Mittwoch, 1. März 2017

Richtiges korrigieren mit der Wasserpistole


Wenn Hunde gegenüber Artgenossen Aggressionen zeigen, kann das viele Gründe haben. Wenn man den vielfältigen Gründen mit pauschalen Techniken begegnet, ist eine Korrektur notwendig…
Hunde gehen fremden Artgenossen gern aus dem Weg
Hunde, die ohne große Vorgabe von Menschen leben – Hunde in der so genannten „dritten Welt“, die noch recht ursprünglich sind, Straßenhunde in Europa, die meist aus ausgesetzten Haushunden hervorgehen. Diese Hunde gehen fremden Artgenossen meist aus dem Weg. Zwar gibt es Artgenossen, mit denen sie in einem sehr lockeren Gruppenverhältnis leben können, sie können vertraute Artgenossen in ihrem Umfeld tolerieren und sich ggf. auch mit ihnen anfreunden. Aber fremden Artgenossen wird in der Regel einfach aus dem Weg gegangen.
Zwangsgesellschaften mit Problempotential
Jetzt kann es sein, dass Hunde aus unterschiedlichsten Gründen mit fremden Artgenossen auf engem Raum leben müssen. Sei es, weil sie aus Tierschutzgründen in Tierheime gelangen, irgendwo in Europa. Und Hunde, die es draußen gewohnt waren, sich aus dem Weg zu gehen, plötzlich auf engem Raum leben müssen. Oder, bei unbedarfter Mehrhundehaltung, wo Hunde manchmal auch auf engstem Raum leben, ohne für die Psyche lebenswichtige Auszeiten voneinander zu bekommen.
Schlechte Erfahrungen mit Artgenossen
Wenn Hunde also gezwungen sind, auf engstem Raum, ohne Rückzugsmöglichkeiten und Auszeiten voneinander zu leben. Dann können sie diverse Erfahrungen mit Artgenossen machen. Mobbing kommt dann gar nicht so selten vor. Wenn hochentwickelte Lebewesen wie Hunde zu viel Zeit auf engem Raum mit Artgenossen verbringen müssen, und das soziale Geplänkel die Hauptbeschäftigung des Tages darstellt. Dann kommt es oft dazu, dass ein schwaches Individuum der Zwangsgruppe gemobbt und geprügelt wird. Von der Gruppe. Das ist der psychologische Effekt, dass diejenigen, die mobben, sich gut fühlen. Die Mobber ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Gemobbten haben. Das kommt übrigens bei Menschen auch vor. Was heißt es kommt vor – es gehört leider zur Verhaltensgrundausstattung von Menschen…
Ein gemobbter Hund, der so mit anderen zusammenleben muss, entwickelt daher oft die Strategie, sich die anderen durch bellen, schnappen und beißen vom Hals zu halten. Eine Überlebensstrategie, die nachvollziehbar ist.
Verteidigungsstrategie des Hundes
Hunde, die lange mit vielen Hunden auf engem Raum leben mussten, sei es aus Tierschutzgründen oder fragwürdiger Mehrhundehaltung. Solche Hunde haben nach meiner Erfahrung sehr häufig Probleme bei einfachen Hundebegegnungen. Sie möchten sich andere Hunde vom Leib halten, ihnen aus dem Weg gehen oder ihnen schon frühzeitig mitteilen, dass sie sich nicht annähern sollen. Meist möchten andere Hunde dieser Aufforderung auch nachkommen. Aber Menschen erkennen das vielfach nicht und schleifen die Hunde aufeinander zu. Eine Eskalation ist vorprogrammiert…
Es gibt noch viele andere Gründe, außer der Verteidigungsstrategie, warum Hunde andere Hunde nicht mögen, bei Begegnungen unfreundlich reagieren. Wie gesagt, es kann ein erlernter Schutzmechanismus sein, es können aber auch gesundheitliche Probleme vorliegen. Körperlicher Art, dass der Hund aufdringlichen Kontakt mit anderen Hunden meiden möchte, weil er bei Berührung Schmerz verspürt. Es können hormonelle Störungen vorliegen, die den Hund leichter „aus der Haut fahren lassen“ etc.
Welche Ursachen hat das Problem?
Wenn also ein Hundehalter mit einem Hund, der Probleme mit anderen Hunden hat, zu einem Hundetrainer kommt, muss dieser gründlich hinterfragen und forschen, welche Hintergründe das Problem hat, oder haben könnte. War der Hund vielleicht lange in einem ausländischen Tierheim in Gruppenhaltung, könnte er ein Mobbingopfer sein, ggf. stark traumatisiert. Es könnten auch gesundheitliche Probleme vorliegen usw.
Das machen aber leider nicht alle Hundetrainer. Viele gehen sofort zu einem Training über. Und davon nicht wenige zu direkten „Korrekturen“. Das hießt, wenn der Hund sich nicht so verhält, wie die Menschen das von ihm verlangen, wird er sanktioniert. Ohne Rücksicht auf die Vorgeschichte, auf die Ängste, die psychische Labilität, die möglichen Schmerzgründe etc.
Unnatürliche Konfrontation
Leider sieht man dann Bilder wie folgende: Hunde werden miteinander konfrontiert, an der Leine aufeinander zu bewegt. Gegen ihren Willen. Wie vorher erwähnt, könnten sie selbst entscheiden, würden die Hunde dieser Konfrontation vermutlich aus dem Weg gehen. Die Hundeexperten schleifen sie aber aufeinander zu – und, wenn der vermeintliche Problemhund die Annäherung durch bellen und knurren unterbinden möchte, bekommt er die Leine auf die Nase gehauen, wird in die Seite gezwickt oder gekickt. Oder ihm wird irgendeine Plastikflasche ins Gesicht geschlagen. Oder, oder – die „Korrekturen“ und die Korrigierer sind fantasievoll, wenn es darum geht, Hunden unangenehme Dinge anzutun.
Korrigieren ohne zu hinterfragen
Für mich sind diese Korrekturen, gerade bei Hunden, bei denen man überhaupt nicht die Hintergründe ihres Verhaltens kennt oder hinterfragt, sehr – milde ausgedrückt – fragwürdig. Klar, ggf. kann man das Verhalten dadurch unterbinden. Aber was geht in dem Hund vor? Wie muss er sich fühlen? Er möchte sich Hunde vom Hals halten, hat dafür in seinem Vorleben Strategien entwickelt. Die ihm nicht weiterhelfen, wenn der Mensch ihn an die Leine nimmt. Sein Frust, seine Furcht und seine Wut auf andere Hunde werden dadurch nicht weniger, wenn er eine Sanktion zu befürchten hat, wenn er anderen Hunden begegnet. Im Gegenteil, seine schlechte „Meinung“ von Hunden vertieft sich dadurch ja nur. Diese Korrekturen erweisen sich daher im Nachhinein nicht selten als Rohrkrepierer, gehen bisweilen auch nach hinten los. Auf jeden Fall lassen sie für den Hund in den vorher beschriebenen Fällen immer eine emotionale Welt untergehen. Keine Strategie hilft ihnen im Leben – und seinem Besitzer kann er auch nicht vertrauen…
Korrektur des Korrigierers

Ich rate daher Hundebesitzern, wenn sie eine Hundeschule besuchen, immer zu folgender Strategie: Falls Ihnen ein Experte bei Ihrem unsicheren Hund, der sich mit bellen und knurren andere Hunde vom Leib halten möchte, eine Korrektur mittels Leineschlagen, Kicken oder anderen Dingen vorschlägt. Dann ziehen Sie eine Wasserpistole (die Sie prophylaktisch bei jedem Hundeschulbesuch mitführen sollten – nicht für den Hund allerdings) und korrigieren Sie den Trainer, indem Sie das Wasser mitten in sein Gesicht „abfeuern“.
Genaues Timing ist wichtig
Wichtig ist da allerdings das Timing. Wenden Sie diese Korrektur beim Hundetrainer an, bevor er Ihren Hund „korrigieren“ konnte. Zwar wird Sie die entsprechende Dogdomina oder der Resterampenmacho des Platzes verweisen. Falls sie oder er das nicht macht, sollten Sie den Platz freiwillig verlassen. Im Interesse Ihres Hundes.
Suchen Sie sich lieber jemanden, der die Geschichte Ihres Hundes hinterfragt und weiß, wie man Ihrem Hund in den Problemsituationen ein alternatives Verhalten beibringt, welches ihm Spaß macht, gute Gefühle hervorruft und nicht Ängste und Wut verstärkt. Damit Sie sich gut fühlen, weil Sie wissen, dass sich Ihr Hund gut fühlt…

Dienstag, 7. Februar 2017

Tagesablauf für Hunde

Riepes Hundetalk läuft nun schon seit 5 Jahren im TV beim lokalen Kabelsender NRWISION. Im Jubiläumsjahr der Sendung möchte ich einige Folgen bei "Klartext Hund" noch einmal vorstellen.

Heute:

"Tagesablauf für Hunde" mit Maria Hense aus 2012


Montag, 30. Januar 2017

„Bissige Tierheimhunde“ durch zu wenig Grenzen produziert? Ungeprüfte "Fakten" finden Verbreitung

In der „Hessenschau“ vom 29.1.2017 ist ein Artikel online zu finden, in dem es darum geht, dass angeblich immer mehr bissige Hunde im Tierheim landen. Dass Hunde, die abgegeben werden heute problematischer seien, als früher. Das steht dort erstmal als reine Behauptung. Ob es dazu verlässliche Zahlen und Daten gibt, bleibt offen. Als Gründe für diese Behauptung wird dann pauschal die nächste Behauptung aufgestellt. Dass der alleinige Grund für problematische bis bissige Hunde die Halter seien, die keine Grenzen setzen. Sich nicht mehr trauen würden, ein „Nein“ durchzusetzen, wodurch es eskalieren würde. Laut dem Artikel hat man den Eindruck, dass Hundeprobleme ausschließlich durch mangelnde Grenzen entstehen würden.

Aggressionsgrund Schmerzausbildung
Dabei stelle ich immer wieder fest, dass in meinem Kundenkreis bissige Hunde eher durch genau das Gegenteil „produziert“ werden. Durch Härte, weil sich der Hund aus Selbstverteidigung genötigt sieht, sich zu wehren und zu beißen. Mit dem Lerneffekt, dass er sich so die unfreundlichen Menschen vom Hals halten kann. Oder die Aggression hat ihren Anfang in einer Schmerzausbildung, die angewendet wird, um die „Grenzen“ durchzusetzen. Die Aggression ist eine Reaktion auf Schmerz.
Aggressionsgrund falsche Beschäftigung
Unnatürliche Aggression kann auch an unsachgemäßer Haltung liegen, zum Beispiel zu wenig Ruhephasen und zu viel Beschäftigung und Aktion im Hundeleben. So dass das Hormonsystem sich nicht mehr ausgleichen kann. Das Stresssystem „entgleisen“ kann, der Hund dünnhäutiger wird. Leichter reizbar – verursacht durch unsachgemäße Haltung und Beschäftigung. Nicht durch mangelnde Grenzen…

Aggressionsgrund Krankheit

Weiter ist ein sehr häufiger, und oft schlicht nicht beachteter Faktor für Hundeaggressionen, eine Krankheit. Von unerkannten und unbeachteten Gelenk- und/oder Muskelbeschwerden, chronischen Entzündungen bis zu krankheitsbedingten hormonellen Ungleichgewichten. Die Möglichkeiten von krankheitsbedingten Aggressionen sind vielfältig.
Pauschale Grenzsetzung zu kurzsichtig gedacht
Die vielfältigen Möglichkeiten, warum ein Hund aggressiv sein kann, werden in dem Artikel vollkommen verschwiegen, und pauschal die nicht gesetzten Grenzen als Alleinursache genannt. Und dem Internetuser als Fakten präsentiert. Ich gehe auf solche Artikel eigentlich nicht mehr ein. Und möchte auch nicht die Hessenschau bzw. mögliche Experten direkt kritisieren.
Zeitung braucht Schlagzeile
Ich weiß, wie solche Artikel entstehen, Expertenaussagen oft aus dem Zusammenhang gerissen werden und die Zeitung eine Schlagzeile braucht. Ich möchte nur ein kleines Gegengewicht zu der dort getätigten, pauschalen Behauptung setzen. Warum ein Hund problematisch wird, kann viele Gründe haben. Pauschale „Wahrheiten“ sind meist verdächtig…

Donnerstag, 17. November 2016

Wenn der Hund sich nicht anfassen lässt. Eine Frage der „Rudelführung“?


Ich versuche immer mein Wissen und meinen Horizont zu erweitern. Im beruflichen Bereich, im „Hundebereich“, bilde ich mich vielfältig weiter, auch mittels seriöser Fachzeitschriften. Publikumsmagazine gehören aber weniger dazu. In den letzten Jahren habe ich gelernt, darin kaum noch zu lesen. Einfach aus dem Grund, weil ich mich zu oft ärgern musste. Meine Zeit ist mir zu schade, sie damit zu verbringen…
Nun gut, heute machte ich den Fehler und blätterte im Supermarkt doch in einem solchen Publikumsmagazin für Hunde. Und – Ihr werdet es Euch denken können. Ich hatte das Heft gerade aufgeschlagen und das Ärgern ging schon wieder los.
Steinzeittipps – Satire oder ernst gemeint?

In einem Artikel wurde darüber berichtet, wie man es erreicht, dass der Hund daheim nicht der Chef wird. Als ich den Artikel überflog dachte ich im ersten Moment, dass es sich um eine Satire handeln würde und bald die Aufklärung käme, wie es richtig gemeint sei. Dort wurde in schönstem Steinzeitwissen propagiert, dass der Mensch immer vor dem Hund essen müsste, der Hund nie vor dem Menschen laufe dürfe, der Mensch immer als erster durch Türen gehen etc. Weil der Hund sonst daheim die Rudelführung übernehmen würde. Unglaublich, ein Hundemagazin verbreitet solch einen Unsinn im Jahre 2017 als ernsthafte Tipps…
Herausragender Unfug
Ich möchte jetzt nicht auf alle unsinnigen Tipps eingehen. Aber einer stach selbst aus dem Unfug noch heraus.
Dort wurde behauptet, dass sich ein Hund zu jederzeit an jedem Ort von Menschen belästigen lassen müsse. Sich überall anfassen lassen. Und er nicht das Recht hätte, seinen Missmut darüber auszudrücken. Ein Hund, der sich nicht anfassen lassen wolle, wäre grundsätzlich dominant und wolle die Führungsrolle im „Rudel“ übernehmen. Nur der „Alpha“ dürfe belästigen.
Gesundheitliche Gründe pauschal verschwiegen
Was bitte ist mit Hunden, die ein körperliches Problem haben? Die Schmerzen aufgrund muskulärer Erkrankungen haben? Die Gelenk- oder Rückenprobleme haben? Die vielleicht schlechte Erfahrungen mit menschlichen Berührungen haben? Die geschlagen wurden? Die vielleicht an einer Kette oder mit Leinenruck drangsaliert wurden und im Halsbereich empfindlich sind? Was ist mit Hunden, die Augenprobleme haben und die Annäherung von der menschlichen Hand nicht richtig interpretieren können? Was ist mit Hunden, die Probleme mit den Analdrüsen haben und sich nicht im Bereich des Hinterteils anfassen lassen wollen? Was ist mit…? Ich könnte die Fragen, warum Hunde sich nicht anfassen lassen wollen noch sehr lange weiterführen. Aber das würde dann zu lang.
Sensibles Berührungstraining notwendig
Natürlich kann und sollte man mit einem sensiblen Training daran arbeiten, dass Hunde sich berühren lassen – was immer wichtig sein kann.
Es ist aber mehr als unsinnig, in einer Publikumszeitung pauschal zu behaupten, dass ein Hund, der sich nicht anfassen lassen möchte, ein Rudelführer sein möchte. Es gibt 1000 Gründe, warum ein Hund sich gegen menschliche Berührungen ausspricht. Dass er die Menschheit unterdrücken möchte, ist davon wohl der letzte. Der Allerletzte…

Dienstag, 8. November 2016

Vom Glück des angeleinten Hundes


In meinem inzwischen recht langen Berufsleben bei der Arbeit mit Menschen und Hunden hat sich folgendes immer wieder bestätigt. Man sollte nie pauschal denken, an keine Methoden glauben und sich vor allem in Hund UND Mensch hineinversetzen können. Und mit Übersicht quer denken…
So war es z. B. bei einem Fall, der eigentlich schon einige Jahre zurückliegt, der jedoch in meinen Augen sehr schön zeigt, was ich mit den vorher gesagten Worten meine.
Hund kann sich draußen nicht lösen
Eine Hundehalterin kontaktierte mich, weil ihr Hund sich auf dem Gassigang nicht löste, sondern sein Geschäft immer nur daheim, in der Wohnung erledigte. Also begleitete ich die Dame und ihren Hund, einen Beaglemix, bei einem Spaziergang. Der Hund lief dabei frei, war jedoch sehr angespannt, bewegte sich, mit recht aufrechtem und steifem Gang, ca. drei bis vier Meter vor dem Frauchen.
Der Hund lief also ohne Leine. War vermeintlich im Freilauf. Das Frauchen hatte den Hund gut trainiert, einen sicheren Rückruf mit der Pfeife etabliert. So schilderte sie es mir zumindest. Und sie verachtete alles, was mit Gewalt und Schreckreizen bei der Hundeausbildung zu tun hat. Sie hatte den Rückruf, nach ihren Worten positiv aufgebaut – Pfeifen, Leckerchen. Bis der Hund verstanden hatte, dass es ein Leckerchen gibt, wenn er zum Frauchen kommt. So weit, so gut.
Angespannter Freilauf
Zurück zum Gassigang. Wie gesagt, lief der Hund einige Meter vor seinem Frauchen, war aber auch sehr angespannt. Im Laufe des Spaziergangs, war eines, neben dem angespannten Hund, sehr auffällig. Immer, wenn der Hund etwas weiter voranlief, als den vom Frauchen geduldeten Abstand, nutzte sie den Rückruf per Pfeife. Worauf der Hund auch direkt zurückkam, sich sein Leckerchen abholte und dann wieder innerhalb des tolerierten Abstands vor Frauchen herlief. Bis er wieder etwas zu weit war…
Das passierte nicht übermäßig häufig, der Hund hatte den vermeintlich korrekten Abstand sehr gut im Gefühl. Aber während des ca. 30 minütigen Spaziergangs wurde er ca. 5 Mal zurückgerufen. Der Hund lief vermeintlich frei, war aber ständig in der Anspannung, dass er zurückgerufen werden würde und zum Frauchen laufen musste.
Signal anders verknüpft als gewollt
Wie gesagt, im Grunde bin ich ein Freund des Rückrufs über Pfeife. Aber auf eine gewisse Entfernung und auch nur selten benutzt – damit sich das Signal nicht abnutzt und außerdem positiv belegt bleibt. In diesem Fall, so nah beim Hund und sehr oft getätigt, war es ein Schreckreiz, ein unangenehmes Abbruchsignal. Ein Signal, auf das der Hund ständig wartete, wenn er ohne Leine lief. Die Anspannung wurde immer nur kurz unterbrochen, wenn der Pfiff ertönte und er sich sein Leckerchen holte. Daraufhin begann direkt wieder die Anspannung. Es war zwar von der Besitzerin gut gemeint, sie dachte, sie hätte dem Hund gewaltfrei, positiv verstärkt, den „Freilauf“ beigebracht. In Wahrheit aber war der Gassigang für den Hund eine stressreiche Geschichte unter Daueranspannung. Und diese Art der dauerhaften Anspannung ist für den Körper sehr  anstrengend – und natürlich auch für die Psyche. Ein weiterer Nebeneffekt ist in diesem Zustand der Anspannung, dass das Verdauungssystem nicht „arbeitet“. Diese Anspannung ist von der Natur eingerichtet, dass man sich verteidigen oder flüchten kann. Da kann sich das System nicht auch noch um die Verdauung kümmern. Alles geht eben nicht…
Hund durch Unfall verloren
Ein weiterer interessanter Fakt dieses Falles war, dass das Frauchen vor einiger Zeit einen anderen Hund durch einen Unfall verloren hatte. Der Hund war weggelaufen und überfahren worden. Vor den Augen das Frauchens, welches ihn nicht zurückrufen konnte. Darum hatte sie den Freilauf mit dem Beaglemix besonders geübt – bis zu dem Zustand, den ich bei meinem Besuch vorfand. Hund durfte vier Meter vorlaufen. Und wurde bei kleinstem Verdacht von zu viel Abstand zurückgepfiffen. Frauchen war ständig in Angst, dass der Hund weglaufen könne und wieder etwas Schreckliches passieren würde. So marschierten also ein hochgradig angespanntes Frauchen und ein hochgradig angespannter Hund durch die Gegend.
Wie es die Gesellschaft verlangt
Für Außenstehende sah im Grunde aber alles so aus, wie es die Gesellschaft verlangt. Gut hörender Hund darf frei laufen und hört gut auf Frauchen. Dabei gingen dort zwei höchst angespannte Lebewesen, eines in Angst, dass der Hund weglaufen könne und etwas Schreckliches passiert. Und eines in Angst davor, den unangenehmen Pfeifton um die Ohren gehauen zu bekommen, wenn er nicht nah genug beim Frauchen war. Ein typischer Fall von Schein und Sein…
Unwohlsein beim Gassigang
Keiner fühlte sich beim Gassigang wohl. Deswegen änderte ich diesen radikal. Der Hund wurde angeleint, um endlich frei zu sein. Denn sobald er spürte, dass der Verschluss der Leine an seinem Geschirr befestigt wurde, entspannte er sichtlich. Er wusste genau, dass kein Schreckreiz über die Pfeife kommt, wenn er angeleint ist – und Frauchen war auch viel entspannter, weil sie sich mit Leine sicher war, dass der Hund nicht weglaufen kann. Beide waren blitzartig entspannt, der stress wie weggeblasen und der der schädliche Dauerstress war nicht mehr zu spüren.
Lange Leine statt Unwohlsein

Seit dem Zeitpunkt wird der Hund beim normalen Spaziergang, mehrmals täglich, mit einer langen Leine geführt. Eine Leine, die ihm genügend Bewegungsfreiheit rund um Frauchen ermöglicht, ihn nicht einengt. Und Frauchen hat gelernt, den Hund an der Leine frei sein zu lassen. Ihn mal den Weg vorgeben lassen, zu erkennen, wie und wohin er sich bewegen möchte, ihn lange und ausführlich schnüffeln und forschen zu lassen. Frauchen stört den Hund an der Leine nicht. Die beiden sind inzwischen „frei zu zweit“, sie sind nicht angespannt, genießen jeden Gassigang, auf den sie sich freuen.
Und! Das ursprüngliche Problem, weswegen ich gerufen wurde, löste sich im wahrsten Sinne von allein. Der entspannte Hund an der Leine erledigte sein Geschäft wieder draußen statt in der Wohnung.
Rappeldose oder Pfeife
Allerdings war es mir auch wichtig, dem Hund genügend Gelegenheit zu geben, mal zu rennen und ohne Leine zu laufen. Das ermöglichen wir ihm heute entweder in abgesichertem Gelände, oder in ausgewählten Gegenden draußen, die übersichtlich und weit weg von Straßenverkehr sind. Zudem haben wir ein neues Rückrufsignal etabliert, weil die Pfeife zu stark als Schreckreiz unangenehm verknüpft war. Da der Hund auf das Rappeln seiner Leckerlidose sehr aufmerksam und angenehm reagierte, haben wir eben diese Rappeldose neben dem Wortsignal „Hier“ als positiv aufgebautes Rückrufsignal etabliert. Welches nur selten, aber zuverlässig genutzt wurde. Und bis heute gut funktioniert.
In diesem Fall also ein klares „Nein“ zur Pfeife und ein klares „Ja“ zu Rappeldose. Weil völlig anders eingesetzt als üblich – und individuell zugeschnitten.
Individuell einschätzen
Dieses Beispiel zeigt in meinen Augen sehr gut, dass man Mensch/Hundgespanne, Situationen, Hundeausbildung etc. immer vollkommen individuell für Mensch und individuell für den Hund einschätzen muss. Oft auch individuell für mehrere Familienmitglieder, mehrere Hunde. Ich habe inzwischen so viele „Fälle“ rund um Hunde und Hundehalter betreuen dürfen, dass ich sehr genau weiß, wie unsinnig pauschale Methoden, Tipps und Sprüche rund um das Thema sind. Unsinnig und auch unseriös.
Kein echtes Problem der Hundeerziehung
Das Problem zwischen Mensch und Hund war in diesem Fall relativ schnell individuell gelöst. Alles war und ist auch heute noch gut. Ein entspanntes Paar, wunderbar zu sehen. Allerdings verstehen das viele Menschen nicht. Viele quatschen die Hundehalterin insofern voll, dass sie doch ihren Hund auf dem normalen Gassigang mal von der Leine lassen solle, das hätte alles etwas mit Autorität, Bindung und Führung zu tun. Nein, das hat etwas mit den ganz eigenen Persönlichkeiten und Geschichten der Akteure zu tun. Die den besten Weg für ihr Zusammenleben finden müssen. Ohne pauschale Tipps und Schlaumeiereien…
Das Problem liegt an anderer Stelle
Wie man trotz Gerede und Erwartungen von außen trotzdem entspannt bleibt, Selbstzweifel ausräumt und letztlich den Blick auf sich und seinen Hund schärft, fällt eher in den Bereich der Humanpsychologie und hat weniger mit dem Hund zu tun.
Der Hund und das Zusammenleben mit dem Hund ist von seiner Besitzerin akzeptiert und gut so, wie es ist. Aber wie geht man mit der menschlichen Umwelt um, die einen in ein pauschales Gesellschaftskorsett in Sachen Hund zwängen will? Das ist die wahre Herausforderung. Nicht der Hund.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Unerzogener Hund oder unsensible Menschen?


Der Hundehalter hat sich mit der Körpersprache seines Hundes beschäftigt, hat ihm beigebracht, auf Signal ein Ersatzverhalten zu zeigen. Er hat sich mit dem Wesen seines Hundes beschäftigt, weiß, wie er in welchen Situationen reagiert, wie er seinem Hund helfen kann, wenn dieser verunsichert ist.
Doch dann passiert immer wieder das Gleiche. Der Hundehalter und sein Hund begegnen Menschen, die in Sekundenschnelle vieles einfach wieder ruinieren. Wenn man zum Beispiel einen unsicheren Hund hat, der aus verschiedenen möglichen Gründen unsicher ist und sich schnell bedroht fühlt. Das kann rassebeding angeboren sein, das kann durch schlechte Erfahrungen erworben sein – egal. Wenn ein Hund so ist, kann es für ihn ein Grauen sein, wenn Menschen sich über ihn beugen, ihn anstarren und /oder ihn vollquatschen. Und ggf. noch die Hand nach ihm ausstrecken. Dann fühlt er sich möglicherweise bedroht. Trotz langem Trainings, trotzdem, dass er mühsam erlernt hat, solche Situationen zu ertragen und ggf. auch mit der Hilfe von Konditionierungen sogar als positiv zu empfinden. Das Empfinden kann schnell kippen, weil das Anstarren, Vorbeugen und Vollquatschen vom Hund im Grunde immer als bedrohlich angesehen wird. Ist er sensibel, wie gesagt angeboren oder erlernt, kann trotz aller Bemühungen die Interpretation als Bedrohung durch einen Fremden schnell in ein Abwehrverhalten umschlagen. In den meisten Fällen äussert sich dies durch knurren oder bellen.

Man stelle sich also die Situation vor: Sensibler Hund trifft auf dem Gassigang einen Menschen, der es eigentlich nett meint. Er beugt sich vor, schaut den Hund an und redet mit ihm. Der Hund knurrt und kläfft los. Wie oft hört man dann, wie unerzogen doch der Hund sei. Wer dort dann pauschal von unerzogen redet, weiß doch garnichts davon, wie sehr sich der Hundehalter bemüht hat, welche Geschichte der Hund hat, warum er so sensibel ist.
Die Menschen die den Hund so ansprechen, meinen es in den meisten Fällen auch gar nicht böse – im Gegenteil, sie wissen oft nur nicht, was ihr Verhalten und ihre Körpersprache für den Hund bedeutet.
Was in solchen Situationen zu tun ist? Dafür gibt es keine Gebrauchsanleitung. Wichtig ist, dass man den Hund nicht in der für ihn bedrohlichen Situation lässt oder gar versucht, ihn irgendwie vom Bellen abzubringen. In meinen Augen wäre es gut dem Menschen ruhig zu sagen, dass sich der Hund bedroht fühlt, z. B. aufgrund seiner Geschichte. Und dass er sich bitte vom Hund abwenden möge. Dann ganz in Ruhe weitergehen. Und, ganz wichtig, gar nicht hinhören, wenn irgendjemand im Umfeld etwas von „unerzogener Hund“ redet. Auch wenn es schwer fällt…

Montag, 3. Oktober 2016

Lange Spaziergänge um den Welpen auszulasten?


Leider höre ich es von Hundehaltern so, oder so ähnlich, immer wieder. Der Welpe, irgendwo zwischen der 10. und 16. Lebenswoche, wäre nicht ausgelastet, wäre aufmüpfig und würde „Grenzen austesten“. Es würden lange Spaziergänge mit ihm unternommen, immer länger und länger, aber der Welpe wäre damit nicht auszulasten und nicht müde zu bekommen…
Genau das ist der Fehler. Das kleine, unausgereifte Welpengehirn ist gar nicht in der Lage, die vielen Eindrücke und Reize eines langen Spazierganges zu verarbeiten. Er ist nicht unterfordert und kommt deswegen nicht zur Ruhe – er ist überfordert und kommt nicht zur Ruhe, weil das Gehirn mit der Verarbeitung der Umwelteindrücke nicht nachkommt. Die körperliche Überforderung von dem unfertigen Welpenkörper an dieser Stelle mal außen vor.
Natürlich muss der Welpe mit Umwelteindrücken, Außenreizen konfrontiert werden, damit sein unausgereiftes Gehirn sich anpassen und reifen kann. Aber nicht auf einmal, sondern behutsam Stück für Stück.
Mal einige kleine Faustregeln zum Spaziergang mit dem Welpen (mit Spaziergang ist dabei nicht das Rausbringen zum Lösen in den Garten oder vor die Tür gemeint, welches regelmäßig erfolgen sollte. Ein Spaziergang führt weg vom Haus, vom Kernbereich des Welpenlebens):
Spaziergänge sind bei Welpen nicht dazu da, den Welpen auszulasten – es geht dabei darum, ihn langsam (!) an Außenreize zu gewöhnen.
Pro Lebensmonat sollte die Zeit eines Spazierganges mit ca. 5 Minuten multipliziert werden. Mit zwei Monaten also ca. 10 Minuten, mit drei Monaten ca. 15 Minuten pro Spaziergang usw.
Ein dauerhaft aufgedrehter Welpe ist nicht unausgelastet. Meist ist er überfordert und kommt deshalb nicht zur Ruhe. (medizinische Aspekte hier auch mal außen vor, die man auch immer abklären lassen sollte).

Richtiges korrigieren mit der Wasserpistole

Wenn Hunde gegenüber Artgenossen Aggressionen zeigen, kann das viele Gründe haben. Wenn man den vielfältigen Gründen mit pauschalen Techni...