier zu halten. Der Dackel mit dem klassischen Namen Waldi (irgendwie schön, dass es auch noch klassische Namen gibt – ich fürchte allerdings, bald heißen Hunde auch Kevin, Lukas oder Lena J) war weniger vorsichtig als Rambo und nahm offensichtlich an, eine gesunde Offensive würde die unfreundliche Frau verscheuchen. Er bellte und drohte. Ein flüchtender Ridgeback und ein kämpfender Dackel – wie schön, dass beide ihre Kräfte so gut einschätzen konnten ... Ein großer Hund unterschätzt diese nämlich manchmal, während bei einem kleinen eher das Gegenteil der Fall ist.
Nach einer knappen Begrüßung der Hundetrainerin, Frau J., wurde wir in Reih und Glied nebeneinander auf dem Platz positioniert. Frau J. erklärte uns nun, dass Hundeerziehung nichts weiter als Disziplin sei, dazu gehöre auch, dass wir uns ihren Anweisungen zu fügen hätten und nicht ständig alles hinterfragen sollten. „Das ist so in Mode gekommen“, sagte sie in selbstsicherem Ton. „Na das soll mir ja was werden“, dachte ich bei mir und beobachtete sehr interessiert die anderen Teilnehmer. Besonders fiel mir die zierliche Frau H. mit ihrem Ridgeback auf, die inzwischen ähnlich unsicher wirkte wie Rambo, aber auch bemüht war, alles richtig zu machen. Als hätte ich es geahnt, wurde Frau H. als erste persönlich von der Trainerin angesprochen.
„Sie mit dem Löwentöter, kommen Sie mal her“, sagte Frau J. in harschem Ton.
„Ich?“, entgegnete die Besitzerin von Rambo, die nun noch mehr verunsichert war.
„Ja natürlich Sie! Oder denken Sie, der Mischling da könnte Löwen töten“, fauchte J. und deutete auf mich und Mike, den das aber nicht zu interessieren schien.
Zögernd ging Frau H. mit ihrem Hund (der übrigens sicher keine Löwen töten könnte, dafür wurde er auch nie gezüchtet; lediglich stellen sollte er sie) zur Trainerin. Die ganze Szenerie erinnerte mich an die amerikanischen Militärfilme, in denen Ausbilder ähnliche psychologische Mittel einsetzen, sich eine schwache Person aussuchen, die die vermeintliche Macht nicht in Frage stellt, und diese vorführen, um andere, die sich nicht so leicht vorführen lassen, vorzuwarnen. Als Frau H. mit ihrem Hund bei der Trainerin angekommen war, sagte diese in ihrem hochcharmanten Militärton:
„Bringen Sie den Hund mal ins „Platz“!“
„Aber das kann er noch nicht, deswegen sind wir ja hier“, stammelte die inzwischen komplett eingeschüchterte junge Frau.
„Gut, ich zeige Ihnen mal, wie man einem Hund das in Sekunden beibringt!“ 
Ich war gespannt, wie sie dem Hund vermitteln wollte, sich hinzulegen. Eigentlich ist das nicht schwer: Wenn man sie aus sitzender Position mit etwas Nahrung an der Nase in Richtung Boden leitet, legen sich die meisten Hunde hin. Sagt man in dem Moment dann noch „Platz“ und gibt ihnen die Nahrung sofort, verknüpfen sie recht schnell das Wort „Platz“ mit der Tätigkeit des Hinlegens. Natürlich dachte ich, Trainerin würde das jetzt auch so oder ähnlich vorführen. Doch weit gefehlt! Frau J. ging neben den Hund in die Hocke, griff unter dem Bauch des Tieres durch an die Beine der gegenüberliegenden Seite. Dann zog sie einmal kräftig an den Beinen des Hundes, der dadurch auf die Seite fiel. Der sowieso schon unsichere Ridgeback wusste nicht, wie ihm geschah, und wollte aufspringen, um vor der für ihn völlig unverständlichen Situation zu flüchten. Aber was machte Frau J. jetzt? Sie kniete sich auf den liegenden Hund, so dass dieser nicht aufstehen konnte. Und dazu brüllte sie „Platz“ – solange, bis der Hund nicht mehr zappelte und ruhig am Boden lag.
Ich gebe offen zu, dass ich schon eher hätte eingreifen müssen, aber nun blieb mir nichts anderes übrig: Diese inkompetente Behandlung des Hundes konnte ich nicht länger ertragen. Obwohl ich genau wusste, dass ein Eingreifen nur dazu führen würde, dass ich des Platzes verwiesen würde und ich dann keine weiteren Fakten mehr sammeln konnte, beendete ich die Vorführung mit einer Frage an Frau J.: „Das funktioniert ja toll! Können Sie mir das bei meinem Hund auch einmal zeigen?“
„Sicher“, grunzte Frau J., „kommen Sie her!“
Ich ging mit Mike zu der Trainerin, die in dem Moment den armen Ridgeback losließ. Mike wurde von mir positioniert, während er mich sehr fragend anschaute, und Frau J. ging in die Hocke, wie sie es schon zuvor demonstriert hatte. Bevor sie jedoch Mike anfassen konnte, nutzte ich ihre schwache Standfestigkeit, die sie in dieser Position hatte, aus, griff an ihre Schulter und schubste sie um. Sie kullerte auf den Rücken und wirkte dabei ziemlich hilflos. Ich kommentiere meine Handlung mit einem „Platz“, nahm Mike und verließ diese Hundeschule, natürlich nicht, ohne eine wahre Schimpfkanonade der Trainerin hinter mir zu hören.
Dieser kurze Einblick in die Arbeitsweise der Hundetrainerin bestätigte mir, was ich über den Betrieb gehört hatte. Hier wurden die Hunde ausschließlich über Gewalt und Einschüchterung „ausgebildet“ – es wunderte mich nicht, warum so viele ehemalige Kunden dieser Dame bei mir vorstellig wurden, Sie hatten stark traumatisierte Hunde, was das Ergebnis dieser Hundeschule war. Warum eine solche Art der „Hundeausbildung“ wirklich idiotisch ist, werde ich in einem späteren Kapitel näher erläutern. Was mich aber rein (human-)psychologisch fasziniert, ist die Tatsache, dass sich Menschen, die auch noch Geld dafür bezahlen, von vielen Hundetrainern wie den letzten Dreck behandeln lassen. Sicher hat das etwas mit Gruppenzwang zu tun. Menschen entwickeln gern eine gewisse Konformität in einer Gemeinschaft, obwohl sie möglicherweise anders denken. Sie wollen einen guten Eindruck hinterlassen, haben Angst vor Ablehnung und fühlen sich daher nicht wohl, wenn sie sich gegen eine Mehrheit stellen. Unfähige Gruppenleiter nutzen das oft aus, indem sie die vermeintlich schwächsten Mitglieder schikanieren oder vorführen, wie das bei der jungen Dame mit dem Ridgeback geschehen war. So macht man sich Gruppen gefügig. Das hat dann auch zur Folge, dass eine Einrichtung wie in diesem Fall die Hundeschule nach außen hin als kompetent verkauft wird. Niemand will sich eingestehen, Mitglied einer Gruppe gewesen zu sein, die solch eine Abneigung hervorruft. Das ist ein Bestandteil menschlichen Verhaltens und leider auch anzutreffen bei Hundeschulen, die nicht so schlecht arbeiten wie Frau J.
Ich kenne einige Hundetrainer, die zwar korrekt mit Hunden umgehen, die Menschen aber ähnlich behandeln,  wie Frau J. das getan hat.
Ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Wahl einer Hundeschule ist daher für mich ganz klar der korrekte Umgang mit Hund UND Mensch. Darauf sollten Sie immer achten. Glauben Sie mir: Als ich Frau J. auf den Rücken kugelte, hatte ich keine Angst vor Ablehnung durch die Gruppe, ich empfand nur eine tiefe Abneigung für die Frau.
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Diese und weitere Geschichten aus meinem Alltag mit Hunden und Menschen finden Sie hier:



Alle Zeichnungen von Zapf:

Samstag, 22. Oktober 2011

Wer von Wattebäuschen redet hat oft weiche Argumente…

Machen wir uns nichts vor. Wenn man in Deutschland (aber auch z. B. in Luxemburg, Österreich oder der Schweiz) von den „richtigen Wegen“ in der Hundeerziehung spricht, geht es schon lange nicht mehr um Hunde. Sicher, die Hunde sind wichtige Statisten in diesem inzwischen schlechten Schauspiel von Dorfbühnencharakter. Aber sie sind nicht nur die Statisten, sondern in erster Linie die Leidtragenden. Die Leidtragenden der menschlichen Auseinandersetzung darum, wer denn nun schlauer ist oder mehr „Recht“ hat, wenn es um Hundeerziehung geht. Ein Großteil der veröffentlichten Bücher und der veröffentlichten Artikel in Hundefachzeitschriften dreht sich letztlich um das Thema. Oft geschickt versteckt, manchmal offen angesprochen. Es geht dabei, wenn man sich der Sache einmal von der Psychologie des Menschen her annähert, wie gesagt nur am Rande um den Hund. Der Hund wird praktisch als Vehikel der inneren Konflikte der menschlichen Gesellschaft angesehen. Ich möchte daher an dieser Stelle nicht auf Erziehungsmethoden etc. eingehen, sondern möchte einmal aufzeigen, welche menschlichen Beweggründe hinter dieser Auseinandersetzung stecken. Der Mensch ist von seiner Psyche so angelegt, dass er auf der einen Seite gern einmalig, individuell sein möchte. Aber auch innerhalb einer sozialen Gemeinschaft akzeptiert und respektiert. Ein Wiederspruch? Natürlich – aber wir sprechen hier ja vom Menschen…
Der Mensch möchte einzigartig und gleichzeitig sozial kompatibel sein
Der Mensch möchte also immer seine Individualität, seine Einzigartigkeit unter Beweis stellen. Das hat den Grund, das eigene Selbstwertgefühl zu steigern – und somit das Vertrauen in die eigene Person und in die eigenen Handlungen. Es ist aber für das soziale Lebewesen Mensch auch wichtig, sich innerhalb einer sozialen Gruppe zurechtzufinden und sich anzupassen. Diese auf den ersten Blick verwirrende Verhaltensweise des Menschen begründet z. B. Verhaltensweisen wie Modetrends – kommt eine neue Mode auf, wird sie zunächst von wenigen, die ihre Individualität zeigen können „ausgelebt“ – aber gleichzeitig werden wieder „Gleichgesinnte“ gesucht, damit eine soziale Zugehörigkeit gefunden wird. Und so lösen sich Trends um Trends ab…
Fehler eingestehen fällt Menschen schwer
Nun gesteht sich der Mensch allerdings, wenn er sich für einen Trend oder insgesamt für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe mit einer bestimmten Aussagekraft entschieden hat, sehr ungern einen Fehler bei der Entscheidung ein. Denn das Eingestehen einer Fehlentscheidung fällt Menschen außerordentlich schwer.
Wozu dieser Ausflug in die menschliche Psyche? Nun, wenn man sich diese menschlichen Verhaltensmuster einmal näher anschaut, kann man vielleicht besser verstehen, warum die Hundeszene so, sagen wir es freundlich, „merkwürdig“ ist. Auch hier werden täglich neue Trends „geboren“, und wenn jemand sich für den neuen Trend entschieden hat, gesteht er sich nur schwer ein, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sein könnte. Und hier geht es nicht nur um das „Rechthaben“, nein es ist noch das anvertraute Lebewesen Hund mit einbezogen. Sprich, eine Fehlentscheidung wiegt schwerer, als wenn es nur um einen selbst gehen würde. Man gesteht sich also eine Fehlentscheidung sowieso schwer ein, wenn man aber noch eingestehen soll, dass der Umgang mit dem Hund nicht optimal war, fällt es noch schwerer. Weil die  mögliche persönliche Fehlentscheidung ggf. negative Auswirkungen auf den Hund haben könnte, wird oft vehement an der Meinung festgehalten. Damit man nicht zugeben muss, vielleicht dem Hund geschadet zu haben. Das ist einer der Erklärungsversuche, warum die „Fronten“ in der Hundeszene so verhärtet sind. Wie gesagt, der Hund ist da oft zweitrangig – es geht dem Menschen vordergründig darum, dass er sich gut fühlt, weil er das „Richtige“ für den Hund getan hat.
Das  eigene Wohlgefühl
Gut, um sich selbst das Gefühl zu verschaffen, gutes für den Hund zu tun und recht zu haben, was die Bedürfnisse des Hundes sind und wie man ihn „artgerecht“ erziehen kann, werden teilweise recht unfaire Mittel angewendet. Eines dieser unfairen Mittel ist die Verwendung von Wörtern wie „Wattebausch“, „Heititei-Fraktion“ oder „Gutmensch“.
Diese Wörter sind, obwohl von ihrer ursprünglichen Bedeutung her eigentlich neutral, heute in bestimmten Kontexten negativ belegt. Wenn man in der Hundeerziehung von Wattebauschmethoden oder Wattebauschtrainern spricht, werden die so betitelten Menschen und Methoden als „zwar gut gemeint“, aber doch auch naiv und weltfremd dargestellt. Ohne näher zu erläutern, was man eigentlich damit meint, wird jeder, der sich z. B. weigert, seinen Hund „mal härter anzufassen“, pauschal als Wattebausch verunglimpft – auch um z. B die eigene Methode, den eigenen Umgang mit dem Hund zu rechtfertigen (siehe Artikelanfang). 
Populistische Nutzung negativ belegter Begriffe
Worte zu nutzen, die eigentlich relativ neutrale, oder sogar von der Urbedeutung her positive Bedeutungen haben und negativ zu belegen ist ein uraltes Stilmittel des Populismus, der letztlich darauf ausgerichtet ist, Mehrheiten zu beeinflussen um eigene Ziele, auch Machtziele, durchzusetzen. Als Beispiel, zum besseren Verständnis könnte man hier z. B., mal ganz weit weg von den Hunden, das Wort „Kopftuch“ nennen. Ohne mich hier auf andere Felder begeben zu wollen, wurde vor nicht allzu langer Zeit dieses Wort in einem Buch sehr populistisch genutzt. Ein deutscher „Zahlenjongleur“ wollte anhand von Statistiken die Zukunft der deutschen Gesellschaft voraussagen und sah diese speziell von diversen Minderheiten bedroht, von denen einige einer Religionsgemeinschaft angehören, wo Frauen manchmal Kopftücher tragen. In diesem Buch wird immer wieder das Wort Kopftusch genannt – und das ist ein klassisches Wort, welches negativ belegt ist. Die Gesellschaft ist in einem bestimmten Kontext negativ auf dieses eigentlich neutrale Wort „konditioniert“. Alles, was letztlich mit diesem Wort in Zusammenhang gebracht wird, wird also auch negativ belegt. Schlicht ausgedrückt – egal welchen Text ich nehme, wenn oft genug „Kopftuch“ genannt wird, wird er negativ belegt. Genauso wie in dem genannten Buch im Zusammenhang mit dem Wort Kopftuch ganze Volksgruppen und Religionen pauschal negativ dargestellt werden – ohne dies direkt zu tun. Das negative belegte Wort stellt den Bezug her. Da ist es ganz egal, ob ggf. die ein oder andere statistische Wahrheit in dem Buch genannt wird. Der Stil ist populistisch, pauschal und nicht differenziert. Auf gut deutsch: Der Stil ist schlecht und einer fairen Auseinandersetzung mit einem Thema nicht würdig. 
Wattebausch schlechter Stil
Ähnlich ist es mit dem Wort Wattebausch. Wie schon erläutert ist es ein Wort, welches negativ belegt ist und denjenigen, der so betitelt wird, letztendlich in ein schlechtes Licht rücken soll.
Übrigens, das Wort wird sehr pauschal benutzt, und meist tatsächlich dafür verwendet, jemanden herabzusetzen, der anderer Meinung ist, als man selbst. Es gibt keinerlei Differenzierung rund um den Begriff. Meiner Meinung nach wird der Begriff heute inflationär genutzt und wenn er eingesetzt wird geht oft jegliche Sachlichkeit verloren.
Selbstverständlich gibt es viele andere Begriffe, die negativ belegt sind und populistisch oder auch in polemischem Kontext genutzt werden. Um im Hundebereich zu bleiben, könnte man hier noch Worte wie „Hardliner“ oder aber ganz harte wie „Tierquäler“ anführen. Die haben aber einen entscheidenden Unterschied zum Wattebausch. Sie sind in Ihrer Aussage klar und im Fall von Tierquäler auch eindeutig beleidigend, auch vor dem Gesetz. Vom psychologischen Sinn her ist Wattebausch aber genauso beleidigend, es soll den Kontrahenten herabwürdigen und bloßstellen. Oft, weil geeignete Argumente fehlen und man so eine sachliche Auseinandersetzung vermeiden, bzw. umgehen möchte. Wenn also jemand in Zusammenhang mit Hundeerziehung andere als „Wattebäusche“ betitelt, ist das ein ganz schlechter Stil. Oder eine Flucht in die Polemik wenn die eigenen Argumente weich wie Watte sind…
Natürlich gehören populistische Elemente und auch Polemik in jede Diskussion, jeder versucht mit ähnlichen psychologischen Mitteln seine Interessen oder Ideologien durchzusetzen. Ein gewisses Niveau sollte man aber nicht unterschreiten. Die Respektlosigkeit des Wattebauschbegriffs unterschreitet meiner Meinung nach aber dieses Niveau – weil es eben fast immer vollkommen undifferenziert und pauschal genutzt wird. 
Versteckter Begriff als Gewinnspiel
Zum Abschluss meines Ausflugs in die menschliche Psyche, möchte ich Sie nach dieser schweren Kost noch zu einem kleinen Gewinnspiel einladen. Wie gesagt, gibt es noch viele weitere negativ belegte Begriffe innerhalb menschlicher Auseinandersetzungen. Und sie gehören zur menschlichen Kultur und Psyche, wenn sie nur nicht so undifferenziert und pauschal genutzt werden, wie der „Wattebausch“. Ich nutze innerhalb dieses Artikels einen Begriff, der negativ belegt ist, der eine populistische Wirkung hat und der von seiner ursprünglichen Bedeutung eher neutral ist. Gemeint sind an dieser Stelle nicht „Kopftuch“ oder „Wattebausch“. Wenn Sie das Wort gefunden haben, tragen sie es in der Kommentarfunktion ein. Der erste Teilnehmer, der das richtige Wort einträgt, bekommt ein Exemplar der aktuellen CANISUND. Viel Spaß bei der Suche.
Und, bitte immer daran denken. Die Wattebauschargumentationen sind meist sehr weich ;-)


Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...