Dienstag, 16. August 2016

Wann ist eine Tier- oder Pflanzenart eigentlich „heimisch“?


Immer wieder hört und liest man, dass man dieses oder jenes Tier, diese oder jene Pflanze bekämpfen müsste, weil sie hier nicht heimisch ist.
Fasan und Hase – nicht heimisch?
Die biologische Wechselwirkung von Lebewesen mal außen vor. Mir stellt sich aber immer wieder die Frage, was eigentlich heimisch bedeutet. Der Waschbär wird als Eindringling gesehen, der Fasan als heimisch und der Feldhase ebenfalls. Obwohl der Hase bejagt wird, wird er aber auch geschützt. Dabei wurde der Fasan in Mitteleuropa angesiedelt, bewusst, vom Menschen. Zwar schon vor einigen Jahrhunderten, aber er ist nicht von allein gekommen. Auch der Hase ist erst zu uns gekommen, als die Wälder durch Abholzungen durch den Menschen immer mehr zu einer Landwirtschaftssteppe wurden. So lange es die Erde gibt, wanderten immer Tierarten in Regionen zu, andere verschwanden wieder. Seit der Mensch da ist, potenziert sich die Geschwindigkeit der Wanderungsbewegungen, ganz klar. Aber welches Lebewesen wie und wo als heimisch oder als Eindringling zu bezeichnen ist, das ist fast unmöglich.
Heimischer Wolf reduziert angesiedeltes Muffelwild. Böser Wolf…
Muffelwild wurde in Deutschland angesiedelt. Und als der Wolf, der bis vor ca. 150 Jahren ein völlig normales, lange Zeit heimisches Tier war, wieder zurückkam, wurde er dafür verantwortlich gemacht, dass er die Bestände des vom Menschen angesiedelten Muffelwilds reduzierte. Also, was ist eigentlich „heimisch“, wie lange muss es hier sein, wie muss es gekommen sein? Selbst zugewandert, versehentlich mitgebracht, bewusst angesiedelt? Und hat nicht alles einen Einfluss auf die die Zusammenhänge von Flora und Fauna?
Welcher ist „der“ richtige Zustand?
Kann man überhaupt irgendeinen Ist-Zustand als den heimischen oder den optimalen bezeichnen? Und kann man alles einfrieren, damit irgendein Status, der willkürlich vom Menschen als optimal oder heimisch eingeschätzt wird? In meinen Augen kann man das nicht. Die Welt lebt, verändert sich – seit Millionen von Jahren. Und sie ist nie irgendwo in einem Zustand stehengeblieben. Und das wird sie auch nie. Da können wir Menschen uns noch so anstrengen. Und dann kann es auch noch so viele Lobbygruppen geben, die irgendeinen Zustand für ihre eigenen Interessen als optimal und wichtig und einzig wahren etc. bezeichnen.
Niemals Stillstand
Die Nilgänse als "Neubürger" fühlen sich bei uns sichtlich wohl.
Solange der Planet sich dreht, wird sich das Leben auf ihm verändern, anpassen und wieder verändern. In jedem Land, auf jedem Kontinent. Ob mit oder ohne Menschen. Aber solange es Menschen gibt sollten sie sich überlegen, ob Massentötungen und Ausrottungen von empfindungsfähigen Lebewesen wie z. B. dem Waschbären unseren moralischen Werten entsprechen. Oder wechseln die auch zwischen Interessen- und Lobbygemeinschaften willkürlich hin- und her?

Freitag, 5. August 2016

Wer den perfekten Hund hat, werfe das erste Leckerchen


Kürzlich wurde irgendwie und irgendwo über die vermeintlich perfekten Hunde von Hundetrainern diskutiert. Beziehungsweise über die Häme, die einem Hundetrainer teilweise entgegenschlug, weil ihm sein Hund entlaufen war. Das wirkte insgesamt für mich sehr befremdlich, weil meine Gedanken bei so etwas immer direkt beim Hund sind – und auch beim Hundehalter, der in diesem Fall zufällig ein Trainer ist. Man muss mit dem Trainer ja nicht einer Meinung in Hundefragen sein, das kann man aber anders artikulieren und diskutieren. Hier hoffe ich, dass der Hund schnell und wohlauf gefunden wird. Punkt.
Aber mal zurück zu der Frage, ob Hundetrainer generell perfekte Hunde haben sollten. Nun, das ist eine interessante Frage, vor allem weil sie mich nicht wirklich betrifft. Zum einen, weil ich kein Hundetrainer, sondern Hundepsychologe bin ;-)
Die perfekten Hunde – aus ihrer Sicht
Aber auch, weil ich perfekte Hunde habe. Naja, das denken die Hunde zumindest. Da ist zum einen meine Samojedin Koka, die es perfekt beherrscht, das, was ich sage, zu ignorieren. Samojeden sind nicht mit einem eng gefassten Zuchtziel selektiert worden. Sie lebten und leben bei dem Rentierzüchtervolk der Samojeden in der sibirischen Taiga. Ohne enges Zuchtziel leben die Hunde dort sehr selbstständig und tragen das bis in die moderne Welt hinein.
Die Mittelkralle der Samojeden
Man könnte es so zusammenfassen und erklären: Es  gibt Hunderassen, die vom Grundcharakter so selektiert wurden, dass sie auf „Kommando“ einen Abhang hinunter springen würden. Ein Samojede würde in solch einer Situation die Mittelkralle in Richtung des Kommandogebers recken und diesem mit verärgerten Blicken deutlich mitteilen, dass er selbst springen solle. Samojeden sind, vermenschlichend und verhaltensbiologisch komplett falsch ausgedrückt, einfach „Dickköppe“. Selbstständig und zu nichts zu zwingen. Und komm mir auch keiner damit, dass man nach behavioristischer Lerntheorie jeden Hund zu jedem Verhalten konditionieren könne. Wer das sagt, hat noch nie einen Samojeden gekannt. Es sind fast immer freundliche Hunde, die man aber schlicht nicht zu allem überreden kann. So ist meine Koka also eine perfekte Samojedin, aber bestimmt kein perfekt „funktionierender“ Hund, der heute von der Gesellschaft verlangt wird. Die Freundlichkeit gegenüber Menschen ist bei ihr stark ausgeprägt, gegenüber Hunden ist ihre Freundlichkeit sehr selektiv. Und wenn sie einen nicht mag, dann bekommt das auch jeder mit – im weiten, hörbaren Umfeld. Und wenn ein Samojede der Meinung ist, sich für einen Ausflug länger zu verabschieden, dann macht ein Samojede das. Aber keine Sorge, pünktlich zum Abendessen ist er wieder daheim ;-)
Perfekt für mich
Also, meine Samojedin Koka ist sicher der Meinung, dass sie perfekt ist. Und da ich selbstständige Lebewesen mag, ist sie auch für mich perfekt. Zudem achte ich darauf, dass sie niemanden belästigt und / oder gefährdet. Was dann andere über ihre vermeintliche notwendige Perfektion in unserer heutigen Zeit denken, ist mir relativ wurscht.
Die Tinnituströte
Achja, und dann habe ich noch Regaliz. Die Rasse ist nicht wirklich bekannt, es ist aber zu vermuten, dass er zu diesen kleinen, lebenden Alarmanlagen spanischer Fincas gehört. Laut Gentest war in grauer Vorzeit irgendwie auch einmal ein Zwergpudel beteiligt. Allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit dieser Hunderasse das „Zwerg“. Und auch Regaliz ist seiner persönlichen Meinung nach perfekt. Er versucht immer seinem Umfeld in lautesten Tönen mitzuteilen, wenn irgendetwas, aus seiner Sicht nicht in Ordnung ist. Wenn er sich bei mir auf dem Sofa aalt und im Nachbarort ein Hund vor die Tür tritt, bellt er in höchsten Tönen los, um den Feind vorzuwarnen, nicht in unsere Nähe zu kommen. Das kommt meist so plötzlich und in wirklich so hohen Tönen, dass mir noch Minuten später die Ohren klingeln. Ich habe beim VDH schon einen Antrag gestellt, ihn als eigene Rasse eintragen zu lassen. Als Tinituströte. Und diesem Namen wird er perfekt gerecht…
Perfekte Samojedin, perfekte Alarmanlage
Wie man also sieht, sind meine Hunde perfekt. Koka ist perfekt darin – eine Samojedin zu sein…
Und Regaliz (Regi) ist die perfekte Alarmanlage mit Tinnitusgarantie. Das mag nicht für jedermann der Vorstellung eines perfekten Hundes entsprechen. Aber, wie gesagt, das juckt mich nicht – ich habe dafür zu sorgen, dass sich meine Hunde wohlfühlen und dass sie niemanden belästigen oder gefährden. Wenn ich es allen Menschen gerecht machen wollte, würde ich vermutlich eines Tages psychologischen Beistand benötigen.
Meine Hunde halten sich selbst für perfekt, für mich sind sie perfekt weil sie genau so, wie sie sind, zu mir passen. Und das Tinnituströten des Zwergs ist nur punktuell, so dass er damit nicht die „erlaubten 30 Minuten pro Tag“ überschreitet ;-)
Wenn die perfekten Leckerchen fliegen
Im Grunde alles perfekt, wenn man geschwätzige Perfektionisten nicht zu ernst nimmt, und sein Leben und das Leben seiner Vierbeiner so gestaltet, dass sich alle so wohl wie möglich fühlen.
Und wer den vollkommen perfekten Hund hat, der nicht bellt, der nicht Jagd, der gar keine Individualität hat. Der werfe das erste Leckerchen. Ich bin mir sicher, dass viele unperfekte Hunde diese perfekt schnappen würden…

Donnerstag, 4. August 2016

Vorsicht! Wenn sich der Hund streckt, ist er dominant…


Au Mann, mal wieder so etwas, wo ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Ich halte es ja seit geraumer Zeit so, dass ich den Verbreitern und Erfindern von Thesen, die der gesunde Menschenverstand und jegliche Plausibilitätsüberprüfung als Blödsinn entlarven, keine Plattform zu geben. Doch einige ihrer Thesen sind so abstrus, dass man sie durchaus der Lächerlichkeit preisgeben sollte. Um Hundehalter zum selbstständigen Nachdenken zu animieren.
So behauptet irgendwo einer der Experten mit gepachtetem und unantastbarem Wahrheitsmonopol, dass Hunde, die sich nach dem Aufstehen recken und strecken, dominant seien. Das Recken eine Dominanzgeste sei.
Himmelherrgott! Was für ein Blödsinn. Die fast schon besessene Suche nach Hinweisen, dass Hunde die Menschheit unterwerfen möchten, nimmt ja schon biblische Ausmaße an.
Der plausible Grund des Streckens
„Das Strecken und Dehnen der Glieder beendet zum einen den "Ruhemodus" der Muskeln, die nun nach einer Phase der Entspannung wieder besser durchblutet und unter Spannung gebracht werden. So gelangen sie in einen aktiven und einsatzfähigen Zustand. Zum anderen wirkt das Dehnen einer Verkürzung der Muskeln und der Gelenkkapseln entgegen.“ (Zitat Dr. Simon, Hamburger Abendblatt vom 15.8.11, Artikel „Warum streckt man nach dem Aufwachen die Glieder?“)
Zu viele „Gläubige“
Recken und Strecken bringt den Hund nach einer Ruhephase schlicht wieder in die körperliche Bereitschaft, sich zu bewegen – so die plausibelste und durchaus belegbare Begründung. Dass es irgendetwas mit vermeintlicher „Dominanz“ zu tun hat ist nicht nur wenig plausibel. Es ist Kontextbezogen auch nicht nachweisbar. Kurz: Unfug…
Das traurigste an dem Märchen dieses Hundeexperten ist für mich nicht mal der Hundeexperte an sich. Merkwürdige Menschen gibt es nun einmal.
Das traurigste ist, wie viele Menschen solchen „Experten“ unreflektiert glauben und am Ende ihren Hunden noch das Strecken und Dehnen verbieten. Als wenn Hunde nicht schon genug Blödsinn ertragen müssten…

Dienstag, 2. August 2016

Von Krauses, Tierschutzuschis, Dogdominas und Resterampenmachos



Irgendwie hört man ja immer wieder von zwei „Lagern“, wenn es um Hundeerziehung geht. Nun, ehrlich gesagt findet man tatsächlich höchst unterschiedliche Sichtweisen, wenn es um den Umgang mit Hunden geht. Allerdings von nur zwei Lagern zu sprechen ist mir persönlich zu pauschal.

Pauschales Lagerdenken

Aber davon mal abgesehen, ist dieses Lagerbeschwören, vor allem in Internetdiskussionen, manchmal recht merkwürdig. Wie gesagt, ich denke, dass von zwei Lagern zu sprechen viel zu einfach ist. Trotzdem gibt es natürlich Gemeinsamkeiten von Menschengruppen, die sich von anderen unterscheiden. Interessant ist immer wieder, dass Menschen, die Ihren Hund nicht mit gern unangenehmen Dingen konfrontieren möchten, auch mal als Wattebäusche, Gutmenschen oder Grünschleifen abgestempelt werden - selbst, wenn man die grüne Schleife noch als "Band der Sympathie" einer Bank im Gedächtnis hat. Und nicht weiß, was mit Grünschleifen gemeint ist. Wenn man als Hundetrainer unfreundliche Dinge gegenüber Hunden ablehnt, wird man auch gern als Krause gemobbt. Und wenn man sich um Tiere aus dem Tierschutz kümmert, schallt einem oft die „Tierschutzuschi“ um die Ohren. Pauschal…

Hardliner? Einfallslos!

Die so betitelten wehren sich dann oft mit ausschweifenden Diskussionen oder nennen diejenigen, die Wattebausch rufen, Tierquäler oder Hardliner. 
Wie einfallslos :-)

Hinter Tierschutzuschi oder Krause steckt ja wenigstens etwas Kreativität. Aber Hardliner? Langweilig…

Dabei liefern doch auch diejenigen, die andere verbal mit Krausezynismus niedermobben möchten, so herrliche Vorlagen für eigene Spitznamen. Zum Beispiel die Dogdominas. Dogdominas? Kennt ihr nicht? Doch kennt ihr.

Die stechenden Augen der Domina

Ab und zu begegnen mir weibliche Hundehalter, die mir, sofern sie mich nicht kennen, folgende Frage stellen: „Nach welcher Methode bilden sie denn Hunde aus?“

Wenn ich dann nur mit „fair“ antworte, verändert sich bei diesem speziellen Typ Hundehalterin direkt die Mimik. Man merkt förmlich, wie das Wort „fair“ einen Denkprozess bei der Dame auslöst, ihr Gehirn Gedanken an Wattebäusche und diese grünen Bankbänder vor ihr inneres Auge liefert. Ihre Stirn runzelt sich, die Augen rücken enger aneinander und werden schmaler – während sie ihren Nacken anhebt, das Kinn dabei senkt und mich etwas schief anschaut. Das Ganze gepaart mit einem Vortrag über irgendwelche Grenzen und Rudelführungen. Ohne, dass ich mehr gesagt hätte, als „fair“.

Kobras und Frauenfeindlichkeit

Der Blick einer Kobra, die kurz davor ist, sich ihre Beute zu schnappen. Gepaart mit der Rechtfertigung für unangenehme Dinge gegenüber Hunden. Wie der Blick einer Domina, kurz bevor sie die Peitsche schwingt (wenn sich jetzt jemand fragt, woher ich diesen Blick kenne. Ich kenne ihn nicht – ich stelle ihn mir so vor :-) ). Eine Dogdomina eben. Festgefahren in Dogmen und auf Schlüsselwörter ihr gesamtes Potenzial an Vorurteilen abrufend.

Und, damit mir keiner mit Frauenfeindlichkeit kommt. Natürlich gibt es die gleichen Typen auch unter Männern. Da würde ich diejenigen, die sofort eine grüne Wattebauschallergie bekommen, nur wenn jemand seinen Hund fair behandeln möchte, allerdings eher ins aussterbende Lager der Machos einreihen. Aber da Machos im gesellschaftlichen Kontext heute eher auf die Resterampe geworfen werden, haben sie wohl nur noch als vermeintliches Alphatier bei Hunden etwas zu melden – bevor sie im echten Leben den unterwürfigen Omegakollegen spielen.

Sonntag, 3. Juli 2016

Der Mensch, die Hundeerziehung und die einfachen Lösungen



Zitat „Psychologie Heute, Juli 2016, Seite 21:

-           - Sie neigen dazu, sich auf die erstbesten Informationen zu stürzen und ein schnelles Urteil zu fällen, selbst, wenn sie relativ wenig wissen.

-           - Wenn sie einmal zu einem Ergebnis oder Urteil gekommen sind, halten sie daran fest, selbst, wenn dies bedeutet, neue oder bessere Informationen zu ignorieren


Gemeint sind damit Menschen, die mit den vielfältigen Informationen und Unsicherheiten unserer Zeit überfordert sind und nach einfachen Lösungen suchen.

Einfacher Umgang mit dem Hund

Einfacher Umgang mit dem Hund. Dafür stehe ich. Eigentlich. Doch das sollte man nicht falsch verstehen. Ich sehe den Hund als hochkomplexes und nicht einfach gestricktes Lebewesen an. Wenn wir dieses hochkomplexe Lebewesen auch nicht  immer verstehen können, können wir sein Verhalten dennoch manchmal einfach akzeptieren. Uns im Zusammenleben so arrangieren, dass für alle Beteiligten das Beste dabei herauskommt. Dazu gehört wie gesagt auch, das Zusammenleben nicht unnötig zu verkomplizieren. Wenn niemand dabei Schaden nimmt.

Unter einfachem Umgang mit dem Hund verstehe ich aber nicht, bei Problemverhalten auf einfache Lösungen zu setzen. Man kann mit einfachen Lösungen Probleme auch verstärken oder weitere kreieren.

Einfache Lösungen

Aber die Sache mit den einfachen Lösungen ist so eine menschliche Eigenart. Das Leben ist mit undurchsichtigen, komplexen und widersprüchlichen Situationen und Sachverhalten gespickt. Habe ich morgen noch einen Job? Wie kann man die Terrorgefahr lösen? Bedroht uns die Umweltzerstörung? Macht uns Pflanzenschutzmittel krank? Wird die lokale Politik endlich eine Umgehungsstraße um unseren Ort finden oder uns vor vermeintlicher „Überfremdung“ schützen?

Viele Fragen beschäftigen uns. Und in dem Dschungel aus Fragen und Unsicherheiten suchen Menschen nach Antworten. Nach raschen Antworten, um die Unsicherheiten vermeintlich schnell zu überwinden. Doch diese tatsächlich einfachen Lösungen gibt es nicht. Die Suche nach der schnellen Überwindung aller Unsicherheiten überfordert viele Menschen heute daher.

Der Artikel in der „Psychologie Heute, Juli 2016, Seite 20 ff“ beschäftigt sich mit dem Thema. Das Zitat vom Anfang wird dort aufgeführt. Weiter wird dort erläutert, wie abträglich dieses Verhalten in vielen Situationen ist und dass dieses „erstbeste Informationen als Wahrheit ansehen und besessen daran festhalten“ negative Folgen haben kann. Es kann zu übereilten Entscheidungen führen, zu Fehlgewichtung von Informationen, man läuft Gefahr, manipuliert zu werden. Vorurteile haben einen guten Nährboden. Zudem sind diese überforderten und nach einfachen Lösungen und Wahrheiten suchenden Menschen empfänglich für autoritäre Ideologien. Sie folgen vermeintlichen Heilsbringern oft unreflektiert. In der Hundeszene findet man diese Heilsbringer an allen Ecken und Enden. Die mit den ultimativen Erziehungsmethoden, die Ernährungspäpstinnen und Päpste, die Beschäftigungsgurus…

Ursachen für Aggression nicht immer einfach

Auch bei der Informationsflut rund um den Hund sind viele Menschen inzwischen maßlos überfordert bei der Filterung eben dieser Informationen. Und auch hier wird nach schnellen, einfachen Wahrheiten und Lösungen gesucht. Was auch hier mit den Gefahren verbunden ist, manipuliert zu werden und empfänglich für autoritäre Ideologien zu werden. Zudem führen fehlgewichtete Informationen auch im Hundebereich zu übereilten Entscheidungen.

Als Beispiel kann man ein übersteigertes Aggressionsverhalten eines Hundes anführen. Wenn man ein solches Verhalten sachlich, in Ruhe und unter Einbeziehung vieler kontextbezogener Sachverhalte analysiert, ist die Problemanalyse ein hochkomplexes Thema.

Ich persönlich erstelle in meiner Praxis immer wieder Statistiken meiner Kundenfälle. Und daraus ergeben sich interessante Blickwinkel, vor allem zum Thema übersteigerte Aggression bei Hunden. 63% von aggressivem Verhalten sind demnach gesundheitsbedingt. Schmerzhafte muskuläre oder Gelenkerkrankungen, Entzündungen oder hormonelle Probleme wie z. B. eine Schilddrüsenunterfunktion sind häufige Ursachen. Und von den verbleibenden 37% der aggressiven Hunde, hatten wieder 85% eine unschöne Vergangenheit – in der sie überwiegend mit Strafen konfrontiert wurden.

Mangelnde Führung Grund für Aggression?

Wie man sieht, kann Aggression viele Ursachen haben. Hundeexperten, die das nicht berücksichtigen und immer das einfache Muster von mangelnder „Rudelführung“ etc. bemühen, machen sich das zuvor beschriebene zunutze. Die Unsicherheit vieler durch Informationsflut überforderter Menschen.

Aggressionsprobleme sollten aber mit viel Verstand, Wissen und Fingerspitzengefühl angegangen werden. Und nicht mit simplem Rangordnungsgerede…

Einfache Lösung für die einfachen Lösungen?

Mal abgesehen von Hundeproblemen und konkreter Problemlösungsorientierung. Wie können Menschen Unsicherheiten und Verwirrungen der heutigen Zeit überwinden, ohne Gefahr zu laufen, manipuliert zu werden und autoritären Ideologien nachzurennen?

Natürlich gibt es auch dafür keine einfache Lösung. Ein erster Schritt wäre es aber schon, manchmal das eigene Hirn zu benutzen, nicht nur vermeintlichen Wahrheiten hinterher zu hecheln. Über Konsequenzen des eigenen Handelns nachzudenken.  Zu lernen, Unsicherheiten mal auszuhalten. Die obsessive Suche nach den einfachen Lösungen macht das Leben nämlich am Ende  noch komplizierter, als es sein müsste. Wenn man einem aggressiven Hund z. B. mit eigener Aggression begegnet, werden die Probleme und die Gründe der Probleme nämlich nicht besser. Vielleicht unterdrückt, aber nicht besser.

Sonntag, 26. Juni 2016

Der perfekte Hund und die kränkelnde Psyche des Menschen



Zum Thema Mensch und Perfektion möchte ich einmal einige Zeilen aus der Zeitschrift „Psychologie Heute – Compact, Heft 45 / 2016“ zitieren:

Dort wird erläutert, dass die Zahl der Menschen stetig zunimmt, denen eine innere Stimme Befehle wie „Du musst, „Du sollst, und „Du darfst nicht“ einflüstert. Dadurch werden sie täglich zu Höchstleistungen und Selbstverbesserungsmaßnahmen getrieben. Perfektionismus sei in der westlichen Welt endemisch. Das heißt, dass er wie eine Krankheit ist, die immer häufiger in einer Population auftritt.

Diese Feststellung treffen laut „Psychologie Heute – Compact“ die kanadischen Forscher Gordon L. Flett von der York University und Paul L. Hewitt von der University of Columbia, die sich seit langem mit dem Thema beschäftigen. Auch der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli schreibt in seinem Buch „Perfektionismus, wenn das Soll zum Muss wird (Pattloch, München 2014)“: Perfektionismus prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm entziehen.

Krankhafte Perfektion

Kurz zusammengefasst könnte man sagen, dass man bei wissenschaftlicher Betrachtung davon ausgeht, dass der Wunsch und das Streben nach Perfektion in der so genannten westlichen Welt als krankhaft zu bezeichnen ist.

Menschen sind also in einem nicht die Gesundheit fördernden Maß damit beschäftigt nach Perfektion zu streben. Gut, als Hundefreund könnte ich mir jetzt sagen, dass das ein Problem der Menschen ist. Wenn die Hunde nicht unter diesem menschlichen Perfektionswahn leiden müssten. So machen die Menschen natürlich keinen Halt davor, ihre Hunde perfektionieren zu wollen. Man kann ein wachsendes Verlangen von Hundehaltern beobachten, in jeder Situation einen perfekten Hund präsentieren zu wollen.

Menschliches Problem wird zum Hundeproblem

Das ist, wie gesagt, immer noch ein menschliches Problem. Dass der Hund aber ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen ist, dem die menschliche Perfektion in den meisten Fällen ziemlich „schnuppe“ ist, wird dabei oft vergessen. Stattdessen werden sich von der endemisch kränkelnden Perfektionssucht der Menschen immer neue „Methoden“ ausgedacht, um den Hund zum perfekten Begleiter zu erziehen. Wobei die Methoden selten wirklich neu sind. Oft sind sie nur alter Wein in neuen Schläuchen. In der so genannten „Hundeerziehung“ wird vornehmlich immer noch darauf gesetzt, dem Hund jegliches Verhalten zu „vermiesen“, welches nicht in die perfekte Menschenwelt passt.

Hundehalter verantwortlich für seinen Hund

Ja, ja. Ich sehe beim Lesen dieser Zeilen direkt wieder einige Leser mit dem Kopf auf  den Tisch fallen oder in dessen Kante beißen. Und die alten Floskeln ausrufen, dass ein Hund doch hören müsse, dass nur ein erzogener Hund sich frei bewegen könne, dass die heutige Gesellschaft keinen „unperfekten“ Hund toleriert usw.

Liebe Tischkantenbeißer. Ihr könnt Euch entspannen. Ich sage nicht, dass man Hunde alles machen lassen sollte, was sie möchten. Hunde dürfen keine Menschen oder andere Tiere belästigen oder gefährden. Dafür muss ich als Mensch sorgen. Genauso, wie ich dafür sorgen muss, dass sich mein Hund wohl fühlt, ein lebenswertes Leben führt.

Aber aus dem Lebewesen Hund einen perfekt funktionierenden Roboter zu machen, dafür brauche ich nicht zu sorgen. Im Gegenteil, das ist ein krankhaftes Verlangen des Menschen, welches auch den Hund krank machen kann.

Hundehalter sollten lernen, einfach mal wieder zu entspannen. Zum eigenen Wohl und zum Wohl des Hundes.